Die neue Assetklasse Stromnetze umfasst mittlerweile rund ein Drittel des Portfolios des Fonds im Klima-Vest. Das Bild zeigt Fondsmanager Timo Werner im Gespräch.

Die neue Assetklasse Stromnetze umfasst mittlerweile rund ein Drittel des Portfolios des Fonds im Klima-Vest. Das Bild zeigt Fondsmanager Timo Werner im Gespräch.

Bild: © Commerz Real

Von Andreas Lorenz-Meyer

Klima-Vest, der Erneuerbare-Energien-Fonds der Commerzbank-Tochter Commerz Real, gehört zu den europäischen langfristigen Investmentfonds (European Long-term Investment Fund, kurz Eltif). 2015 hat die Europäische Union mit den Eltifs einen Rechtsrahmen geschaffen, der es auch Kleinanlegern ermöglichen sollte, abseits der Börse in Privatmärkte zu investieren, unter anderem in den Bereichen Infrastruktur und Energie. Bisher hatte Klima-Vest zwei Assetklassen im Portfolio: Wind- und Solarparks. Jetzt ist eine dritte dazugekommen: Stromnetze.

Ende April hatte Commerz Real für seinen Eltif sechs Prozent Anteile an der Düsseldorfer Beteiligungsgesellschaft M31 gekauft. Verkäufer war die Ärztliche Beteiligungsgesellschaft, ein Konsortium von fünf Versorgungswerken unter Führung der Ärzteversorgung Westfalen-Lippe. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Da die Beteiligungsgesellschaft M31 insagesamt 74,9 Prozent der Anteile am Dortmunder Übertragungsnetzbetreiber Amprion hält, gehört Klimavest nun ein indirekter Anteil von rund 4,5 Prozent an Amprion. Das Unternehmen betreibt rund 11.000 Kilometer Stromübertragungsnetz im Westen und Südwesten Deutschlands und ist damit der zweitgrößte der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber.

 

Ausreichende Liquiditätsquote 

Mit dem Kauf ist Klima-Vest der erste offene Fonds hierzulande, der Privatanlegern eine Investition in Netzinfrastruktur-sachwerte und ihren Ausbau ermöglicht. Klima-Vest-Fondsmanager Timo Werner erklärt, warum die "Stromautobahnen" bisher institutionellen Investoren vorbehalten geblieben waren. "Sachwerte sind weniger liquide als andere Anlageformen, was für offene Fonds gewisse Herausforderungen mit sich bringt. Offen heißt ja, dass Anleger vor Ende der Laufzeit ihr Geld aus dem Fonds wieder herausnehmen können." Infrastruktur-Investments hätten aber normalerweise einen langfristigen Planungshorizont. Ein Windrad oder Stromnetz verkaufe sich nicht so schnell wie eine Aktie oder Anleihe.

"Offene Fonds müssen daher immer eine gewisse Liquidität vorhalten, um mögliche Rückgabewünsche von Anlegern zu bedienen." Speziell bei Netzen komme hinzu, dass Investment-Opportunitäten vergleichsweise selten seien und in der Regel hohe Anlagevolumina erforderten. "Klimavest mit seinem Fondsvolumen von mehr als 1,6 Milliarden Euro kann das aber stemmen und dabei die Vorgaben zur Risikostreuung mit ausreichender Liquiditätsquote einhalten." 

Auch regulatorische Hürden haben lange im Weg gestanden. Unter anderem war bei Eltifs einen Mindestanlagebetrag vorgegeben. Und Anleger durften nur maximal zehn Prozent ihres Vermögens einsetzen. Mit der Reform Eltif 2.0 aus dem Jahr 2024 sind viele Hindernisse weggefallen. Die Eltifs nehmen dadurch nach zehn Jahren Nischendasein Fahrt auf, so Werner. 

Korridor A durch den Westen der Republik 

Welche Überlegungen hinter der Amprion-Beteiligung stecken, zeigt sich beim Blick auf Amprions aktuelle Projekte. Zum Beispiel die Gleichstromverbindung Korridor A, die "Hauptschlagader" der Energiewende. Sie soll Windstrom von Nordniedersachsen in die Verbrauchszentren Nordrhein-Westfalens und weiter bis Baden-Württemberg transportieren. Das Bauvorhaben teilt sich in die Abschnitte "A-Nord" von Emden nach Osterath und "Ultranet" von Osterath nach Philippsburg. Insgesamt will Amprion nach eigenen Angaben 9300 Kilometer Stromleitungen neu errichten oder ausbauen und bis Ende 2029 rund 36,4 Milliarden Euro investieren. 

Genau da setzt Commerz Real strategisch an. "Bei der Energiewende spielen Ausbau und Modernisierung der Übertragungsnetze eine Schlüsselrolle", erläutert Werner. Warum diese so wichtig sind, zeigten mehrere Entwicklungen. Energiebedarf und -verbrauch in Deutschland und Europa wachsen kontinuierlich. Der Anteil der Stromerzeugung aus schwankenden Energiequellen nimmt zu, was die Stabilität der Netze beeinträchtigen könnte. Eine wachsende Anzahl dezentraler Stromerzeugungsanlagen wird ans Netz angeschlossen, etwa Photovoltaik-Dachanlagen. Der Stromhandel in der EU nimmt zu. Aufgrund seiner Lage zwischen West und Ost könnte Deutschland mit deutlich mehr grenzüberschreitendem Stromhandel konfrontiert sein als andere Länder.

