Herr Steinkamp, welche konkreten Wachstumspotenziale bietet die Rheinland-Kooperation mit Westenergie, Rhenag und den Stadtwerken im rheinischen Umland für die Rheinenergie?
Wir wachsen gemeinsam, weil wir Kräfte bündeln. Zum einen geschieht das durch die Einbringung weiterer Beteiligungen an Stadtwerken. Außerdem bündeln wir gemeinsam mit der Westenergie unsere Stadtwerke-Beteiligungen in der Rhenag und die Rheinenergie übernimmt die gesellschaftsrechtliche Mehrheit an der Rhenag. Die Rhenag verfügt durch ihre lange Tätigkeit über große Erfahrung im Service für kleinere und mittlere Stadtwerke, sie betreut, koordiniert und steuert im Speckgürtel unseres Raumes.
Das Rheinland wird zu einem großen Verbund der kommunalen Energieversorger.
Gleichzeitig ist damit eine Fokussierung auf gewisse Marktgebiete mit unterschiedlicher Siedlungsstruktur verbunden. Zum anderen gestalten wir den hochverdichteten städtischen Ballungsraum entlang des Rheins energiewirtschaftlich direkt aus der Rheinenergie heraus mit unseren Beteiligungen in Bonn, Köln, Leverkusen neu. Künftig soll auch noch die Beteiligung an den Stadtwerken Duisburg hinzukommen. Kombiniert mit dem ‚Speckgürtel‘ drumherum, in dem die Rhenag den Lead hat, wird es so im Rheinland ein großer Verbund der kommunalen Energieversorger.
Wo liegen die Chancen in diesem größeren großstädtischen Raum für Ihr Unternehmen?
Großstädtisch liegen diese Chancen insbesondere im Bereich der komplexen Quartierslösungen. Auf diesem Feld sind wir seit einigen Jahren dabei, das Thema Sektorkopplung von der integrierten Optimierung der Strom-, Wärme- und Wasserversorgung bis hin zur Integration von Erneuerbare-Energie-Anlagen, Elektromobilität und Telekommunikation mit Leben zu füllen. Aktuell gibt es auch einen ersten Piloten aus dem Bereich smarte Entsorgung, im Verbund unserer Stadtwerke.
Komplexe Quartierslösungen sind für uns ein wesentliches Wachstumsfeld in den kommenden Jahren.
Wir haben das Geschäftsfeld Anlagen durch den Kauf der Firma Ago weiter gestärkt, das auf solche komplexe Lösungen spezialisiert ist. Über diese integrierten, technisch-wirtschaftlichen Gesamtlösungen wollen wir künftig auch Quartiere im Gebiet von Stadtwerken aus dem Umland optimieren, denn auch dort entstehen entsprechende Viertel und Siedlungsbereiche.
Dabei sehen wir strategisch für uns ein wesentliches Wachstumsfeld in den kommenden Jahren, was auch zusätzliches Ergebnis generieren wird. Der Verkauf von Kilowattstunden allein ist nicht mehr profitabel. Diese Lösungen sind technologisch sehr anspruchsvoll, jedoch wirtschaftlich profitabel.
Mittlerweile haben wir rund 20 Lizenzen von unserer Siedlungsmanagement-Software verkauft.
Da geht es auch um die von Ihrem Unternehmen mitentwickelte Siedlungsmanagement-Software?
Ganz genau. Diese steuert und optimiert beispielsweise in der Stegerwaldsiedlung in Köln die Energieanlagen von 16 Wohnblöcken mit mehr als 700 Wohneinheiten, der Erfahrungsschatz wächst täglich. Das ist ein wirklich smartes Quartier mit den Leitlinien, Komfort für die Menschen mit energieeffizienter Betriebsweise in Einklang zu bringen.
Mittlerweile haben wir rund 20 solcher Lösungen an Flächenentwickler und Bauträger verkauft. Das sind die typischen Potentiale, die wir im Ballungsraum sehen. Dieser ist geprägt vom Geschosswohnungsbau mit vier, fünf Etagen und mehr. Außerdem sind es überwiegend Bestandsbauten. Im Umland rund um Köln sieht die Situation schon anders aus.
Im Umland um Köln sind die Lösungen eher PV-Paneele auf dem Dach, kombiniert mit Pufferspeichern und E-Mobilität.
Was ist dort anders?
Da haben wir andere Siedlungsstrukturen. Das geht zunehmend weg vom hochverdichteten Mehrgeschoss-Wohnungsbau in die Fläche. Es es gibt dort viele Siedlungen mit Ein- und Zweifamilienhäusern. Von den Lösungen her ist das der Klassiker für die PV-Paneele auf dem Dach, kombiniert mit Pufferspeichern, E-Mobilität.
Im Wärmebereich findet dort noch viel auf Erdgasbasis statt. Das wird sich in den kommenden Jahrzehnten mehr in Richtung Wärmepumpen, Oberflächen-Erdwärme und Solarthermie verändern.
Wo sehen Sie weitere Wachstumspotenziale für die Rheinenergie in diesem neuen Verbund?
Sicherlich bei der Elektromobilität, dort natürlich mit dem Schwerpunkt Aufbau von Ladeinfrastruktur durch unsere TankE GmbH in Verbindung mit der Back-end-Software unserer Tochtergesellschaft Chargecloud. Das ist ein aktuelles Thema, das immer mehr Fahrt aufnimmt, und dabei lassen sich das Netz-Know-how in unserer Kooperation und die Erfahrungswerte bei uns aus mittlerweile zwölf Jahren Beschäftigung mit dem Thema gut zum Nutzen der Kunden kombinieren.
