Die Staatsanwaltschaft Dortmund hat jetzt offiziell wegen Betrugsvorwürfen bei der DEW21-Vertriebstochter Stadtenergie Ermittlungen eingeleitet. Staatsanwalt Henner Kruse bestätigte gegenüber der ZfK einen entsprechenden Bericht eines Dortmunder Lokalradios. Vorausgegangen war eine Strafanzeige der Anwälte der Stadtenergie respektive der DEW21.
Bereits vor einigen Tagen haben Beamte das Haus und das Auto eines ehemaligen leitenden Angestellten der Stadtenergie durchsucht und Datenträger beschlagnahmt. Diese werden jetzt ausgewertet. Zudem würden aktuell die ehemaligen Geschäftsführer und Mitarbeitenden der Stadtenergie als Zeugen vernommen, so Kruse weiter. Seit der Gründung als digitales Vertriebs-Start-up der DEW21 hatte die Stadtenergie im Schnitt zehn Mitarbeitende, von denen vorher einige zuvor aus anderen Branchen, unter anderem der Telekommunikationsbranche, abgeworben worden waren.
Verdacht auf Manipulation der Abrechnungssysteme
Das Unternehmen ist seit Wochen wegen eines Betrugsskandals überregional in den Schlagzeilen. Der ehemalige leitende Angestellte, der im Zentrum der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft steht, soll die IT- und Abrechnungssysteme (Stadtenergie arbeitet mit einer Version von Powercloud) so manipuliert haben, dass bei Tausenden Kunden die Verbräuche nach oben angepasst und teils zu hohe Abschläge gefordert wurden.
Laut einem aktuellen Bericht der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung soll es sich dabei nur um Gaskunden gehandelt haben. Wie groß das Ausmaß der betrogenen Kunden ist, wurde offiziell noch nicht kommuniziert. Die Ruhrnachrichten schreiben von 40.000 betroffenen Haushalten.
Mehrwertsteuersenkungen auf Gas nicht weitergegeben
Konkret soll es um die Gasabrechnungen der Jahre 2022 und 2023 gehen. Die kriminellen Aktivitäten sollen im Oktober 2022 begonnen haben und im Frühjahr dieses Jahres entdeckt worden sein. Unter anderem sollen Mehrwertsteuersenkungen auf Gas gar nicht oder mit großer Verzögerung an die Kunden weitergegeben worden sein. Als die Marktpreise später sanken, soll auf eine Entlastung der Kunden ganz verzichtet worden sein.
Laut Staatsanwaltschaft soll der Verdächtige sich nicht persönlich bereichert haben. Ziel sei es vielmehr gewesen, die Geschäftszahlen der Stadtenergie besser darzustellen, als sie waren, um seine eigene Karriere voranzutreiben. Der Betroffene wurde freigestellt.
Auf Trustpilot finden sich bereits im Sommer 2023 Abzockevorwürfe
Beim Blick auf das Kundenbewertungsportal "Trustpilot" fragt man sich allerdings, warum dieser Betrug erst in diesem Jahr öffentlich wurde und sowohl bei dem Start-Up und auch bei der Mutter DEW21 niemand bereits lange vor dem offiziellen Bekanntwerden der massiven Unregelmäßigkeiten hellhörig wurde. "Abzocke", "Absolute Betrüger, bloß die Finger weg", "Vorsicht betrügerische Firma" heißt es in zahlreichen Kundeneinträgen.
"Es wurde uns bereits die 3. völlig falsch berechnete Rechnung mit hoher Nachzahlung präsentiert. Arbeitspreise werden trotz Vertrag einfach mehr als verdoppelt. So kommen Nachzahlungen von über 2500 Euro zustande, statt maximal 300 Euro", schreibt ein Kunde im Sommer 2023. Er werde die Schlichtungsstelle und den Verbraucherschutz einschalten. Derartige Einträge finden sich auf dem Portal zuhauf. Das dort beklagte Geschäftsgebaren steht dem manch eines in Verruf geratenen Energiediscounter in nichts nach.
Im Februar 2024 fragt ein Kunde dann noch "Liest denn keiner aus der Chefetage die Bewertungen?". 97 Prozent der rund 240 Bewertungen liegen bei einem von fünf Sternen. Das heißt ungenügend. Ein verheerendes Votum.
Manipulationen fallen in die Zeit der Umsetzung der Energiepreisbremsen
Warum diese Tricksereien dennoch bis offenbar Anfang respektive Frühjahr dieses Jahres nicht publik wurden, darüber kann momentan nur spekuliert werden. Begünstigt wurden diese offenbar durch die spezielle Konstruktion der Stadtenergie, deren Systeme und Risikomanagement bewusst im Sinne eines eigenständigen, "digitalen Schnellboots" von denen der Mutter DEW21 getrennt waren.
Ebenfalls dazu beigetragen hat, dass die Manipulationen in die Zeit der Umsetzung der Energiepreisbremsen gefallen sind, in der die IT-Systeme vieler Energieversorger am Anschlag und die Organisationen teils überlastet waren und es in kurzen Abständen eine Vielzahl regulatorischer Anpassungen wie Mehrwertsteuersenkungen gab.
"Das waren wilde Zeiten, in denen bei vielen Stadtwerken über Monate keine Abrechnungen rausgingen. In normalen Zeiten wäre das unmöglich, dass so eine vermeintliche Manipulation über so eine lange Zeit nicht aufgefallen ist", mutmaßt ein Brancheninsider.
Ausschließlich im bundesweiten Vertrieb tätig
Dass es trotz fingierter Abrechnungen von Tausenden Kunden dennoch keinen öffentlich wahrnehmbaren Aufschrei der Kunden vor Ort gab, könnte vor allem damit zusammenhängen, dass die Stadtenergie ausschließlich bundesweit und nicht in Dortmund vertrieblich aktiv war. Zuletzt soll das Start-up rund 50.000 Kunden gehabt haben.
Die Rückstellungen für den bisher angehäuften Schaden sollen sich auf 74 Mio. Euro belaufen. Hinzukommen mögliche Verluste im Energiehandel bei der DEW21 von insgesamt 100 Mio. Euro, davon sollen 40 Mio. bereits unwiderruflich weg sein .
Das Unternehmen soll in der jüngsten Energiekrise im Sommer 2022 den Energiebedarf für gleich drei Jahre zu rekordhohen Preisen eingedeckt haben. Wie das möglich gewesen sein soll, ohne dass der Aufsichtsrat oder die während der Energiekrise vielerorts mindestens wöchentlich tagenden Risikokomitees davon etwas mitbekommen haben sollen, fragen sich auch in der Stadtwerkebranche viele Verantwortliche.
Keine Entlastung für DEW21-Geschäftsführung und Aufsichtrat
Die Verluste der Stadtenergie werden durch Gelder aus dem Verkauf der Steag-Anteile der Dortmunder Stadtwerke gedeckt. Dies hatten die Dortmunder Stadtwerke (DSW21) Anfang der Woche bekannt gegeben und nach umfangreichen Anpassungen den Jahresabschluss beschlossen. Laut "Ruhrnachrichten" wurden bei einer Aufsichtsratssitzung der DEW21 in der vergangenen Woche weder die Geschäftsführung noch die Aufsichtsräte entlastet.
Mit Blick auf die im Raum stehenden, ungeklärten Ursachen, die zu den Millionenverlusten führten, wäre alles andere auch erstaunlich gewesen. Bis zur vollständigen Klärung und Aufarbeitung der Vorgänge geht es darum, durch eine Verweigerung der Entlastung etwaige Schadensersatzansprüche zumindestens abzusichern. (hoe)



