Von einer "wirtschaftlichen Schieflage" der Stadtwerke Bad Belzig war in der Öffentlichkeit erstmals Anfang Dezember die Rede. Keinen Monat später musste der Kommunalversorger Insolvenz anmelden. (Symbolbild)

Von einer "wirtschaftlichen Schieflage" der Stadtwerke Bad Belzig war in der Öffentlichkeit erstmals Anfang Dezember die Rede. Keinen Monat später musste der Kommunalversorger Insolvenz anmelden. (Symbolbild)

Bild: © BirgitMundtOsterw./AdobeStock

Brisante Vorwürfe gegen den Aufsichtsrat der insolventen Stadtwerke Bad Belzig: Das Kontrollorgan soll lange vor dem Herbst 2021 gewusst haben, dass der damalige Geschäftsführer Hüseyin Evelek mit Strommengen handelte und dabei das Vier-Augen-Prinzip zumindest teilweise nicht einhielt.

Das sagt Harald Lacher, früherer Leiter der Abteilung Energiewirtschaft beim Kommunalversorger, im Gespräch mit der ZfK. Zuvor hatte die "Märkische Allgemeine" darüber berichtet.

Spekulationsverluste

Spekulationsverluste im Energiehandel wurden den Stadtwerken im vergangenen Jahr offenbar zum Verhängnis. (Hier mehr zu den Hintergründen.) Inzwischen hat ein vorläufiger Sachwalter übernommen. Zudem setzte die Stadtverordnetenversammlung einen Sonderausschuss ein, der die politischen Verwicklungen aufklären soll. Wie und in welcher Form das Kommunalunternehmen fortbestehen kann, bleibt ungewiss.

Lacher war von 2015 bis Mitte 2020 bei den Stadtwerken angestellt, baute den Stromvertrieb auf und war zusammen mit dem Geschäftsführer auch für die Energiebeschaffung zuständig.

"Leerverkäufe waren nie ein Thema"

"Vor Eveleks Amtsantritt gab es kein Risikohandbuch und auch kein festes Prozedere, wann wie eingekauft werden sollte", erzählt der Ex-Stadtwerkemitarbeiter. "Über Zeitpunkt und Menge des Einkaufs entschieden der Geschäftsführer und ich. Spekulationsgeschäfte oder gar Leerverkäufe waren dabei aber nie ein Thema, schließlich waren wir sowohl bei Gas als auch bei Strom in der Vollversorgung."

2019 kam Evelek. Der neue Geschäftsführer war zuvor unter anderem für die Handelsteams der Versorger EnBW und Natgas tätig gewesen. "Er vermittelte gern den Eindruck, als sei er bei Handelsthemen ein Crack", sagt Lacher. "Das ließ er auch andere spüren."

Eigener Strom-Bilanzkreis

Seit April 2019 bewirtschafteten die Stadtwerke zudem einen eigenen Strom-Bilanzkreis. Die Grundlage dafür hatten Lacher und Eveleks Vorgängerin gelegt.

Ziel sei es gewesen, beispielsweise für größere Geschäftskunden flexible Angebote erstellen zu können, sagt Lacher. Evelek habe zusätzlich nach und nach auch die Portfoliobewirtschaftung geändert.

"Informierte auch Aufsichtsrat"

"Er gab gern damit an, wie er über An- und Verkauf von Strom günstigere Beschaffungspreise erzielen konnte", sagt Lacher. "Er informierte darüber auch den Aufsichtsrat. Ich selber habe an den Folien im Bereich Energiewirtschaft mitgewirkt."

Evelek habe im Laufe des Jahres 2019 auch ein Risikohandbuch aufgelegt, erzählt der frühere Stadtwerkemitarbeiter. "Ich habe gerade einmal fünf Minuten Zeit bekommen, um zu unterschreiben. Das habe ich nicht getan."

"Vier-Augen-Prinzip nicht mehr gegeben"

Von Oktober 2019 an habe ihm Evelek Auskünfte über die Energiebeschaffung verweigert, erinnert sich Lacher. "Damit war auch das Vier-Augen-Prinzip nicht mehr gegeben."

Lacher beteuert, dass er sich im Februar 2020 an Tobias Paul, Aufsichtsratsvorsitzenden der Stadtwerke Bad Belzig, gewandt und ihn dabei auch von der neuen Situation in Kenntnis gesetzt habe. Eine entsprechende E-Mail mit der Bitte um Weiterleitung an den gesamten Aufsichtsrat liegt der ZfK vor. "Eine Antwort aber habe ich nie erhalten", sagt er. "Das hat mich maßlos enttäuscht."

"Alarmglocken hätten schrillen müssen"

Abteilungsleiter Lacher waren zwei Mitarbeiter unterstellt. Wie er hätten auch sie im Laufe des Jahres 2020 das Unternehmen verlassen, erzählt der frühere Stadtwerkemitarbeiter. "Spätestens da hätten beim Aufsichtsrat die Alarmglocken schrillen müssen."

Aufsichtsratsvorsitzender Paul, Bürgermeister Leisegang und die Stadtwerke Bad Belzig wollten sich auf ZfK-Anfrage zu den Vorwürfen nicht äußern. Ex-Geschäftsführer Evelek war für die ZfK nicht erreichbar. (aba)

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