Herr Becker, die Diskussion um eine mögliche Aufteilung Deutschlands in verschiedene Strompreiszonen scheint in der Bundesregierung kein Tabuthema mehr. Was halten Sie davon?
SvenBecker: Rein technisch ist eine Preistrennung machbar, wie das Beispiel Norwegen zeigt, wo es bereits verschiedene Preiszonen gibt. Hier wird der integrierte Markt bei Netzengpässen in verschiedene Preiszonen aufgeteilt. Aber es bleibt abzuwarten, welche regionalen und wirtschaftlichen Folgen eine solche Aufteilung hätte. In Deutschland würde die Liquidität im Handel deutlich reduziert, was kontraproduktiv, aber aufgrund der Marktgröße möglicherweise beherrschbar ist. Eine solche Aufteilung hätte erhebliche industriepolitische und regionale Folgen. Entscheidend ist, wo die Grenze verlaufen würde.
Es gibt Stimmen, die dafür plädieren, NRW zu den südlichen Bundesländern, Baden-Württemberg und Bayern in eine Zone mit höheren Preisen einzugliedern. Dann wären alle Industrieregionen im Süden zusammengefasst und hätten deutlich höhere Preise, während der Norden mit seinem hohen Windangebot niedrigere Preise hätte. Das könnte wiederum Erzeugungsanlagen im Norden, zum Beispiel Offshore Windparks, die das Ende ihrer Förderung erreicht haben oder konventionelle Anlagen unwirtschaftlich machen.
Welche Alternativen gäbe es zu einer solchen Aufteilung?
Es gibt andere Ansätze, etwa die Flexibilisierung der Nachfrage oder die Einführung von Leistungspreiskomponenten. All diese Optionen sollten geprüft werden, bevor man eine so drastische Maßnahme wie die Aufteilung umsetzt. Ich denke, politisch wäre das extrem schwer durchzusetzen, und man sieht auch, dass die Aufteilung der Preiszonen im Optionenpapier des BMWK klar abgelehnt wird.
Es gibt verschiedene Szenarien, wie eine Preiszonenteilung in Deutschland konkret aussehen könnte. Wie würde sich das konkret auf Ihr Geschäftsmodell auswirken?
Aus handelstechnischer Sicht wäre ein Preis-Split sicherlich handhabbar, wie wir es auch in anderen Märkten sehen. Doch auf der Erzeugungsseite könnte es schwierig werden. Nehmen wir zum Beispiel unsere bestehenden Anlagen: Wir betreiben seit 2015 in der Nordsee den Trianel Windpark Borkum, der inzwischen aus der Förderung herausgefallen ist und sich nun am Markt refinanzieren muss.
Wenn wir künftig im Norden sehr niedrige Strompreise aufgrund hoher Erneuerbareneinspeisung haben und im Süden gleichzeitig hohe Preise, könnte das bestimmte erneuerbare Anlagen unwirtschaftlich machen. Das zeigt, wie wichtig es ist, die Auswirkungen solcher Entscheidungen genau zu durchdenken.
Das Geschäftsjahr 2024 haben Sie als das Jahr der Rückkehr zur Normalität ausgerufen. Wie läuft es bislang?
Für uns ist das Jahr 2024 besonders, da wir unser 25-jähriges Jubiläum feiern. Es ist uns ein besonderes Anliegen, aus diesem Anlass unseren Gesellschaftern, Marktpartnern und natürlich unseren Mitarbeitern Dank für die Verbundenheit, Loyalität und das gemeinsam Erreichte auszusprechen.
Unser Geschäft basiert auch 2024 auf zwei Säulen: der Projektentwicklung, insbesondere bei erneuerbaren Energien, und dem Handel und der Bewirtschaftung von Erzeugungs- und Beschaffungsportfolien. Das Marktumfeld ist schwieriger geworden. Die Volatilität hat abgenommen und die Preise sind gesunken, was neue Herausforderungen mit sich bringt.
Dennoch sind wir auch 2024 sehr gut in das Jahr gestartet und erwarten auch ein erfolgreiches, über der Planung liegendes Geschäftsjahr. Erfreulich ist, dass wir sowohl in der Zeit steigender Preise und Volatilitäten wie auch bei deren starkem Rückgang erfolgreich waren.
Wie haben Sie Ihre Handelsstrategie in der Krise angepasst?
In der Krisenzeit haben wir gelernt, dass wir auf unsere Systeme vertrauen können. Unser Ansatz, das Energiegeschäft immer mit Risikomanagement zu koppeln, hat sich bewährt. Wir haben mittlerweile eine hoch automatisierte Handelsplattform entwickelt. Damit können wir Portfolios direkt an den Intraday-Markt anbinden und Bilanzkreise effizient bewirtschaften. Das hat sich als enormer Vorteil erwiesen. Zum Beispiel konnten wir im April flexibel auf extreme Preisschwankungen reagieren und so erhebliche Mehrwerte für unsere Kunden realisieren. Das zeigt, dass wir aus der Krise gestärkt hervorgegangen sind. Auch in Ausschreibungen können wir punkten, weil wir unsere Kompetenz in der Krisenbewältigung unter Beweis gestellt haben.
Das Interview führten Klaus Hinkel und Artjom Maksimenko.
In der aktuellen Printausgabe der ZfK lesen Sie, welche Position Sven Becker in der Diskussion über das Strommarktdesign bezieht und warum er bei Kraftwerksstrategie auf Bewährtes setzen will.



