Das Handelsteam der Aachener Stadtwerkekooperation Trianel gehörte zu den Gewinnern des Energiekrisenjahres 2022. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Oliver Runte über eine mögliche Rückkehr von Vollversorgungsverträgen, den Umgang mit neuen Marktrisiken und die Vorteile flexibler Kraftwerke.
Herr Runte, ein Mitbewerber hat erst suggeriert, dass die Vollversorgung wieder ein Comeback feiere. Ist es so?
Es stimmt, dass wieder Vollversorgungsverträge angeboten werden, aber nicht zu den Preisen und mit der Absicherung von Mengen- und Strukturrisiken, wie wir das vor der Energiekrise gewohnt waren. Ich glaube auch nicht, dass Stadtwerke, die in der Vergangenheit in der Vollversorgung waren, nun vollständig wieder zu ihr zurückkehren.
Warum?
Es hat sich doch ein Stück weit die Wahrnehmung verändert. Während man in der Vollversorgung Gefahr läuft, dass der Versorger Risiken komplett abwälzt, können Stadtwerke in der strukturierten Beschaffung ihr Risikomanagement selbst anpassen.
Kleine Stadtwerke, die dann einen größeren Gewerbe- oder Industriekunden im Portfolio haben und diesen kurzfristig über Spotmarktprodukte beliefern, können ihr Portfolio darüber optimieren und so ihr Risiko minimieren. Wir nehmen jedenfalls wahr, dass der Trend weiterhin in Richtung strukturierte Beschaffung geht.
Zu den Versorgern die wieder Vollversorgung anbieten, zählen Konzerne wie Uniper, die im vergangenen Jahr mit viel Steuergeld gerettet werden mussten. Ist das fair?
Es war richtig, Unternehmen wie Uniper oder Sefe zu retten, um Lieferketten aufrechtzuerhalten. Die Verstaatlichung hat dazu geführt, dass diese Unternehmen nun wieder sicher im Markt stehen und expansiv unterwegs sind.
Die Frage ist: Haben sie aus der Vergangenheit gelernt und werden sie ihre Risiken entsprechend in neuen Vollversorgungsverträgen einpreisen? Und halten sie ihre Vertragsverpflichtungen auch dann ein, wenn es ungemütlich wird? Die kurzfristige Kündigung von Vollversorgungsverträgen oder das Beispiel der EnBW-Tochter BMP Greengas sollten uns eine Warnung sein.
Wie hoch sind denn die Risiken überhaupt noch? Die Großhandelspreise haben sich ja im Vergleich zum Jahr 2022 wieder stabilisiert.
Wir werden nicht mehr zur Preisstabilität der Vor-Corona-Zeit zurückkehren. Der Krieg in der Ukraine hat da wie ein Katalysator gewirkt. Die Volatilität nimmt drastisch zu. Der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Wegfall der Grundlast stützen diese Entwicklung. Deshalb beschäftigen wir uns seit Jahren mit dem Thema Kurzfristbewirtschaftung von Portfolien und der Frage, wie hier unsere Kunden von Preisschwankungen profitieren können.
Und?
Wer hier erfolgreich sein will, darf nicht nur in Kilowattstunden denken. Immer wichtiger wird Leistung, speziell Kurzfristleistung. Damit lässt sich Volatilität im Portfolio deutlich besser händeln. Die Voraussetzung dafür ist ein professionelles Portfolio- und Risikomanagement.
Was heißt das für Stadtwerke konkret?
Die spannende Frage ist auch mit Blick auf Vollversorgung oder strukturierte Beschaffung. Will ich mich risikomäßig nur auf einen Vorversorger verlassen oder verteile ich das Risiko nicht doch besser auf mehrere Schultern? Ähnliches gilt für die Beschaffungsstrategie. Will ich nur auf Langfristigkeit setzen oder mir nicht auch gewisse Flexibilitäten freihalten, damit ich Chancen nutzen kann, die sich im Kurzfristbereich ergeben? Stadtwerke in unserem Kundenkreis, die in der Energiekrise eine gewisse Flexibilität beibehalten haben, sind damit gut gefahren.
Wer nah am Markt beschafft, muss den Markt gut kennen.
Deshalb sitzen unsere Portfoliomanager auch direkt im Handelsraum, um flexibel reagieren zu können und gegebenenfalls sogar Mengen im Großhandel direkt kaufen oder verkaufen zu können, wenn sich Preisspitzen ergeben. Darüber hinaus können sie auf eine starke Analyse zurückgreifen und haben einen guten Zugriff auf die Märkte und Handelspartner. Dabei reicht es nicht mehr, nur auf dem deutschen Strommarkt aktiv zu sein. Man muss auch auf anderen europäischen Märkten firm und präsent sein.
Wer an eigene Kurzfristleistung denken soll, muss erst einmal eigene flexible Erzeugungsanlagen haben – und die dann flexibel steuern können.
Wer das allerdings beherrscht, der kann mit seinen Kraftwerken auch kurzfristig sehr viel Geld verdienen. Wir bei Trianel fahren auch Biogasanlagen unter einem Megawatt wie ein normales Großkraftwerk. Gelingt das in größerem Maßstab, dann eröffnet sich auch eine Perspektive für das Gesamtsystem.
Dann benötigen wir vielleicht gar nicht mehr zusätzliche 25 Gigawatt Großkraftwerke, um die Stromversorgungssicherheit in Deutschland zu gewähren. Dann könnten 10, 15 oder 20 Gigawatt dezentrale Kleinanlagen inklusive Gasspitzenlastkraftwerke die gleiche Leistung erbringen.
Welche Personaldecke ist für einen solch flexiblen Handel vonnöten?
Der Handelsraum sollte schon 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche besetzt sein. Denn handelt man nur an Werktagen, kann man fast ein Drittel des Jahres nicht reagieren. Das ist ein erhebliches Potenzial, das man einfach liegen lässt – und natürlich auch Geld, das Stadtwerke gut gebrauchen könnten.
All das dürfte für Versorger verlockend klingen. Allerdings dürften sie das kaum allein stemmen können und müssten bei Einbindung eines Dienstleisters wie Trianel sogleich einen Teil des Kuchens wieder abgeben.
Wir sehen es eher so, dass wir hier gern als verlängerte Werkbank von Stadtwerken agieren. Schließlich werden die Märkte immer komplexer und die Regulatorik immer intensiver. All das erfordert eine genaue Beobachtung und hochintelligente IT-Systeme. Da hat es doch keinen Sinn, dass jedes einzelne Stadtwerk gerade in Zeiten von Fachkräftemangel diese Expertise selbst aufbaut, die wir mit deutlich geringerem Aufwand und hoher Professionalität für hunderte Stadtwerkeportfolien anbieten können.
Das Interview führten Andreas Baumer und Klaus Hinkel
Hinweis: Ein Interview mit Sven Becker, Sprecher der Trianel-Geschäftsführung, finden Sie in der September-Printausgabe der ZfK auf Seite 5. Die Themen dort: die Bedeutung wasserstofffähiger Gaskraftwerke für die deutsche Stromversorgungssicherheit, die Wichtigkeit von Kapazitätsmärkten als Anreiz für Investitionen und neue kommunale Pläne im Offshore-Windbereich. Zur E-Paper-Ausgabe geht's hier. Zum Abo geht's hier.


