Das Zollabkommen zwischen den USA und der EU wirft Fragen auf.

Das Zollabkommen zwischen den USA und der EU wirft Fragen auf.

Bild: © Jacquelyn Martin/AP/dpa

Von Artjom Maksimenko

Der Zollstreit zwischen den USA und der EU ist mit einem Kompromiss zu Ende gegangen, der vor allem in Europa für lange Gesichter sorgt. Abgesehen von den einseitigen Zöllen auf EU-Produktion in Höhe von 15 Prozent verpflichtet das Abkommen die Europäer, LNG, Öl und Uran aus den USA zu kaufen – und zwar für 250 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 217 Milliarden Euro) jährlich.

Das Problem: Der Betrag übersteigt um ein Vielfaches den Gesamtwert der EU-Energieimporte. Laut der Agentur Reuters belief sich der Gesamtwert der EU‑Importe aus den USA (Rohöl, LNG und metallurgische Kohle) im Jahr 2024 auf rund 64,55 Milliarden US‑Dollar. Rechnet man die Uranimporte im Wert von 15 Milliarden US-Dollar hinzu, kommt man auf etwa 80 Milliarden US-Dollar – also deutlich weniger als die ausgerufenen 250 Milliarden.

Uniper will sein Portfolio weiterhin "breit und risikoarm" aufstellen.Bild: © Uniper

Zeitspiel bei der EU?

Nach Einschätzung von Daniel Warschewitz, Energieexperte bei Enerchase, setzt die EU offenbar darauf, Zeit zu gewinnen und US-Präsident Donald Trump zunächst zu besänftigen. "Diese Taktik hat China 2019 bereits mehr oder weniger erfolgreich angewendet", sagte er auf ZfK-Anfrage. Realistisch erreichbar scheinen die Zielvorgaben jedenfalls nicht.

Das Problem sei aber, dass sie so unrealistisch und absurd seien, dass die Protagonisten unglaubwürdig wirken, so der Experte weiter. Allerdings sollte der Fokus mehr auf den sonstigen Fakten des Abkommens liegen: Die Zölle werden ab 1. August deutlich erhöht und belasten die Wirtschaft stark. Warschewitz verweist dabei auf Vorhersagen der Commerzbank, dass die EU-Exporte in die USA um bis zu ein Viertel sinken könnten.

"Es ist unrealistisch"

"Selbst bei vollständiger Umstellung auf US-LNG und US-Öl reichen Volumen und globale Angebotsverteilung nicht aus, um diese Summen realistisch zu erreichen", so Warschewitz. Zudem zeige die Gas-Terminkurve ein sinkendes Preisgefälle in den kommenden Jahren (Backwardation), was bedeuten würde, dass Jahr für Jahr mehr Mengen gekauft werden müssten, um die gleichbleibenden Umsatzziele von 250 Milliarden US-Dollar jährlich zu erreichen. "Es ist unrealistisch."

Die Gesamtausgaben der EU für Energieimporte lagen 2024 bei 376 Milliarden Euro oder 434 Milliarden US-Dollar, wie aus der Statistik von Eurostat hervorgeht. Neben der hohen Summe bleibt die Frage nach der rechtlichen Handhabe eines solchen Abkommens. "Es ist nicht ohne Weiteres möglich, dass die EU privaten Unternehmen feste Verpflichtungen dieser Art auferlegt", so Warschewitz weiter. Schließlich seien es private Unternehmen, die Lieferverträge abschließen – nicht Länder oder Politiker.

"Es ist nicht ohne Weiteres möglich, dass die EU privaten Unternehmen feste Verpflichtungen dieser Art auferlegt", Daniel Warschewitz, Enerchase

Eine mögliche Lösung bestünde darin, dass die EU regulatorische oder steuerliche Anreize schafft. Als Beispiel nennt Warschewitz Zollfreiheit für US-LNG und dafür hohe Zölle auf LNG aus Katar. "Aber was wäre dann mit bestehenden Verträgen wie dem kürzlich abgeschlossenen Vertrag zwischen Sefe und ADNOC aus den Vereinigten Arabischen Emiraten?"

Der Energiekonzern Sefe, Securing Energy for Europe GmbH, ist seit November 2022 vollständig in Eigentum der Bundesrepublik Deutschland. Sefe selbst betont, dass das Unternehmen seit 2022 sein Portfolio mit alternativen Quellen diversifiziert hat, "einschließlich mit Verträgen mit Partnern in Oman, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Aserbaidschan und den USA", so ein Sprecher auf ZfK-Anfrage.

Die USA mit ihren erheblichen Erdgasreserven und erweiterten Exportkapazitäten seien dabei zu einem wichtigen Partner geworden. Die jüngste Entwicklung unterstreicht, wie wichtig die Diversifizierung des Portfolios ist, wobei jedoch abzuwarten bleibt, wie genau sich dies auf das Geschäft auswirken wird. Dazu, ob und wie sich das EU-Abkommen auf die strategische Zusammensetzung des LNG-Portfolios auswirkt, wollte der Sprecher keine Angaben machen.

Uniper und RWE prüfen Details

Sowohl Uniper als auch RWE als große Player auf dem Gasmarkt prüfen derzeit die Vereinbarung, hieß es auf ZfK-Nachfrage. Die genauen Einzelheiten seien noch nicht geklärt. "In jedem Fall unterstreicht sie die zunehmende Bedeutung der USA als Energieexporteur, insbesondere von LNG", so ein Uniper-Sprecher. Neben Pipelinegas aus verschiedenen Regionen beschafft das Düsseldorfer Unternehmen LNG – derzeit hauptsächlich aus den USA und Australien.

Grundsätzlich sei Uniper bereit, Gas aus den USA zu beziehen. "Gleichzeitig verfolgen wir konsequent das Ziel, unser Portfolio breit und risikoarm aufzustellen. Diversifikation bedeutet für uns nicht nur eine geografische Streuung der Bezugsquellen, sondern auch die Nutzung unterschiedlicher Transportwege und Technologien", so ein Uniper-Sprecher weiter.

EWE setzt weiter auf heimische Produktion

Der Oldenburger Energieversorger EWE verweist angesichts des Abkommens darauf, dass die Energiebeschaffung sowohl in Deutschland als auch in der EU grundsätzlich marktwirtschaftlich erfolgt. Zwar könne die EU politische Zielsetzungen formulieren, aber "keine direkten Einkaufsanordnungen an privatwirtschaftliche Unternehmen" geben, so ein EWE-Sprecher auf ZfK-Anfrage. Eine Verpflichtung zur Abnahme einzelner Mengen sei – soweit heute bekannt – weder rechtlich bindend noch in ihrer Höhe verbindlich geregelt.

An der Abnahme von Erdgas aus dem deutschen Hoheitsgebiet werde EWE jedenfalls weiter festhalten. Zwischen EWE und dem niederländischen Explorationsunternehmen One-Dyas laufe der Vertrag entsprechend weiter. "Eine Neubewertung findet regulär vor Vertragsende statt." Politische Abkommen wie das aktuelle EU-USA-Energiepaket beobachte man. Und weiter: "Sie haben derzeit aber keinen direkten Einfluss auf unsere Einkaufsentscheidungen", so der Sprecher weiter.

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