Herr Steinkamp, die Rheinland-Kooperation mit Westenergie, Rhenag und den Stadtwerken im rheinischen Umland soll zu Beginn kommenden Jahres starten. Noch steht das Modell unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Kartellbehörden und der Kommunalaufsicht. Was kann da noch kommen?
Wir können die Entscheidungen der Behörden natürlich nicht vorhersehen und schon gar nicht vorwegnehmen. Wir hoffen, dass diese im laufenden Quartal fallen. Wir haben das mit unseren bisherigen Erfahrungen und Kenntnissen vorgeprüft und sind optimistisch, dass es genehmigt wird.
Es geht um Aktivitäten, die vollständig im Spektrum eines kommunalen Versorgers liegen, da passiert ja nichts Exotisches oder außerhalb der Region. Im Grunde weiten wir das schon seit 2002 bestehende Modell der Rheinenergie mit weiteren Partnern ausschließlich regional aus, insgesamt sogar mit einer Stärkung des kommunalen Einflusses.
Kleine und mittlere Stadtwerke können das aber nicht mehr alleine entwickeln.
Wo liegen bei diesem Modell die Chancen für die Stadtwerke im Umland?
Die kleineren und mittleren Stadtwerke haben ein großes Asset: Direkten Kundenzugang und lokale Verankerung. Sie können den Kunden in ihrem Raum unter eigener Flagge künftig Lösungen eigenständig anbieten, die sie aus sich heraus nicht im Portfolio hätten. Da die Kilowattstunde immer mehr an Bedeutung verliert, werden fertig konfigurierte Systemlösungen im Kleinen für Einfamilienhäuser und im Großen für Quartiere, für Industrie- oder große Gewerbeunternehmen wichtiger. Das kann ein kleines oder mittleres Stadtwerk aber nicht mehr alleine entwickeln.
Hier braucht es einen Partner, der die nötige Kompetenz hat und entsprechende Produkte anbietet und betreut. Diese Strategie haben wir mit den Rheinenergie-Beteiligungen in den letzten Jahren sehr konstruktiv gemeinsam weiterentwickelt. Das wollen wir jetzt auf die neu dazukommenden Stadtwerkbeteiligungen ausdehnen. Die Rhenag zählt solche Kooperationen zu ihrem Kompetenzfeld.
Die Rheinenergie ist bei ihrer Gründung im Umland durchaus kritisch gesehen worden, jetzt wird sie als strategischer Partner geschätzt.
Wie hat denn die Kommunalpolitik in den betroffenen Städten und Orten auf das Angebot zu dieser Rheinlandkooperation reagiert?
Wir haben seit November 2020 zuallererst mit allen Mitgesellschaftern, den Städten und den Bürgermeistern viele Gespräche geführt und erläutert, was aus unserer Sicht die Vorteile für beide Seiten sind. Dann erst sind wir an die Öffentlichkeit gegangen. Dies hat im Ergebnis zu einer großen Akzeptanz geführt. Die Rheinenergie ist bei ihrer Gründung 2002 von den Umlandgemeinden durchaus kritisch gesehen worden. Wir haben es in den letzten 20 Jahren geschafft, in unserer Rolle als strategischer Partner grundsätzlich akzeptiert und geschätzt zu werden.
Das heißt: man traut uns die Rolle des kommunalen Know-how-Trägers und -Treibers in Richtung neue und zukunftsorientierte Geschäftsmodelle auch zu. Und man akzeptiert uns als Dientleistungspartner. Darauf können wir jetzt gut aufbauen. Im dritten Quartal stehen jetzt in vielen betroffenen Städten noch die formalen Ratsentscheidungen an. Ich bin da zuversichtlich, auch, weil wir die Zustimmung zu diesem Kooperationsmodell vor Ort vorab intensiv abgeklärt haben.
Der zweite große Partner bei der Kooperation ist die Westenergie. Welche Rolle wird diese künftig spielen?
Die Partnerschaft ist auch für einige der gerade zuvor erwähnten Punkte ein Gewinn; vor allem, wenn es um Aufgaben geht, bei denen Skaleneffekte eine Rolle spielen. Die Westenergie kann besonders ihre Erfahrung bei Netz-Infrastrukturen einbringen. Die Kompetenz der Westnetz etwa beim Aufbau intelligenter Netzteile ist ein wichtiger Know-how-Input. Die Rheinenergie und die Westenergie-Tochter Westnetz arbeiten ja bereits seit 2002 im Dienstleistungsbereich zusammen.
So wird die Zusammenarbeit auf Netzebene noch mehr verstärkt, etwa in gegenseitiger Unterstützung bei Netzführungsaufgaben oder Instandhaltungen. Rheinenergie-Mitarbeiter arbeiten Hand in Hand mit Kolleginnen und Kollegen der Westnetz im Westenergie-Gebiet, wie umgekehrt die Westnetz im Rheinenergie-Gebiet, je nach Spannungsebene.
Die Rhenag wird ihre Dienstleistungen für die gesamte rheinische Gruppe verfügbar machen. Damit stärkt sie die Stadtwerke vor Ort insgesamt.
Wie soll die Aufgabenteilung zwischen Rheinenergie und Rhenag konkret aussehen?
Im Ballungsraum können wir mit unseren Geschäftsmodellen helfen. Natürlich gibt es auch Flächenentwicklungen mit 50 oder 100 Wohneinheiten im Zuständigkeitsbereich der Rhenag. Für diese stellen wir sicher, dass das Know-how auch in diese Richtung geht und umgekehrt. Wenn im Umfeld der Rhenag eine kleinerteilige Ein- oder Zweifamilienhaus-Lösung gefragt ist, haben wir solche Lösungen und Anforderungen natürlich auch für die Städte in den Vorortgebieten.
In der Kooperation wollen wir natürlich in beiden Richtungen Know-how-Transfer und praktische Lösungen gegenseitig ermöglichen und nutzen. Die Rhenag erbringt mittlerweile sehr erfolgreich verschiedenste Dienstleistungen deutschlandweit für rund 200 kleinere und mittlere Stadtwerke. Auch das wird verfügbar für die gesamte rheinische Gruppe. Insofern stärken wir damit die Stadtwerke vor Ort insgesamt.
Die Rhenag kann passgenauer Lösungen und Dienstleistungen für kleinere und mittlere Stadtwerke entwickeln als wir.
Und wie sieht es bei regulatorischen Themen oder auch der politischen Interessenvertretung aus?
Die Rhenag kann passgenauer Lösungen und Dienstleistungen für kleinere und mittlere Stadtwerke entwickeln als wir. Für die Rheinenergie geht es eher darum, zu zentralen Regulierungsfragen, oder im Energiehandel sowie aus der Energiegesetzgebung Antworten für alle zu liefern. Und wenn es dann darum geht in Brüssel oder Berlin unsere Kompetenz für gute Gesetzgebung einzubringen, dann bündeln wir natürlich wieder für den ganzen Raum.
(Die Fragen stellten Klaus Hinkel und Hans-Peter Hoeren. Der zweiten Teil des Interviews erscheint in unserem Newsletter am Montag. Darin geht es unter anderem um die Wachstumschancen der Rheinenergie in dem Kooperationsmodell sowie das gemeinsame Entwickeln neuer Zukunftsgeschäftsfelder wie Wasserstoff.)
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