In welchem Unternehmen mit über 600 Mitarbeitenden nimmt sich der Vorstand persönlich Zeit, eine Masterarbeit zu betreuen? Die Antwort: bei der EWR in Worms. Dieter Lagois tauscht sich wöchentlich mit einem Masteranden aus, der seine Arbeit bei EWR schreibt – denn das Thema ist Chefsache: die Einführung von künstlicher Intelligenz (KI) im Unternehmen. Konkret beschäftigt der Student sich mit "Machine-Learning-basierter Kundensegmentierung für eine zielgerichtete Vertriebssteuerung in der Energiebranche".
Seit 2022 ist Lagois neben Stephan Wilhelm der zweite Vorstand des kommunalen Energieunternehmens. Er hat die Zuständigkeiten Vertrieb, IT und Finanzen sowie Energielösungen und Produktentwicklung. Kurz nach seinem Amtsantritt hat Lagois die KI-Transformation bei EWR zur Priorität erklärt. Seither hat sich einiges bewegt.
Das Recruiting der für die Transformation benötigten Expertinnen und Experten erklärte Lagois zur Chefsache, Bewerbungsgespräche führte er selbst. So habe EWR interessante junge Talente gewinnen können, darunter auch Bewerberinnen und Bewerber, die zuvor bei deutlich größeren Unternehmen tätig waren. "Gerade jungen Fachkräften aus Konzernen zeigen wir im direkten Austausch: Bei uns zählt Persönlichkeit, nicht nur der Lebenslauf." Was die Arbeit mit KI bei EWR auszeichne, sei ein hoher Freiheitsgrad – bei gleichzeitig klaren Leitplanken: ethische Verantwortung und die DSGVO. "Innerhalb dieses Rahmens fördern wir gezielt Eigenverantwortung und kreative Entfaltung."
KI in der Anwendung: keine Spielerei, sondern strategischer Vorsprung
Mittlerweile ist das Team "Business Intelligence" auf fünf Mitarbeitende, mit Hintergründen im Digitalisierungsbereich und der Mathematik, angewachsen. Denn viele KI-Methoden beruhen auf probabilistischen Verfahren, sind also hoch mathematisch. "Begriffe wie 'Bayessche Inferenz', 'Support Vector Machines' oder 'Regressionsmodelle' gehören für unser Team zum Tagesgeschäft", sagt Lagois.
"Einzelmaßnahmen reichen auf Dauer nicht aus."
EWR arbeitet nach der Einführung einiger erster Anwendungen an einer ausführlichen KI-Strategie. Die Leitfrage ist: Wo kann KI echten Mehrwert stiften? "Für uns ist entscheidend: nicht Spielerei, sondern strategischer Vorsprung." Ähnlich wie bei der Digitalisierung, die Lagois stets als Auftakt für eine tiefgreifendere Transformation verstanden habe, gelte eben auch hier: "Einzelmaßnahmen reichen auf Dauer nicht aus." Es brauche einen strategisch fundierten, ganzheitlichen Ansatz. "Eine KI-Strategie darf kein Flickenteppich sein – sie muss systematisch entwickelt werden und eine belastbare Grundlage für die Zukunft unseres Unternehmens bilden."
KI könnte die Produktivität um jährlich drei Prozent steigern
Ein Blick in Studien zeigt deutlich, welches Potenzial in künstlicher Intelligenz steckt: Das McKinsey-Global-Institut etwa prognostiziert bis zum Jahr 2030 ein jährliches Produktivitätswachstum von bis zu drei Prozent. "Diese Perspektiven machen deutlich: KI, Datenstrategie und Data Analytics sind keine Zukunftsthemen mehr, sondern gehören heute auf die Agenda jeder Unternehmensführung – insbesondere im Topmanagement", sagt Lagois. Die vielversprechende KI-Studie von McKinsey sagt auch voraus, dass bis 2030 etwa 30 Prozent der Arbeitsstunden durch KI automatisiert werden könnten.
