Das Geschäftsjahr 2022 dürfte Sebastian Jurczyk nicht mehr so schnell vergessen. Dieses Jahr hatte es ja auch in sich: Sorgen um Gasmangellage und Strom-Blackout – und dann Preise, die dermaßen hochschossen, "dass man geglaubt hat, man ist einem Film oder träumt schlecht", wie der Geschäftsführer der Stadtwerke Münster erzählte.
Umso stolzer zeigte sich Jurczyk dass sein Unternehmen keine städtische Finanzspritze benötigte und auch keinen Verlust einfuhr, sondern am Ende sogar 500.000 Euro mehr verdiente als im Vorjahr – nämlich 8,7 Mio. Euro. Zumal bis tief in den Dezember hinein nicht klar gewesen sei, wie das Jahr wirklich ausgehen würde. "Ein kalter Winter hätte unser Ergebnis komplett in zwei, drei Wochen auffressen können."
Dynamische Anpassung an Markt
Dass es dazu nicht gekommen ist, führte der Manager unter anderem darauf zurück, dass seine Stadtwerke die Marktentwicklungen sehr aktiv beobachtet und flexibel auf Chancen reagiert hätten. "Insbesondere die Energiebeschaffung und die Fahrweise unseres Gas-und-Dampf-Kraftwerks haben wir dynamisch an die Marktverhältnisse angepasst."
Dazu kam die vergleichsweise milde Witterung und ein sparsames Verbraucherverhalten. Infolge dessen vertrieben die Stadtwerke weniger Strom (minus elf Prozent im Vergleich zu 2021), Gas (minus 17 Prozent) und Wärme, mussten entsprechend weniger Energie beziehen und konnten überschüssige Energie gewinnbringend im Großhandel weiterverkaufen. Der Nachteil dabei: In der Netzsparte seien entsprechend die Erlöse gesunken.
Innovatives Rikscha-Angebot
Im traditionell defizitären Nahverkehrssektor hätten außerdem Hilfen aus dem ÖPNV-Rettungsschirm positiv auf das Ergebnis gewirkt, ergänzte Mobilitätsgeschäftsführer Frank Gäfgen. "Der Rettungsschirm gleicht den im Nahverkehr entstandenen Verlust vollständig aus."
Innovativ zeigten sich die Stadtwerke im vergangenen Jahr bei der Ergänzung des klassischen Nahverkehrsangebots. Im Sommer waren zwei Rikschas in Münsters Innenstadt unterwegs und brachten Fahrgäste im Anschluss an eine Busfahrt klimafreundlich ans Ziel. (Die ZfK berichtete.)
"Haben in Zukunft investiert"
"Da fällt die Bilanz allerdings sehr gemischt aus", gab Gäfgen zu. Kostendeckungsgrad und Nachfrage seien zu gering gewesen. Heißt: "Von unserer Seite aus werden wir in absehbarer Zeit keinen Vorstoß für ein weiteres Rikschaprojekt unternehmen."
Stolz zeigte sich Jurczyk auch, dass sein Unternehmen trotz Krisenmanagement all die anderen Themen – Stichwort Tiefengeothermie, Wasserstoff oder Großwärmepumpe – nicht liegen gelassen habe. "Wir haben weiter in die Zukunft investiert."
Liefer- und Projektverzögerungen
Insgesamt investierten die Stadtwerke Münster nach eigenen Angaben mit insgesamt 24,5 Millionen Euro weniger Geld als ursprünglich vorgesehen. Jurczyk erklärte dies mit Liefer- und Projektverzögerungen bei Elektrobussen sowie bei Ausbauprojekten im Bereich Windenergie und Glasfaser. Die dafür geplanten Investitionen seien auf die Folgejahre verschoben worden.
Mit Blick auf das laufende Geschäftsjahr wünscht sich der Manager vor allem eines: "dass wir endlich mal ein Jahr haben, in dem wir nicht mehr Krise managen müssen, sondern endlich mit innovativen Konzepten [beispielsweise beim Thema Wärmewende] überzeugen können." Und mit Blick zurück auf 2022 ergänzte er: "[So ein Jahr] werde ich hoffentlich nie wieder erleben." (aba)
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