Am Klärwerk der Stadt Papenburg im Emsland soll die erste PV-Freiflächenanlage der Energiegenossenschaft entstehen.

Am Klärwerk der Stadt Papenburg im Emsland soll die erste PV-Freiflächenanlage der Energiegenossenschaft entstehen.

Bild: © Stadt Papenburg

Von Andreas Lorenz-Meyer

Einen kommunalen Wärmeplan hat das westniedersächsische Papenburg noch nicht. Die Stadt und der Oldenburger Strom- und Gasnetzbetreiber EWE Netz erarbeiten ihn aktuell, 2026 soll er fertig sein. Organisatorisch ist die angestrebte künftige Klimaneutralität aber schon auf den Weg gebracht – mit der Gründung der Energiegenossenschaft Papenburg im Februar.

Wie die Dekarbonisierung in Angriff genommen wird, ist schon länger Thema in Papenburg. Die Stadt hatte die Gründung von Stadtwerken 2023 prüfen lassen und dann darauf verzichtet. Wobei die Stadtwerkegründung keine Alternative gewesen wäre, sondern eine Ergänzung zur Energiegenossenschaft, betont Felix Voigt, Pressesprecher der Stadt Papenburg. Hinter dem Stadtwerkemodell habe die Idee gesteckt, in den Energiemarkt einzusteigen und lokal erzeugte Energie selbst zu vermarkten. "Dieser Ansatz erfordert allerdings einen Grundstock an energieerzeugender Infrastruktur. Diese haben wir noch nicht. Sie wird nun zunächst in den Aufbau gebracht – auch durch die Energiegenossenschaft."

Beitritt leicht gemacht

Deren Geschäftsplan und Satzung hatte eine 15-köpfige Gründungsgruppe erarbeitet, allesamt Ehrenamtliche, die in ihrer Freizeit die Energiezukunft der Stadt mitgestalten. Operativ federführend ist der fünfköpfige Vorstand. "Wir möchten gemeinsam die Energie- und Wärmewende in Papenburg beschleunigen", sagt Vorstandsvorsitzender Peter Schmidt. Der 45-jährige gebürtige Papenburger ist Informatiker und Leiter der IT beim Landkreis Leer. Berührungspunkte zur Energiewirtschaft hatte er bisher nicht. "Im Vorstand sitzt noch ein Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik, das kommt beruflich der Energiebranche am nächsten. Ansonsten sind wir alle Quereinsteiger."

Der Start ist ihnen geglückt. Seit 1. Juni können Anteile gekauft werden – und die Papenburger greifen zu. "Wir nähern uns dem hundertsten Genossen", verkündet Schmidt. Was nicht zuletzt auch an der Satzung liegt, die den Beitritt bewusst leicht macht: Mitglied werden kann, der den Erst- oder Zweitwohnsitz in Papenburg hat und mindestens einen Geschäftsanteil (250 Euro) erwirbt. "Dadurch haben wir den Papenburg-Bezug und gewährleisten eine niedrige finanzielle Schwelle." Bei allen Entscheidungen der Genossenschaft hat jedes Mitglied eine Stimme – unabhängig von der Anzahl der Genossenschaftsanteile.

Das Pilotprojekt

Mit den bisher gezeichneten Anteilen kommt die neue Energiegenossenschaft schon auf rund eine Viertelmillion Euro. Geld, das für den ersten Business Case verwendet wird: eine Freiflächen-PV-Anlage am Klärwerk der Stadt Papenburg. Die Genossenschaft hat das Gelände gepachtet, die Ausschreibung für den Bau startete Mitte Juni und dauert bis 12. Juli. "Danach wollen wir schnell den Zuschlag erteilen." Die aktuell schwierigen Lieferbedingungen für die Anlagen-Komponenten eingerechnet und "mit etwas Optimismus" könnte die Anlage "zur nächsten Sonnensaison" startklar sein. Also im Frühjahr 2026.

