Hohe Sicherheitsanforderungen, zurückkehrende Billigkonkurrenz, mögliche Zahlungsausfälle auf Endkundenseite. Trotz gefallener Großhandelspreise ist die Energiekrise für deutsche Stadtwerke und andere Versorger noch lange nicht vorbei. Wo im Großhandel bestehen besonders große Risiken? Und wo müssen Versorger aufstocken? Ein Interview mit dem Energieexperten Thomas Fritz von der Strategieberatung Oliver Wyman.
Herr Fritz, waren es im Sommer vergangenen Jahres insbesondere Strom- und Gasverkäufer an der Börse, die angesichts steigender Preise für Termingeschäfte Sicherheiten in historischem Ausmaß zuschießen mussten, ächzt jetzt so mancher Strom- und Gasabnehmer. Warum?
Wir haben nun die umgekehrte Situation. Die Preise sind stark gefallen. Jetzt verlangen die Börsen von Versorgern, die 2022 zu hohen Preisen Energie im Voraus geordert haben, Geld als Sicherheiten. Dieses Geld fließt zwar zurück, wenn die Lieferung erfolgt ist. Doch bis dahin müssen Käufer die notwendige Liquidität vorhalten. Grundsätzlich handelt es sich hierbei um einen ganz gewöhnlichen Vorgang an der Börse. Was aber außergewöhnlich ist, ist die Höhe der Sicherheitsanforderungen.
Dazu kommt das Risiko, dass Discounter mit möglicherweise ungedeckten Billigangeboten eine Vielzahl von grundversorgten Kunden zu sich locken könnten und Grundversorger dann auf Mengen sitzen bleiben, die sie zu deutlich höheren Preisen eingekauft haben als jetzt, oder?
Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, wie groß dieser Effekt tatsächlich sein wird. Prinzipiell besteht dieses Risiko aber schon. Nehmen wir einen Grundversorger, der sich auch in Zeiten stark steigender Großhandelspreise entlang marktüblicher Hedging-Konzepte sukzessive eingedeckt hat. Der muss diese teuren Tranchen am Ende mit in seine Endkundenpreise einpreisen. Damit ist er gegebenenfalls teurer als Anbieter, die sich bis hierhin nicht eingedeckt haben und jetzt auf dem Spotmarkt zu niedrigeren Preisen einkaufen.
Dazu kommt, dass in vielen aktuellen Grundversorgungspreisen Mengen eingepreist sein dürften, die noch vor Beginn der Energiekrise geordert wurden. Das heißt aber auch, dass nicht alle Teile des Preisanstiegs am Großhandelsmarkt bereits in die Endkundenpreise eingegangen sind . Ich glaube daher, dass wir da die eine oder andere Preiserhöhung erst noch sehen werden.
Die Frage ist dann: Wie viele Kunden wandern ab, zumal ja aktuell zumindest ein Großteil des Verbrauchs vom Staat preislich gedeckelt wird?
Ich bin gespannt, was Kunden machen, die früher einmal bei Discountern waren und von diesen von einem Tag auf den anderen nicht mehr versorgt wurden. Sagen sie nun: Nein, zu denen wechsle ich nicht zurück. Da bleibe ich lieber bei meinem jetzigen Versorger, bei dem ich weiß, dass er morgen noch da ist. Oder sagen sie: Naja, ich möchte jetzt wieder weniger Geld bezahlen. Wie sie sich am Ende entscheiden, ist ehrlich gesagt relativ schwierig abzuschätzen.
Die eingeführten Preisbremsen dürften dabei aber sicherlich einen dämpfenden Effekt auf Kundenabwanderungen haben. Denn für viele Kunden dürfte nun der staatlich festgelegte Preisdeckel der Vergleichsmaßstab sein und weniger jener Preis, den die Anbieter für den darüberhinausgehenden Verbrauch verlangen.
Wie leicht ist es für Stadtwerke eigentlich, noch an Kredite zu kommen?
Deutlich schwieriger, auch weil insgesamt weniger Kapital im Markt ist und sich auch das Zinsumfeld merklich geändert hat. Dadurch sind Neukredite deutlich teurer als noch vor der Energiekrise. Zugleich aber brauchen Stadtwerke frisches Geld, weil sie einen enormen Investitionsbedarf haben, um die Energie-, Wärme- und Verkehrswende finanzieren zu können.
Die starken Preisschwankungen auf den Energiemärkten haben zudem gezeigt, dass der kurzfristige Liquiditätsbedarf enorm hoch sein kann.
Auch dafür benötigen Versorger Finanzierungsstrukturen, die dem gerecht werden. Bei Preisschwankungen wie in den vergangenen Monaten kann es schon vorkommen, dass selbst kleinere Stadtwerke von einem Tag auf den anderen mehrere Millionen Euro an Liquidität bereitstellen müssen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Dafür müssen sie entsprechend Kreditlinien vorhalten. Die Frage ist dann auch: Benötige ich dafür nicht ganz andere Finanzierungsinstrumente und Kreditverträge, die ich mit den Banken erarbeiten muss?
Wie gut sind denn Stadtwerke in diesem Bereich aufgestellt?
Das Neue ist, dass Stadtwerke einer viel höheren Marktvolatilität in ihren Beschaffungs- und Vermarktungsvorgängen ausgesetzt sind Hierdurch sind auf einmal Kompetenzen und neue Tools notwendig, die Stadtwerke vor zwei Jahren so gar nicht benötigt haben.
Und welche Tools und Kompetenzen sind das?
Liquiditätsprognosen sind ein Riesenthema geworden. Das heißt: Als Stadtwerk muss man Liquiditätsprognosen für die nächsten zwei, drei Jahre realisieren können. Das geschieht am langen Horizont auf Monatsebene. In der Kurzfristperspektive muss aber auch auf Tagesbasis eine Prognose sichergestellt sein, so dass zu jedem Zeitpunkt ausreichend Liquidität gewährleistet ist.
Dazu kommt das Thema Steuerung der Handels- und Beschaffungsrisiken. Und zum Schluss das vorhin erwähnte Thema Finanzierungsstrukturierung. In diesen Bereichen sollten Versorger Kompetenzen deutlich ausbauen, wenn sie am Markt bestehen wollen.
Das Interview führte Andreas Baumer



