Aik Wirsbinna (links) ist seit Anfang Juni neuer Alleingeschäftsführer der Stadtwerke Pforzheim. Sein Vorgänger Herbert Marquard hatte den Kommunalversorger zurück in die Erfolgsspur gebracht und springt ab August als Feuerwehrmann bei den Stadtwerken Bietigheim-Bissingen ein.

Aik Wirsbinna (links) ist seit Anfang Juni neuer Alleingeschäftsführer der Stadtwerke Pforzheim. Sein Vorgänger Herbert Marquard hatte den Kommunalversorger zurück in die Erfolgsspur gebracht und springt ab August als Feuerwehrmann bei den Stadtwerken Bietigheim-Bissingen ein.

Bild: © Stadtwerke Pforzheim

Von Hans-Peter Hoeren

Die Stadtwerke Pforzheim (SWP) werden künftig jedes Jahr in etwa 100 Millionen Euro investieren, vor allem in die Wärme- und Energiewende. Das ist ein deutlicher Anstieg des bisherigen Investitionsniveaus. Um das zu finanzieren, braucht der mehrheitlich kommunale Versorger neben einer soliden Eigenkapitaldecke auch weiteres Wachstum. Um dieses sicherzustellen, will sich das Unternehmen über die Stadt Pforzheim hinaus zu einem Regionalversorger entwickeln.

Im Fokus steht dabei vor allem der benachbarte Enzkreis mit über 190.000 Einwohnern und insgesamt 28 Gemeinden. Dort haben die SWP bereits einige Wasserkonzessionen und technische Betriebsführungen für einige Gemeinden übernommen. Auf dieser Grundlage will sich das Unternehmen nun dort zum strategischen Partner in allen energie- und wasserwirtschaftlichen Themen weiterentwickeln.

"Die Wertschöpfung bleibt in der Region, die Kommunen bestimmen den Kurs und die SWP können ihr Fachwissen direkt vor Ort einbringen."

"Natürlich könnte auch jede dieser Gemeinden entsprechende eigene Strukturen aufbauen. Effizienter und wirksamer ist es aber, die Kräfte in einem gemeinsamen Verbund zu bündeln und das Gemeinschaftsdenken zu stärken", sagt Aik Wirsbinna, Geschäftsführer der SWP.

Das geplante Verbundunternehmen soll "Enzwerk" heißen. Die beteiligten Kommunen sollen 65 Prozent der Anteile an dem neu zu gründenden Versorgungsunternehmen halten, die restlichen 35 Prozent die SWP. Über diese Beteiligungsverhältnisse soll die Einflussnahme der Kommunen auf die Energieversorgung sichergestellt werden. "Im Endeffekt ist es ein klassisches Win-Win-Modell", so Wirsbinna. "Die Wertschöpfung bleibt in der Region, die Kommunen bestimmen den Kurs und die SWP können ihr Fachwissen direkt vor Ort einbringen."

Damit diese Idee fliegt, muss vor allem Vertrauen in den Kommunen geschaffen und Überzeugungsarbeit geleistet werden. Ein echtes "People-Business", das Wirsbinna viel in die Rathäuser und die Gemeinderäte des Enzkreises führt, um das Konzept vorzustellen. Erste Gemeinden haben bereits verbindlich ihr Interesse bekundet, bis Ende des Jahres soll das Enzwerk in der Rechtsform einer GmbH gegründet werden.

SWP wollen auch im Bereich der Netzkonzessionen wachsen

In der aktuellen Phase gehe es vor allem darum, für das Vorhaben zu werben und mit ersten kleinen Schritten, wie weiteren Betriebsführungen, die Position im Enzkreis weiter zu festigen und sukzessive zu wachsen. "Wenn Sie mit 28 Bürgermeistern sprechen, geht es erst einmal darum, ein Gemeinschaftsdenken zu entwickeln und zu vermitteln, dass man die Transformation der Energiewende gemeinsam besser hinbekommt als allein." Das Wachstumspotenzial insgesamt sei groß. Letztlich sei die Idee, das Wachstum der SWP in Pforzheim in Bereichen wie Vertrieb, Breitbandausbau, Wärmeversorgung im Enzkreis deutlich zu steigern.

"Perspektivisch wollen wir nicht nur Partner bei der Transformation der Wärme- und Energieversorgung im Enzkreis sein, sondern wir wollen natürlich auch in Zukunft die Netze betreiben" umreißt Wirsbinna die langfristigen Ziele. Das lasse sich aber nicht "mit quietschenden Reifen" erreichen, sondern erfordere stetige Aufbauarbeit. In den nächsten vier, fünf Jahren würden erste Stromkonzessionen neu ausgeschrieben, hier wolle man konkurrenzfähige Angebote bereitstellen.

