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Wärmewende-Finanzierung: "Die kleineren Stadtwerke sind durch Bürokratie stärker betroffen"

Die Wärmewende braucht Kapital, weniger Bürokratie und mehr Eigeninitiative. IW-Ökonom Markus Demary sieht Stadtwerke, Bürgergenossenschaften und Kommunen gemeinsam in der Pflicht.
28.10.2025

Markus Demary vom IW Köln erwartet im Zuge der Wärmewende erhebliche finanzielle Herausforderungen für die Stadtwerke.

Beim Erreichen der Ziele der Wärmewende und der Klimaneutralität nehmen die kommunalen Unternehmen und Stadtwerke in Nordrhein-Westfalen eine zentrale Schlüsselrolle ein. Ihre Aufgaben reichen von Energie­versorgung über Netzbetrieb bis hin zur Integration erneuerbarer Energien. Diese Herausforderungen sind mit enormen Kapitalaufwendungen verbunden. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hat bis 2030 einen Investitionsbedarf von rund 38,2 Milliarden Euro ermittelt.

Die Finanzierung dieses Volumens könnte im Schnitt zu einer Halbierung der Eigenkapitalquote führen, wenn die Gewinnabführung an ihre Eigentümer beibehalten werde, warnt Markus Demary, Senior Economist for Monetary Policy and the Economics of Financial Markets beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, im Interview mit der ZfK.

Herr Demary, wie belastbar sind die Investitionsschätzungen bis 2030 angesichts der Unsicherheiten bei Technologiepreisen und Regulierung?

Markus Demary: Wir schätzen für die Stadtwerke in NRW einen Investitionsbetrag von 38 Milliarden Euro bis 2030. Diese Schätzungen sind natürlich mit Unsicherheiten behaftet, da beispielsweise Rohstoffpreise sehr schnell sehr stark ansteigen können. So etwas haben wir während der Pandemie erlebt, als es zu Störungen in den Lieferketten kam. Die Investitionsschätzungen sollte man besser als Untergrenze interpretieren. Auch wenn der Zeitraum bis 2030 nicht so lang ist, so können Preisschocks durch Lieferengpässe die Investitionskosten durchaus explodieren lassen.

Wie lässt es sich verhindern, dass kleinere Stadtwerke durch die steigenden Investitionsanforderungen strukturell überfordert werden?

Die kleineren Stadtwerke sind durch Bürokratie stärker betroffen, weil sie weniger Mitarbeiter aufweisen. Sie spüren den Fachkräftemangel auch stärker. Eine stärkere Entbürokratisierung ist erforderlich, damit die kleineren Stadtwerke die benötigten Investitionen in Gang setzen können. Bürokratie und Fachkräftemangel sind neben Eigenkapital die wichtigsten Hemmnisse für Investitionen.

Welche konkreten politischen Maßnahmen schlägt die Studie zur Entbürokratisierung vor?

Wir haben uns in der Studie auf die Finanzierungssicht fokussiert. Aber das Thema Bürokratisierung ist auch sehr wichtig. Von Unternehmen werden diese Kosten als wichtiges Investitionshemmnis – neben Fachkräfteknappheit und hohen Energiepreisen – genannt. Damit die Investitionen auch gelingen, ist nicht nur die Finanzierung wichtig. Genauso wichtig ist eine beschleunigte Digitalisierung von Meldepflichten, die Beschleunigung von Netzanschlussverfahren sowie die Vereinfachung von Genehmigungsauflagen.

Einige Stadtwerke werden bei der Eigenkapitalfinanzierung
möglicherweise auf private Finanzinvestoren zurückgreifen müssen.

Welche Risiken sehen Sie in der zunehmenden Abhängigkeit von privaten Finanzinvestoren?

Wir haben in unserer Studie einen hohen Eigenkapitalbedarf errechnet. Für NRW liegt dieser bei elf Milliarden Euro. Einige Stadtwerke werden bei der Eigenkapitalfinanzierung möglicherweise auf private Finanzinvestoren zurückgreifen müssen, wodurch sich die Eigentümerstruktur dieser Stadtwerke ändern könnte. Das liegt aber möglicherweise nicht im Interesse der Kommunen. So könnten die hohen Renditeforderungen der Investoren dazu führen, dass die Gewinnabführung an die Kommunen geringer ausfallen könnte.  

Welche Rolle könnten Bürgerenergiegesellschaften und Genossenschaften in der Transformation spielen?

Genossenschaften haben die Aufgabe, ihre Mitglieder beim Wirtschaften zu unterstützen. Damit stellen sie auch eine sehr interessante Organisationsform für die Energiewende dar. Denn sie ermöglichen eine Beteiligung der Bürger als Mitglieder der Genossenschaft. Ich sehe hier Parallelen zu den Genossenschaftsbanken, die ja auch ein sehr erfolgreiches Geschäftsmodell aufweisen. Energiegenossenschaften könnten hier ähnlich erfolgreich wirtschaften. Im Vergleich zu Finanzinvestoren, die vielleicht weniger mit der Region verbunden sind, weisen die Mitglieder einer Energiegenossenschaft eine hohe Verbundenheit mit ihrer Region auf. Durch diese Verbundenheit zwischen Bürgern und Genossenschaft besteht eine höhere Akzeptanz für die Investitionen in die Transformation.  

Das Interview führte Artjom Maksimenko

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