Jörg Reichl ist seit 20 Jahren Bürgermeister der 25.000 Einwohner großen Stadt Rudolstadt in Thüringen. Politisch ist er in der freien Wählergemeinschaft "Bürger für Rudolstadt" verortet, in vier Jahren will er aus der Politik ausscheiden. Der Bürgermeister ist auch Aufsichtsratsvorsitzender der Energieversorgung Rudolstadt (EVR). Die Stadt ist Mehrheitsgesellschafter der EVR, die Thüga hält weitere 25,1 Prozent der Anteile, 23,9 Prozent entfallen auf die TEAG.
Wachsender Effiziendruck im Netzbereich, hoher Wettbewerbsdruck im Vertrieb – die Zukunftsfähigkeit der EVR beschäftigt Reichl seit Jahren. Das Unternehmen beliefert insgesamt rund 18.000 Kunden mit Energie, zwei Drittel davon mit Strom, den Rest mit Gas und Wärme und betreibt die Strom- und Gasnetze in 24 Ortsteilen. Die Einnahmen der EVR aus Vertrieb und Netzbetrieb sichern viele Leistungen der kommunalen Daseinsvorsorge vor Ort. Darüber hinaus sind die EVR ein wichtiger Sponsor für sportliche und kulturelle Aktivitäten in der Stadt, unter anderem für das international bekannte Rudolstadt-Festival.
Ergebnisse haben sich stabilisiert, Effizienzdruck wächst
Die Energiekrise 2022/23 war für die EVR eine Zäsur. Es gab offene Positionen in der Beschaffung, die Energie musste teuer nachbeschafft werden. Von Discountern gekündigte Kunden drängten zusätzlich in die Grundversorgung der EVR und verschärften die Situation. "Im Jahr 2022 fiel das Ergebnis auf Null, auch 2023 waren noch Auswirkungen zu spüren", sagt Reichl. Das alles wurde laut dem Bürgermeister ohne zusätzliche Finanzspritzen der Stadt bewältigt.
Mittlerweile haben sich die Ergebnisse nach seiner Aussage positiv stabilisiert. In der Regel liegt der Überschuss im Bereich von zwei bis drei Millionen Euro. Dennoch sind in dieser Zeit bei Jörg Reichl die Zweifel gewachsen, ob ein kleiner Kommunalversorger angesichts der wachsenden Komplexität an den Energiemärkten und dem Effizienzdruck im Netzbereich auf Dauer alleine wettbewerbsfähig sein kann.
Fernwärmeausbau als Wachstumsoption, doch es fehlt an Kapital
Gleichzeitig wurde der Fernwärmeausbau als Wachstumsbereich identifiziert. Die Kommunale Wärmeplanung wurde vergangenes Jahr bereits abgeschlossen, mehrere lukrative Ausbaugebiete wurden gemeinsam mit den Wohnungsgesellschaften identifiziert. Doch das erfordert signifikante Investitionen im zweistelligen Millionenbereich. Geld, dass die Stadt nicht so ohne weiteres hat. Um diese Potenziale zu nutzen, braucht es einen finanzkräftigen Partner. Im ersten Schritt muss das Fernwärmenetz von Dampf auf Heißwasser umgestellt werden.
Noch stehen wir gut da, aber wie wird es in zehn Jahren aussehen?
"Die nächsten drei bis fünf Jahre erwarten wir stabile Ergebnisse. Noch stehen wir gut da, aber wie wird es in zehn Jahren aussehen?", fragt sich Reichl. Deshalb hat er sich entschieden, die aktuell noch vorhandenen Gestaltungsspielräume aus einer gesunden Position zu nutzen, um die Zukunft der EVR proaktiv abzusichern. "Wir wollen das kommunale Vermögen aus dem Risiko nehmen", stellt er klar.
Enge Kooperationen oder gar Fusionen mit Nachbarstadtwerken wurden geprüft. Oftmals standen dem die jeweils komplexen Gesellschafterstrukturen im Wege. Mit dem Minderheitsgesellschafter TEAG arbeitet man nun an einem Modell, das die Zukunftsfähigkeit der EVR und auch ihre Ertragsfähigkeit dauerhaft sichern soll. Der Kommunalversorger beschäftigt aktuell 54 Mitarbeitende.
In einem ersten Schritt sollen die EVR-Anteile von Rudolstadt und des Minderheitsgesellschafters Thüga – der laut Reichl gleichermaßen von dem Projekt überzeugt ist – in TEAG-Aktien umgewandelt werden. Die EVR würde so zu einer hundertprozentigen TEAG-Tochter. Aktuell läuft die Bewertung der Unternehmen und der Anteile. "Die TEAG hat sich seit ihrer vollständigen Rekommunalisierung stark verändert und ist für uns ein zuverlässiger kommunaler Partner geworden", sagt Jörg Reichl. Die TEAG befindet sich zu über 84,8 Prozent im Besitz von rund 600 Thüringer Städten und Gemeinden, die Thüga hält als strategischer Partner die restlichen 15,2 Prozent an dem Regionalversorger.
Kein Verkauf, sondern Tausch von Werten und Anteilen
Das signifikant größere Aktienpaket der Stadt an der TEAG soll die bisher gewohnten Ausschüttungen für die kommunale Daseinsvorsorge gewährleisten, so das Kalkül. Die Ausschüttungen an den Verwaltungshaushalt sind für die Stadt wichtig, auch zur Sicherung der Ausgaben für freiwillige Leistungen wie Bäder und Theater. "In meinen Augen ist es nicht allein entscheidend, dass man die Mehrheitsanteile an einem kommunalen Energieversorger hat, wenn man auf gewachsene, gute Partnerschaften innerhalb der kommunalen Familie bauen kann", so Reichl.
Die EVR würden ja nicht verkauft, sondern die Stadt werde Aktionär der TEAG. Es wäre ein Tausch von Werten und Anteilen. Ein börsennotierter Energiekonzern wäre hier nicht die richtige Lösung. In einem künftigen zweiten Schritt ist eine Fusion der EVR mit der TEAG geplant. Erst Mitte der Woche hatten drei kleinere Stadtwerke in der Pfalz angekündigt, sich ab Anfang 2027 zusammenzuschließen.
Rudolstadts Bürgermeister Jörg Reichl und EVR-Geschäftsführer Thomas Zaremba werben seit Monaten für ein Zusammengehen mit der TEAG im Stadtrat. Erst am Donnerstag (7. Mai) wurden die Details der Planungen im nicht-öffentlichen Teil des Gremiums vorgestellt, Mitte Juni soll der Stadtrat final entscheiden. "Mir ist bewusst, dass wir ein sehr komplexes Projekt umsetzen wollen. Da gibt es viel zu reden und zu erklären und im besten Fall kann man überzeugen", fasst Reichl zusammen. Bürgermeister und Geschäftsführer sind optimistisch, dass sie das schaffen werden.



