Von Andreas Lorenz-Meyer
Beide Gesellschafter halten jeweils 50 Prozent der Anteile an der neuen Projektgesellschaft "Erneuerbare Energien Neuwied" und teilen sich auch die Geschäftsführung. Markus Behr, Leiter Fachbereich Erneuerbare Energien bei EVM, und Thomas Kill, Geschäftsfeldleitung Energienahe Dienstleistungen bei den Stadtwerken Neuwied, bilden die Doppelspitze. Der Unternehmensgegenstand ist bewusst offen gefasst.
Es geht um Planung, Errichtung und Betrieb von Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien sowie alle damit zusammenhängenden Tätigkeiten. Der Fokus liegt zunächst auf der Entwicklung von Windenergieprojekten in und um Neuwied, das gut zehn Kilometer rheinabwärts vom EVM-Firmensitz Koblenz liegt.
Beteiligungsmodelle im Windportfolio
Die EVM, mit rund 1000 Mitarbeitern und über einer Milliarde Euro Umsatz ist von den beiden Gründern das weitaus größere Unternehmen und besitzt viel Erfahrung mit Windenergieprojekten. Seit 2004 hat es den Windpark Waigandshain und seit 2016 den Windpark Höhn in Betrieb. Beide liegen im Westerwaldkreis. Der Windpark Höhn wurde 2018 um zwei Windenergieanlagen auf insgesamt fünf erweitert. 2028 sollen drei weitere dazukommen, womit sich der Jahresstromertrag auf 85 Megawattstunden erhöht.
Beim Windpark Waigandshain steht 2028 ein Repowering an, wodurch sich die jährliche Stromproduktion fast verdoppelt, auf dann 68 Megawattstunden. EVM hält an den bestehenden Windparks Anteile, am Windpark Höhn zum Beispiel 66,8 Prozent. Den Rest hält die Rhenag. Ein Beteilungsmodell wird es auch beim Windpark Schneifelhöhe in der Westeifel geben, der voraussichtlich 2026 zu den beiden bestehenden Parks hinzukommt, eine Investition gemeinsam mit Thüga Erneuerbare Energien und den Stadtwerken Karlsruhe. Mit einer Leistung von 77 Megawatt produziert dieser Windpark jährlich 200 Megawattstunden Windstrom.
Erfahrungsschatz plus Ortskenntnisse
Die EVM plant aber noch mehr und will ihr Wind-Portfolio in den nächsten Jahren um mehrere Hundert Megawatt Leistung ausbauen, auch im Rahmen der neuen Projektgesellschaft. Vorstand Christoph Hesse, der unter anderem die Bereiche Energieerzeugung und Vertrieb verantwortet, erläutert die Vorteile, die sich aus dem Zusammengehen mit den Stadtwerken Neuwied ergeben.
Strategische Partnerschaften seien grundsätzlich zentral für das Gelingen der Energiewende, sofern die Partner zusammenpassen und ihre jeweiligen Stärken bündeln. Dies sei bei der neuen Gesellschaft der Fall.
"Die Stadtwerke Neuwied sind als stadteigenes Unternehmen tief in der Kommune verwurzelt. Sie besitzen fundierte Kenntnisse der örtlichen Zusammenhänge, sind lokal eng vernetzt, haben Kontakte zu Grundstückseigentümern und damit den Zugang zu geeigneten Flächen. Zudem betreiben sie das örtliche Stromnetz. Das alles ist von unschätzbarem Wert, wenn es um Windkraftprojekte geht."
Die EVM wiederum bringe ihren Erfahrungsschatz und technisches Know-how ein. "Wir haben Experten im Haus, die sich seit vielen Jahren um Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien kümmern." Die Kooperation sei insofern die ideale Ergänzung, ein "perfect match".
300 Megawattstunden Strom
Was sich gleich beim ersten Projekt, dem Windpark Neuwied, auszahlen soll. Der besteht aus bis zu 15 Windenergieanlagen mit einer Leistung von je 7,2 Megawatt, die jährlich 300 Megawattstunden Windstrom produzieren – das bisher größte EVM-Windparkprojekt. Die beiden Gesellschafter teilen sich die erzeugte Strommenge. Die Stadtwerke Neuwied könnten mit ihrer Hälfte, 150 Megawattstunden jährlich, rund 20 Prozent des künftig benötigten Stroms für Neuwied selbst erzeugen. Die Anlagen stehen alle im Landkreis Neuwied, verteilt auf die Gemeinden Anhausen, Meinborn, Rengsdorf, Straßenhaus, Urbach und die Stadt Neuwied.
Der Flächenverbrauch beträgt maximal ein Hektar pro Anlage – Windenergieanlagen samt Fundament, Kran- und Montageflächen, Zuwegung, Kurvenradien. Also insgesamt maximal 15 Hektar. Nach Abschluss der Bauphase sollen möglichst viele Flächen wieder aufgeforstet werden. Die notwendigen Grundstückspotenziale sind schon ermittelt, nun stehen avifaunistische Kartierungen, Prüfungen der erwarteten Schallemissionen und des Schattenwurfs, Windmessungen und die Erstellung von Bodengutachten an, ehe das Projekt wirklich genehmigungsreif ist.
"Wir befinden uns ganz am Anfang. Wenn alles gut läuft und die Genehmigungen zügig erteilt werden, können wir den Windpark innerhalb der nächsten fünf Jahre in Betrieb nehmen." Beim Projekt Schneifelhöhe hatte es viel länger, rund zehn Jahre, bis zur abschließenden Genehmigung gedauert. "Wir sind optimistisch, dass die Genehmigungszeiten nunmehr deutlich kürzer werden. Die alte Bundesregierung hatte dafür die Rahmenbedingungen geschaffen, und die neue will zusätzlich beschleunigen."
Bessere Konditionen bei Banken
Aktuell rechnet Hesse mit Investitionskosten von rund 150 Millionen Euro. Die Projektfinanzierung soll in Teilen aus Fremdkapital von Banken und Eigenkapital der beiden Gesellschafter gestemmt werden. Wie viel Fremdkapital eingesetzt wird und wie viel die beiden Gesellschafter aus eigenen Mitteln beisteuern, lasse sich jetzt im frühen Projektstadium nicht sagen. Genausowenig, welche Förderprogramme genutzt werden.
"Zumal diese ja auch stark von den aktuellen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abhängen. Wir entscheiden das, wenn das Projekt fortgeschritten ist." Für Hesse ein weiterer wichtiger Faktor bei der Kooperation: Sie bringe nicht nur organisatorisch, sondern auch in puncto Finanzierbarkeit Vorteile. "Zwar haben beide Häuser ein solides Finanzfundament, zusammen sind wir aber noch bonitätsstärker und können uns noch attraktivere Konditionen bei den Banken sichern." Was letztlich Erneuerbare-Energien-Projekte wirtschaftlich tragfähiger mache.
Auch künftig strebt Hesse einen "individuell auf das jeweilige Projekt zugeschnittenen Finanzierungmix" an, der zu Teilen aus Eigen- und Fremdkapital besteht. "Wir setzen weiter gleichermaßen auf den Banken- und Kapitalmarkt sowie die Innenfinanzierungskraft." Zudem nähmen Mezzanine-Finanzierungen an Bedeutung zu, Mischformen von Eigen- und Fremdkapital. Hesse könnte sich zum Beispiel Bürgerbeteiligungen vorstellen. Die könnten für eine stärkere Akzeptanz von Windparkprojekten bei der Bevölkerung sorgen.



