"Wir sind überzeugte Wasserstoffler": Dirk Sattur ist seit Mai Vorstand bei der Badenova in Freiburg.

"Wir sind überzeugte Wasserstoffler": Dirk Sattur ist seit Mai Vorstand bei der Badenova in Freiburg.

Bild: © Badenova

Von Hans-Peter Hoeren

Zuerst die Grüngasquote festlegen und dann das Gebäudeenergiegesetz novellieren. Diese Prioritätensetzung in der Energiepolitik wünscht sich Dirk Sattur (44), der seit Mai Vorstand der Freiburger Badenova ist, von der neuen Bundesregierung. Dadurch werde der Weg viel klarer, mit welchen Technologien sich die Ziele des Gebäudeenergiegesetzes für Wohngebäude erreichen lassen. Gleichzeitig werde vielen Privathaushalten damit die Unsicherheit genommen.  

"Durch die Abschreibung der Gasnetze mittels der Kanu-Richtlinie werden die Gasnetzentgelte steigen, das ist politisch mit einer fortschreitenden Dekarbonisierung so gewollt“, erklärt der frühere Chef des großen Verteilnetzbetreibers Mitnetz Strom und Gas im Gespräch mit der ZfK. Dies würde einen "natürlichen Anreiz schaffen, in andere Technologien wie Nah- und Fernwärme, Strom oder für die Industrie Wasserstoff zu switchen." Diese Anreizwirkung werde durch die geplanten Steigerungen des CO2-Preises ab 2027 verstärkt. Die Frage nach der Bezahlbarkeit bleibe dabei aber noch unbeantwortet und sei ein wichtiger Faktor.

Fehlanreize und Verunsicherung

Sattur zog eine Parallele zur Einführung des Gebäudeenergiegesetzes und des Gesetzes zur kommunalen Wärmeplanung vor wenigen Jahren. Auch da sei die Reihenfolge nicht optimal gewesen, dies habe teilweise zu Fehlanreizen und Verunsicherung geführt.

Auch eine Doppelförderung der Fernwärme und der Wärmepumpe in Fernwärmeausbaugebieten findet Sattur kontraproduktiv. "Eine Doppelförderung ist volkswirtschaftlich ineffizient. Hier benötigen wir intelligentere Ansätze", verdeutlicht er. Versorger wie die Badenova gingen mit "mutigen Ansätzen" zur Tiefengeothermie oder vielen Nahwärmekonzepten in die Investition. Dies dürfe nicht durch eine Überförderung der Wärmepumpe in den Ausbaugebieten konterkariert werden. Ein intelligenter Ansatz würde die grüne Wärme vor Ort attraktiver in der Vermarktung werden lassen und vielen Kunden und Kommunen frühzeitig Sicherheit in Richtung kommunale Wärmeplanung liefern.

Sattur rechnet bis zum Frühjahr mit klarem Rahmen für den Hochlauf der Wasserstoffinfrastruktur

In Sachen Wasserstoff sieht Sattur die Branche nach einer Hochphase der Euphorie im Anschluss an die jüngste Energiekrise aktuell zurück am Boden der Realität. "Jetzt kommt langsam Beschleunigung in die Festlegung der regulatorischen Rahmenbedingungen mit dem Delegated Act der EU und dem in der Diskussion stehenden Wasserstoffbeschleunigungsgesetz", sagt er. Er erwartet, dass hier bis zum ersten Quartal 2026 entsprechende Festlegungen getroffen würden. "Dann haben wir auch einen klaren Rahmen für den Hochlauf der Wasserstoffinfrastruktur."

Momentan sei Wasserstoff preislich gegenüber dem günstigen Erdgas und dem niedrigen CO2-Preis nicht konkurrenzfähig für eine unter Marktdruck stehende energieintensive Industrie. Dies werde von Industrieunternehmen, die zeitnahe Dekarbonisierungslösungen anstrebten, entsprechend eingepreist. Die Preissensibilitäten in der energieintensiven Industrie, wie Chemie oder Stahl, seien hier höher als in der Mobilität. 