Ursprünglich war geplant, eine Anlage mit 700 Kilowatt Leistung zu bauen. "Allerdings sind wir auf 450 Kilowatt runtergegangen, um den Eigenverbrauch zu maximieren." Schmidt rechnet mit 400.000 Kilowattstunden Jahresproduktion. Die Kläranlage selbst nimmt 60 bis 70 Prozent direkt ab – 250.000 bis 300.000 Kilowattstunden. "Davon profitieren sofort alle Bürger, weil die Abwassergebühren sinken." Die restlichen 30 bis 40 Prozent der Produktion gehen ins öffentliche Netz. Einen Speicher wird es nicht geben. "Wir haben das durchgerechnet. Er würde die Amortisationszeit deutlich erhöhen, den Autarkiegrad jedoch nicht sonderlich. Kurzum: Es rechnet sich nicht."

Flexibilität bei der Finanzierung

Die Anlage kostet gut eine halbe Million Euro. Möglich ist es schon, dass die Anteile von Bürgern und Stadt am Ende doch nicht alles abdecken. Zudem könnte es kaufmännisch besser sein, Teile der Anlage mit Fremdmitteln zu finanzieren, um zum Beispiel direkt mit einem Folgeprojekt starten zu können. Schmidt und seine Mitstreiter sind auf solche Eventualitäten vorbereitet und disponieren dann sofort um. "Wir haben bereits erste Gespräche mit Banken über eine teilweise Fremdfinanzierung geführt. Dafür wären 30 Prozent Eigenkapital ausreichend. Die dafür erforderlichen eintausend gezeichneten Geschäftsanteile haben wir schon – wir können also auf jeden Fall durchstarten."

Wie es weiter geht? Das jetzt anlaufende Pilotprojekt könnte durchaus  "Blaupausencharakter für Folgeprojekte" besitzen. Welche weiteren Vorhaben tatsächlich angegangen werden, entscheidet die Mitgliederversammlung. Bei der Erarbeitung der Satzung hatte die dafür zuständige Arbeitsgruppe darauf geachtet, den Geschäftszweck weit genug zu fassen. "So stehen uns jetzt im Bereich erneuerbarer Energie alle Optionen offen."

Wärmenetze und Sektorenkopplung

Denkbar sind größere Freiflächen-PV-Anlagen, genauso Biogas-und Windenergieanlagen, Parkplätze mit PV-Dächern, Ladeinfrastruktur sowie Beteiligungen an Wärmenetzen. "Das Thema Wärmenetze wird möglicherweise mit dem Abschluss der kommunalen Wärmeplanung Fahrt aufnehmen", so Schmidt. Diese könnte interessante Projekte aufzeigen – Areale für kalte Nahwärmenetze, Fernwärmenetze oder Erdwärmespeicher. Alles was eben getan werden könne, wenn eine Kommune unabhängig von fossilen Energieträgern mit Wärme versorgt werden soll. Schmidt hält auch die Sektorenkopplung für naheliegend. "Zum Beispiel könnten wir in Zukunft Stromüberschüsse aus dem Sommer in einen Wärmespeicher laden und die Wärme im Winter vermarkten."

Operative Tätigkeitsfelder für die neue Energiegenossenschaft gibt es also genug. Dass sich alle Bürger und Unternehmer der Stadt direkt an der Energiewende beteiligen können, hält Schmidt für die große Stärke des Modells Genossenschaft. Es gibt mehr Mitbestimmung, die Kontrolle liegt in Bürgerhand – das erhöht die Akzeptanz der Energiewende. "Zudem bleibt mit der Erzeugung eigener Energie die Wertschöpfung in der Region." Auch die Bauvergabepraxis soll sich am Interesse Papenburgs orientieren. Bevorzugt würden Unternehmen aus der Region. Ob und wann eine Stadtwerkegründung wieder aktuell wird, ist völlig offen. Bis auf Weiteres steht dieses Thema jedenfalls nicht auf der Tagesordnung.

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