Die Berater erklären, dass dies bis zu drei Millionen Berufswechsel in Deutschland erfordere. Die weitaus größten Umbrüche betreffen demnach die administrativen Bürotätigkeiten: Die Hälfte der in Deutschland erwarteten Jobwechsel fallen in diesen Bereich. Mit 17 Prozent folgt der Bereich Kundenservice und Vertrieb, mit 16 Prozent Tätigkeiten in der Produktion. "Die Sorge vieler Mitarbeitender, durch KI ersetzt zu werden, ist insbesondere bei repetitiven Aufgaben nachvollziehbar", sagt Lagois. Gleichzeitig entstünden jedoch neue Berufsfelder und Jobs.
Eine halbe Millionen Euro Ersparnis im Jahr durch KI im Kundenservice
Gerade in der Energieversorgungsbranche gibt es bereits konkrete Beispiele für diesen Umbruch. Bei EWR kommt etwa ein Voicebot zum Einsatz, ein sprachgesteuertes System, das Standardanfragen im Kundenservice bearbeitet. "Für unser Team bedeutet das: mehr Zeit für komplexe Anliegen und intensivere Kundenbeziehungen. KI schafft Freiräume für echte, wertvolle Interaktion", sagt Lagois. Der Voicebot rechnet sich bereits; 200 000 Euro Einsparung seien es jährlich. In drei Jahren, sagt der Vorstand, geht er von einer jährlichen Ersparnis von einer halben Million Euro aus.
Bei KI geht es also um bares Geld. Viele Unternehmen scheinen das aber noch nicht auf dem Schirm zu haben. "Genauso dringlich wie Investitionen in die Energiewende sind Investitionen in die KI-Transformation", sagt Lagois. Beides gehöre zusammen. Welchen Impakt die Transformation bei EWR haben wird, zeigt sich an Lagois‘ Prognose: Künstliche Intelligenz werde bei allen wesentlichen wertschöpfenden Prozessen eine Rolle spielen – von der intelligenten Steuerung der Energiesysteme über die Optimierung interner Abläufe bis hin zur besseren Betreuung der Kundinnen und Kunden. Der Manager ist ambitioniert: "Unser Ziel ist klar: In den nächsten zwei Jahren werden wir beim Einsatz von KI in der Energiewirtschaft zur Spitzengruppe gehören."
"Daten sind ein zentrales Asset."
Insbesondere im Kontext rasant wachsender Datenmengen werde das Thema immer dringlicher, meint Lagois. "Die Datenmenge in der Energiebranche wird – nicht zuletzt durch den Smart-Meter-Rollout und die Steuerung der Energiesysteme – in den kommenden Monaten und Jahren massiv steigen", sagt Lagois. "Daten sind ein zentrales Asset und müssen auch als solches verstanden und behandelt werden."
Die Grundlage jeder KI-Strategie ist ein gutes Datenmanagement
Einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren sei hierbei die Verfügbarkeit von hochwertigen Daten. Bei EWR arbeitet das Business-Intelligence-Team daher eng mit der IT zusammen, um aus strukturierten Daten wertvolle Erkenntnisse zu gewinnen.
Auf dieser Basis hat EWR ein Konzept entwickelt, das derzeit auf alle Fachbereiche ausgerollt wird. Für jeden Prozess werden sogenannte "Key User" festgelegt. Sie stellen strukturierte Daten bereit und ermöglichen es den Abteilungen, sich über Visualisierungstools – beispielsweise mit "Power BI", dem Geschäftsanalyse-Dienst von Microsoft – individuelle Steuerungskennzahlen und Dashboards aufzubauen. "So entsteht Schritt für Schritt eine datengetriebene Unternehmenskultur."
"Ohne eine tragfähige Data-Governance-Strategie ist eine nachhaltige KI-Transformation nicht möglich."
Im Rahmen seiner Data-Governance-Strategie hat EWR zudem Rollenprofile für "Data Owner" und "Data Stewards" eingeführt. Der Data Owner ist hauptverantwortlich dafür, dass die Daten korrekt eingepflegt werden und die Stewards überprüfen die Datenqualität. Denn: "Neben der klaren Verankerung im Topmanagement braucht es vor allem eines: ein strukturiertes, effizientes Datenmanagement", so Lagois. Ohne eine tragfähige Data-Governance-Strategie sei eine nachhaltige KI-Transformation nicht möglich. Eines der größten Projekte, das EWR je durchführte, habe sich ausschließlich mit Datenbereinigung und -qualität auseinandergesetzt.



