Trotz oder gerade wegen stark gefallener Großhandelspreise: Das Klima zwischen Politik und Stadtwerken ist derzeit eher trüb als heiter.

Trotz oder gerade wegen stark gefallener Großhandelspreise: Das Klima zwischen Politik und Stadtwerken ist derzeit eher trüb als heiter.

Bild: © Daniel Bockwoldt/dpa

Thomas König ist Netzvorstand beim Energieversorger Eon.Bild: © E.ON SE

Gastbeitrag von
Thomas König,
Chief Operating Officer – Networks
Eon

Spätestens nach dem großflächigen Blackout auf der iberischen Halbinsel steht das Thema der Versorgungssicherheit im Fokus der Öffentlichkeit. In einem Gastbeitrag zeigt Thomas König, Chief Operating Officer beim Energiekonzern Eon auf, wie Digitalisierung, Investitionen und mutige Reformen das Netz der Zukunft schneller, stabiler und effizienter machen können. 

Millionen Menschen ohne Strom, wirtschaftlicher Milliarden-Schaden. Auch wenn die konkreten Ursachen noch nicht final geklärt sind: Der großflächige Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel Ende April hat eindrücklich gezeigt, wie elementar eine gesicherte Stromversorgung und starke Infrastruktur sind. Leben und Wirtschaft stehen still, wenn das Netz ausfällt. Das gilt besonders für die Verteilnetze, an die in Deutschland fast alle Kunden und Erneuerbare-Energien-Anlagen angeschlossen sind. Wer hierzulande neu ans Stromnetz will, braucht mitunter starke Nerven. Komplizierte Prozesse, fertige Wind- oder Solarparks teils noch ohne Anschluss, parallele Anschlussanfragen an verschiedene Netzbetreiber für ein und dasselbe Projekt. Das sorgt bei allen für Frust, ist teuer und ineffizient.

Allein im deutschen Eon-Netz haben sich die Anschlussanfragen in den vergangenen Jahren vervierfacht, auf im Durchschnitt über 400.000 pro Jahr. Heute sind bereits über 1,5 Millionen und damit mehr als die Hälfte aller deutschen Wind- und Solaranlagen an das Eon-Netz angeschlossen. Dazu kommen immer mehr Anfragen für Batteriegroßspeicher, Rechenzentren oder Ladeparks. Gerade größere Vorhaben erfordern individuelle Planungsverfahren und oft zusätzlichen Netzausbau. 

Mit Digitalisierung und Innovation zum schnelleren Netzanschluss 

Was kann Eon als größter Verteilnetzbetreiber Deutschlands beitragen, damit ein Netzanschluss nicht zur Geduldsprobe wird? Allein in den letzten zwei Jahren haben wir über acht Milliarden Euro in das deutsche Netzgeschäft investiert. Weitere 22 Milliarden sind bis 2028 geplant. Aber es geht um mehr als nur Investitionen. Konsequente Digitalisierung und Automatisierung sind der Schlüssel zum Erfolg, um die Flut an Anschlussanfragen zu bewältigen und das Netz stabil zu halten.

Bei Eon konnten wir beispielsweise die Bearbeitungszeit für Anfragen von Privatkunden in Deutschland im vergangenen Jahr von durchschnittlich 22 Tagen auf knapp zwei Tage reduzieren. Kunden erhalten in wenigen Sekunden online Auskunft zu einem möglichen Netzanschluss für ihre Solaranlage, Wärmepumpe oder Ladestation. Damit setzen wir neue Maßstäbe. Wir denken auch technische Lösungen neu, zum Beispiel unser innovatives Konzept der "Einspeisesteckdose". Als Netzbetreiber stellen wir proaktiv an geeigneten Netzpunkten zusätzliche Anschlusskapazitäten bereit. 

Darauf können sich Projektierer von Erneuerbaren-Anlagen unkompliziert online bewerben. Unsere erfolgreichen Pilotprojekte zeigen: So lässt sich viel Zeit und Geld sparen. Leider fehlt solchen neuen Ansätzen oft die gesetzliche Grundlage, um sie in der Breite auszurollen. Dafür machen wir uns stark.

Reicht das?