Im Bereich Energiedienstleistungen und Contracting sehe ich weitere Wachstumspotenziale.
Der Bereich Energiedienstleistungen und Contracting für Gewerbe und Industrie ist ein weiterer Schwerpunkt, den wir für die ganze Gruppe verfügbar machen können. Das haben wir in der Rheinenergie-Gruppe in den vergangenen Jahren schon praktiziert.
Wo wollen Sie hier genau punkten?
Unsere Stärke besteht dabei in der Bündelung von Kompetenzen und der zentralen Steuerung solcher Projekte. Wir können das Know-how der anderen Konzerngesellschaften einsetzen und mitvermarkten, seien es komplexe Digitalisierungsprojekte durch unsere Netcologne, seien es smarte Entsorgungslösungen durch unsere Abfallwirtschaftsbetriebe oder Mobilhubs in Kombination mit den Verkehrsbetrieben.
Diese breite Aufstellung bei gleichzeitig enger Verzahnung haben nicht unbedingt so viele. Wir bieten unseren Kunden in den Kommunen über die Rheinland-Kooperation Zukunftslösungen an. Rund um Zentralinfrastrukturen künftig ebenso für große innerstädtische Bereiche wie für neu entstehende Einfamilien-Quartiere in der Region.
Ich sehe auch große Chancen für die Kooperation bei Zukunftsthemen wie Wasserstoff.
Durch die Vergrößerung des Kooperationsverbunds entsteht Wachstum, erst recht, indem man flächig nachfrage- und kundenorientierte Lösungen anbieten kann. Ich sehe aber auch große Chancen bei Zukunftsthemen wie zum Beispiel Wasserstoff.
Inwiefern?
Wir müssen dieses Thema in seinen vielen Facetten für alle Bereiche wie Erzeugung, Logistik oder Mobilität weiterentwickeln. Dafür ist es aber sinnvoll, das Know-how und den Aufwand innerhalb der Stadtwerkegruppe zusammenzuführen und zu fokussieren. Wenn in einzelnen Stadtwerken Spezial-Know-how vorhanden ist, kann das zum Nutzen aller eingebracht werden.
Die Duisburger Kollegen haben beispielsweise aufgrund von Industriebetrieben wie Thyssen und mit dem Hafen eine andere Wasserstoff-Perspektive und bauen Know-how auf. Wir wiederum kooperieren mit Shell und unserer HGK, Häfen und Gütertransport Köln, im Bereich der Wasserstoffproduktion, -Speicherung und -Verteilung.
Dies sind die Themen und Aufgaben, die wir in dem Raum gut miteinander verbinden können, nicht nur für die ursprüngliche Rheinenergie-Gruppe, sondern für den neuen, wachsenden Verbund. Das bedeutet neben neuen Produkten und Dienstleistungen Weichenstellungen auch für den Klimaschutz, zum Nutzen aller.
Bis zum Jahr 2025 wollen wir einen jährlichen Ergebniszuwachs von rund 15 Millionen Euro heben.
Mit welchem Ergebniseffekt rechnen Sie mittelfristig für die Rheinenergie?
Unser Ziel ist es, bis zum Jahr 2025 einen jährlichen Ergebniszuwachs von rund 15 Millionen Euro zu heben. Dazu erwarten wir mittelfristig eine Umsatzsteigerung von deutlich mehr als 100 Millionen Euro. Wir werden in den ersten eineinhalb Jahren an verschiedenen Stellen Integrationsaufgaben haben, aber dann wird der Hochlauf erfolgen, und am Ende des Mittelfristzeitraumes wird das Ergebnis auch stehen.
Wie groß sind die Synergiepotenziale, ist das mit einem Stellenabbau verbunden?
Es werden im Einzelfall Stellen redundant. Selbst da, wo Rationalisierung stattfindet, haben wir andererseits auch neu entstehenden Bedarf für das Know-how. Wir laufen in einen Arbeitsmarkt hinein, in dem das Vorhandensein von Kompetenzen zunehmend erfolgskritisch sein wird für den unternehmerischen Erfolg. Die Synergien liegen in der Bündelung von Know-how und dem qualitativen Mehrwert für alle.
Den Ergebniszuwachs wollen wir über zusätzliches Geschäft erreichen, nicht über Leistungs- und Personalabbau.
Netzplanungs-Spezialisten, Energiehändler, Software-Entwickler, Vertriebsexperten, Ingenieure mit Problemlösungskompetenz für die komplexen Optimierungsaufgaben der Energieversorgung bei Gewerbe und Industrie – das Expertenwissen in der Gruppe können wir zielgerichtet und gewinnbringend für alle einsetzen.
Die 15 Millionen Euro an Ergebniszuwachs wollen wir nämlich über zusätzliches Geschäft und Umsatz erreichen, nicht über Leistungs- und Personalabbau. Natürlich werden wir Bereiche wie Handel, Energiebeschaffung und Regulierungsmangement nur einmal haben, diese wirken dann aber für größere Einheiten und sind fachlich gegebenenfalls breiter aufgestellt als heute.
(Die Fragen stellten Klaus Hinkel und Hans-Peter Hoeren. Der erste Teil des Interviews erschien im ZfK-Newsletter vom 6. August. Hier können Sie es nachlesen.)
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Mehr über die Rheinland-Kooperation und warum Dieter Steinkamp und andere Branchenexperten in den nächsten Jahren eine deutliche Zunahme an Kooperationen erwarten, lesen Sie in der Augustausgabe der ZfK. Diese erscheint am kommenden Montag, 9. August. Zum Abo geht es hier.