Badenova Netze investiert in den Ausbau des Wasserstoff-Kernnetzes

Gravierender wiege aber noch das Henne-Ei-Problem der fehlenden Wasserstoffinfrastruktur. In diesem Zusammenhang bezeichnete er den Schritt der Badenova Netze, als Verteilnetzbetreiber in den Ausbau des Kernnetzes zu investieren als "sehr mutig und vorausschauend". Die Arbeiten am Bau einer 58 Kilometer langen Wasserstoffleitung zwischen Grenzach-Wyhlen und Waldshut-Tiengen haben bereits begonnen. Über die neue Infrastruktur sollen ab 2030 energieintensive Industrien am Hochrhein mit grünem Wasserstoff versorgen. Parallel dazu wird ein deutsch-französisches Kooperationsprojekt vorangetrieben. Für dieses haben bereits mehrere Industrieunternehmen Abnahmeerklärungen unterzeichnet.

"Wir sind überzeugte Wasserstoffler und das nicht, weil wir ein Gasnetzbetreiber sind. Wir wollen primär damit die Wettbewerbsfähigkeit Südbadens sichern und Zukunft gestalten", stellt er klar.

Rahmenbedingungen für Wasserstoff in Nachbarländern aktuell vorteilhafter

Zudem gelte es auch, an die volks- und energiewirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit in Europa zu denken. Im Nachbarland Schweiz werde etwa mit einem Sondervermögen von 200 Millionen Euro pro Jahr ein sehr dynamischer Ausbau der Erzeugungs- und Verteilungskapazitäten von Wasserstoff ermöglicht. Auch in Frankreich gebe es einen recht klaren Kurs bei der Wasserstofferzeugung auch onshore. "Es wäre nicht gut, wenn Deutschland sich die Chancenpotenziale von Wasserstoff entgehen lässt."

Notwendig sei, dass die EU hierfür den entsprechenden Rahmen schaffe, der dann in die deutsche Regulierung runtergebrochen werde. "Wir müssen versuchen, die Wasserstoffinfrastruktur möglichst kosteneffizient zu planen und die ersten Schritte zu machen." Wenn die ersten Kunden am Netz sind, wird eine "hohe Sogwirkung entstehen", insbesondere mit dem Anstieg der Gaspreise, den man in den nächsten Jahren erwarten könne.

Viele energiewirtschaftliche Parallelen zwischen Südbaden und Mitteldeutschland

 Nach 17 Jahren in Führungspositionen unter anderem im Eon-Konzern und innerhalb der Envia-M-Gruppe war Sattur Anfang Mai zur Badenova gewechselt. "Ein starker Konzern hat Vorteile und ich bin für meine Zeit bei Eon dankbar, es macht aber auch wieder Spaß, sehr direkte unternehmerische Entscheidungsmöglichkeiten in einer eher mittelständischen und regional geprägten Organisation zu haben", erklärt er.  Gemeinsam mit dem Hans-Martin Hellebrand im Vorstand und einem sehr aktiven Gesellschafterkreis habe er hier schnelle Entscheidungswege

Ob Konzessionsthemen, die Transformation von Gas hin zu Wärme oder Wasserstoff, ebenso die Anbindung an eine jeweils von der Chemieindustrie geprägten Region – es gebe viele Parallelen zwischen den Herausforderungen in Freiburg und denen bei Mitnetz Strom in Mitteldeutschland. Aber er sieht auch einen großen Unterschied.

"Badenova hat eine besondere Unternehmenskultur"

"In Nord- und Ostdeutschland wird Energiewende als Wettbewerbsvorteil gesehen, um Industrie anzusiedeln. Im Südwesten soll die grüne Energie den Standortvorteil des Mittelstands in Baden-Württemberg dauerhaft sichern." Noch einfacher gesagt: "In Ostdeutschland steht im Fokus, wie man die Energie im Netz unterbringt. Die Herausforderung in Südwesten ist mehr, wie hole ich genug Energie aus dem Netz heraus."

Er habe in Südbaden "sehr spannende Strukturen und eine besondere Unternehmenskultur und eine große Leidenschaft in der Mitarbeiterschaft mit einer unheimlich guten grünen DNA vorgefunden". "Das macht mir gerade in unserem Vorstandsduo und mit den Teams der Badenova sehr viel Freude."

Badenova verfüge über ein breites Portfolio in einer attraktiven Region mit einem hohen Innovationscharakter und einer konsequenten Digitalstrategie. Zudem gebe es nicht viele Regionen in Deutschland mit einem so hohen Akzeptanzgrad für Wind im Wald.

Dirk Sattur verantwortet die Bereiche Netze, Erneuerbare Erzeugung, Wärme, sowie das Personal- und Kommunalmanagement. Der Vorstandsvorsitzende Hans-Martin Hellebrand ist für die Bereiche Vertrieb, Digitales, Finanzen, Nachhaltigkeit, Recht und Strategie zuständig.

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