Gleichzeitig müssen wir uns fragen: Reicht das? Nein – ein schneller Netzanschluss macht noch kein starkes Stromnetz. Netzbetreiber brauchen den passenden Rahmen und Handlungsspielraum. Der Ausbau muss für Kunden bezahlbar bleiben. Zukunftsfähige Lösungen dafür liegen auf dem Tisch:

Erstens: Neue Erneuerbare-Energien-Anlagen nur dort, wo es netzseitig Sinn macht. Noch immer werden neue Erneuerbaren-Anlagen nach dem Gießkannenprinzip gefördert – und selbst in Netzgebieten gebaut, wo die Einspeisung bereits vielfach die Jahreshöchstlast übersteigt. Die Folge: Überlastete Netze und über 10 Milliarden Euro fürs Engpassmanagement in den letzten vier Jahren – bezahlt von den Netzkunden. Ein "Redispatch-Vorbehalt" kann das ändern. Er setzt die Vergütung für Neuanlagen in Engpassgebieten aus und lenkt Investitionen dorthin, wo das Netz mehr Kapazitäten hat.

Zweitens: Ungenutzte Potenziale im Netz heben. Durch die clevere Kombination von Wind und Solar können bestehende Netzanschlusspunkte "überbaut" und so besser ausgelastet werden. Denn Wind und Sonne liefern meist zu unterschiedlichen Zeiten Strom. Allein im Gebiet der Eon-Tochter Bayernwerk könnten so rund 1000 zusätzliche Windräder ans Netz. Erste Überbauungsprojekte haben wir bereits erfolgreich umgesetzt.

Drittens: Bedarfsgerechterer Netzausbau statt politischer Planwirtschaft. Pauschaler Netzausbau auf Grundlage politischer Ziele und theoretischer Maximalbelastungen passt schlichtweg nicht in die heutige Zeit. Netzausbau muss sich viel stärker an realen Bedarfen und regionalen Gegebenheiten orientieren. Das verringert Kosten und beschleunigt die Umsetzung. Allein in den nächsten zehn Jahren könnte ein bedarfsgerechterer Ausbau den Stromkunden nach Eon-Berechnungen dreistellige Milliardensummen sparen.

Viertens: Raus aus dem Bürokratiewildwuchs. Planungs- und Genehmigungsverfahren bremsen den Netzausbau aus. Dagegen setzt der "Deutschland-Pakt" zwischen Bund und Ländern ein wichtiges Signal – jetzt muss er auch konsequent umgesetzt werden! Mehr Tempo bringt vor allem: Freileitung vor Erdkabel, Genehmigungsfreiheit für Maßnahmen an Bestandstrassen und rechtlicher Vorrang für Leitungsbauprojekte.

Fünftens: Branchenstandards statt Flickenteppich. Wenn jeder der fast 900 deutschen Stromnetzbetreiber seine eigene Lösung entwickelt, kostet das viel Zeit und Geld. Die deutschen Netze brauchen dringend mehr Standardisierung, vor allem bei digitalen Lösungen und technischen Komponenten. Zum Beispiel haben wir bei Eon bereits sämtliche Netzkomponenten radikal standardisiert. So konnten wir etwa die Varianten bei Strommasttypen um rund achtzig Prozent reduzieren.

Und sechstens: Sachgerechte statt lähmender Regulierung. Unsere Verteilnetze sind die zentralen Kundennetze für Deutschlands Zukunft. Um die enormen Investitionen zu stemmen, muss die Verzinsung im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig sein. Sonst fließt das Kapital in andere Märkte. Noch schlimmer: Durch die im Raum stehenden Änderungen der BNetzA im NEST-Prozess drohen Netzbetreibern sogar erhebliche zusätzliche Belastungen. Eine Entwicklung, die die entscheidende Rolle der Verteilnetze für Deutschland schlicht ignoriert. Wir brauchen genau das Gegenteil: Einen angemessenen und verlässlichen Gesamtregulierungsrahmen, der Investitionen und Innovationen fördert.

Um all dies umzusetzen, müssen wir jetzt gemeinsam durchstarten. Denn eine starke Energieinfrastruktur ist kein Solo der Netzbetreiber, sie ist ein Orchester. Politik, Netzbetreiber, Anlagenbetreiber, Industrie, Handwerker und Bürger – alle müssen an einem Strang ziehen. Weil leistungsfähige Stromnetze gleichermaßen die Grundlage für etablierte Industriezweige, Zukunftsindustrien und unsere gesamte Gesellschaft sind. Wer beim Netzausbau zögert oder spart, spielt nicht nur mit dem Erfolg der Energiewende, sondern auch mit unserem Wirtschaftsstandort und Wohlstand. Jetzt ist der Moment für die Trendwende. Nicht irgendwann, nicht morgen, sondern genau jetzt.

Der Gastbeitrag ist zuerst in der Printausgabe der ZfK erschienen. Hier geht es zum E-Paper der aktuellen Ausgabe.

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