Das Maß an Finanzierung, das für Ausbau und Modernisierung der Netzinfrastruktur nötig ist, geht weit über das bisherige institutionelle und staatliche Kapital hinaus, stellt Werner fest. Gemäß "Fortschrittsmonitor 2025" von Ernst & Young Deutschland und dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) müssten bis 2030 mehr als 720 Milliarden Euro allein in die deutsche Energiewirtschaft investiert werden. Davon entfallen rund 280 Milliarden Euro auf Transport- und Verteilernetze für Strom und Gas.

"Diese Summen unterstreichen, dass für den zukunftssicheren Infrastrukturausbau für die Erzeugung, den Transport und – nicht zu vergessen – für die Speicherung grünen Stroms privates Kapital wichtiger denn je ist." Dass nun auch Privatanleger über einen offenen Fonds wie Klima-Vest Zugang zu dieser kritischen Infrastruktur erhalten, sei daher ein folgerichtiger Schritt. 

Die europäische Komponente

Zwei weitere Faktoren hätten für die Beteiligung gesprochen. Zum einen die europäische Energieintegration. Die Amprion-Stromnetze sind mit denen in den Niederlanden, Luxemburg, Frankreich, Österreich und der Schweiz verbunden. "Klima-Vest hat ein Portfolio von mehr als 40 Assets in sechs Ländern. Das transnationale Netz von Amprion passt sehr gut zu unserer Anlagephilosophie." Die grenzüberschreitende Vernetzung ermögliche einen effizienteren Stromhandel, stärke die Netzstabilität und erhöhe die Resilienz des Gesamtversorgungssystems in Europa – besonders in Zeiten volatiler Einspeisung aus erneuerbaren Quellen. 

Der zweite Faktor sind Amprions Offshore-Aktivitäten. Aktuell werden die Netzanbindungssysteme "DolWin4" und "BorWin4" gebaut, die ab 2028 Nordsee-Strom bis nach Lingen ins südliche Emsland bringen. Auch dem Wachstumsmarkt Offshore komme eine Schlüsselfunktion für die europäische Energieversorgung zu, ordnet Werner ein. "Mit dem Ausbau von Windkraftanlagen auf hoher See samt Netzinfrastruktur bekommen wir Zugang zu Windstrom auf bislang ungenutzen Flächen." Das gewährleiste die Versorgungssicherheit bei zunehmendem Strombedarf.

Gut planbare Cashflows 

Dass Klimavest mit der Amprion-Beteiligung breiter und stabiler aufgestellt ist, war ein weiterer Grund für die Beteiligung. Die neue Assetklasse Stromnetze hat nun einen Anteil von 33,6 Prozent im Portfolio, die Windassets kommen auf 51,3, die Solarassets auf 15 Prozent. Diese Diversifikation des Portfolios nach Assetklassen, Ländern und Technologien diene der Rendite- und Risikooptimierung für Investoren. Speziell der Bereich Netzinfrastruktur bringe durch die Entgelte gut planbare Cashflows, die von der jeweiligen Witterungslage unabhängig sind. Die Regulierung der Stromnetze bedeute ein stabiles und kalkulierbares Ertragsprofil. "Ein wertvoller Baustein für ein ausgewogenes Infrastrukturportfolio", so Werner.

Wind- und Solarparks seien zwar auch reguliert, etwa durch Ausschreibungen oder Genehmigungsauflagen. Auch sie böten langfristig planbare Investments, unterliegen aber kurzfristig stärkeren Schwankungen durch Faktoren wie Wetterbedingungen, Standortqualität, die Vermarktung des Stroms über regulierte Einspeisevergütungen, individuelle Stromabnahmeverträge oder die Strombörse.

Werner erwartet, dass in den nächsten Jahren viel privates Kapital in Infrastruktur und auch in die Übertragungsnetze fließt. Dies sei auch das erklärte Ziel der jetzigen Bundesregierung. Bereits die Ampel-Koalition habe wichtige Weichen gestellt, um die Beteiligung von privatem Kapital am Stromnetzausbau attraktiver zu machen. So wurde das Tempo bei Genehmigungen beschleunigt und mit dem Netzausbauplan bis 2045 Planungssicherheit für Investoren geschaffen. Weitere künftige Beteiligungen der Commerz Real im Bereich Übertragungsnetze hält der Fondsmanager für denkbar. Im Moment ist er mit dem frisch diversifizierten Klimavest-Portfolio aber zufrieden. 

Commerz Real hatte M31 im Jahr  2011 für ein Konsortium von institutionellen Investoren gegründet, hierüber 74,9 Prozent der Anteile an Amprion von RWE erworben sowie die Beteiligung als Assetmanager über zehn Jahre lang betreut.

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