In einem ersten Schritt bieten die SWP in den Kommunen des Enzkreises an, die beiden ersten Stufen der kommunalen Wärmeplanung zu übernehmen, unter anderem die Potenzialanalyse. Später sollen dann Strom- und Gasprodukte und auch weiterhin Glasfaser in den Gemeinden vertrieben werden. Auch im Bereich Photovoltaik, etwa auch auf öffentlichen Gebäuden, sieht Wirsbinna viel Potenzial.

Konsolidierung und Aufbruchstimmung

Nach der Gründung des Enzwerks wollen die SWP in der Anfangsphase vor allem Betriebsführungen anbieten, eigenes Personal ist im Enzwerk zu Beginn nicht geplant. Bei entsprechendem Wachstum soll sukzessive eine entsprechende Mitarbeiterschaft aufgebaut werden.

Die ambitionierten Wachstumsziele sind auch Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses und einer neuen Unternehmenskultur nach einer schmerzhaften Krise der SWP vor sechs Jahren, in der Herbert Marquard die Leitung des Unternehmens übernommen hatte. Diese hat der mittlerweile 71-Jährige Anfang Juni seinem Nachfolger Aik Wirsbinna als Alleingeschäftsführer übergeben. Zuvor waren beide seit Anfang 2025 als Co-Geschäftsführer tätig.

"Der Verschuldungsgrad war 2019 sehr hoch und lag zwischen 6,5 bis 7 Prozent. Wir waren nicht bundesbankfähig und damit auch nicht investitionsfähig", sagt Marquard. Die Unternehmenskultur sei "im Eimer gewesen", zahlreiche Mitarbeitende hätten das Unternehmen verlassen. In einem längeren Strategieprozess sei es gelungen, sich aus dieser Negativspirale herauszuarbeiten und eine Aufbruchstimmung zu erzeugen.

Ertragskraft gesteigert, Eigenkapital erhöht

Die Mitarbeiterzahl ist von 450 auf 650 angewachsen. Vor allem im Vertrieb, beim Breitbandausbau und den Betriebsführungen im Wasserbereich sei man stark gewachsen. Die operative Leistungsfähigkeit wurde gestärkt, das Unternehmen liefere gute Ergebnisse. Der Jahresabschluss 2024 liegt bei 32,5 Millionen Euro.

Die Eigenkapitalquote ist zwischen 2019 und 2023 von 28,7 auf 41,6 Prozent angestiegen, das Eigenkapital von 102 auf 194 Millionen Euro. Das Ebit hat sich von 14,8 auf 37,5 Millionen Euro nahezu verdreifacht, der Unternehmenswert kletterte von 153 Millionen auf nahezu 471 Millionen Euro.

"Wir haben eine gute Strategie und eine gute Unternehmenskultur. Deshalb hat der Aufsichtsrat eigentlich eher branchenunüblich eine interne Lösung bei der Nachfolge von Herrn Marquard gewählt", sagt Aik Wirsbinna.

Vertrieb soll digitaler und effizienter werden

Als drei der wichtigsten Herausforderungen sieht Wirsbinna in den nächsten Jahren in Pforzheim den Fernwärme- und Stromnetzausbau und weiteres Wachstum im Bereich der Energiedienstleistungen. 60 Prozent der Innenstadt von Pforzheim werden bereits mit Fernwärme versorgt, das soll noch deutlich gesteigert werden. Für den Ausbau der künftigen Wärmeversorgung werden auch ein Flusskraftwerk, Abwärme und der Bau einer IKWK-Anlage geprüft.

Das Kerngeschäft, wie etwa den Vertrieb, wolle man dabei nicht vernachlässigen, sondern noch effizienter, digitaler und einfacher aufstellen. Für die Finanzierung der erforderlichen Investitionen sieht sich das Unternehmen aktuell gut gerüstet. Man wolle bei der Eigenkapitalquote nicht unter 40 Prozent sinken, der Verschuldungsgrad soll nicht über 4,5 Prozent ansteigen. Das Wachstum der vergangenen drei Jahre habe man ohne Bankkredite erreicht. Mit alternativen Finanzierungsoptionen wolle man sich deshalb erst beschäftigen, wenn es wirklich erforderlich sei.

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