Die Biomasse ist so etwas wie das Sorgenkind in der Direktvermarktung – eine Technologie, die zwar als wertvolle flexible Ergänzung zu Wind -und Solarenergie gilt, deren Mengen aber seit Jahren stagnieren und nach den Zielen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) sogar perspektivisch leicht schrumpfen sollen.
Der Biomasse-Direktvermarktungsmarkt lässt sich in etwa so skizzieren. Vorneweg marschieren mit der Leipziger Energy2Market und der Kölner Next Kraftwerke zwei Unternehmen, die als Start-ups groß wurden und nun zu internationalen Energiekonzernen gehören. Dahinter folgt das Team des größten Versorgers Niedersachsens, EWE. Und dahinter kommt lange nichts. Wobei hier anzumerken ist, dass sich Anbieter wie Trianel oder Wemag zwar umtriebig zeigen, aber für die letzten ZfK-Umfragen keine konkreten Biomasse-Daten lieferten. (Die aktuelle ZfK-Biomasse-Tabelle finden Sie direkt unter diesem Artikel.)
Markt hat sich bisschen beruhigt
"Wir sind weiterhin in einem Verdrängungswettbewerb", sagt Henning Behrens, der den Aufbau der EWE-Biomasse-Direktvermarktung geleitet hat und nun Chef der knapp 20-köpfigen Vertriebssparte ist.
"Es hat sich aber ein bisschen beruhigt. Wir sehen eine Handvoll bundesweiter Anbieter und ansonsten eine Reihe von Stadtwerken, die Anlagen in ihrer Region ins Portfolio aufnehmen."
Viel Unmut in der Biogasbranche
Unüberhörbar war in den vergangenen Monaten, dass sich die Biogasbranche im politischen Berlin nicht genügend gehört fühlt. Das gegenseitige Unterbieten von Altanlagen bei Biomasse-Ausschreibungen sowie die Abschaltung erster Biogasanlagen haben aufgerüttelt.
Der Zuruf, dass Bioenergieanlagen vermeintlich genauso zuverlässig, dafür aber günstiger und klimafreundlicher Strom bereitstellen könnten als neue Gaskraftwerke, verhallte. Bioenergieanlagen spielen in der Ampel-Kraftwerksstrategie zunächst keine Rolle. Sie sollen erst später am geplanten Kapazitätsmechanismus teilnehmen können.
"Viele Betreiber in Nöten"
Bei einem Biogas-Gipfel in Bayern zeigte sich Robert Bugar vom Anlagenhersteller Agrikomp alarmiert. "Viele Betreiber sind in großen Nöten, sie haben keine Perspektive", sagte er.
Dabei würden Biogasanlagen im ländlichen Raum gleich mehrere Funktionen auf einmal erfüllen, hieß es. Sie lieferten Umsatz und Arbeitsplätze, Strom und Wärme. Falle dies weg, drohe nicht zuletzt die Reaktivierung alter Ölheizungen, warnte der Regensburger Energieprofessor Michael Sterner.
Negative Preise Gift für Dauerläufer
In den vergangenen Jahren stieg die Zahl direktvermarkteter Biomasse-Mengen nur leicht – von gut sieben Gigawatt Anfang 2021 auf zuletzt knapp acht Gigawatt. Die Solarenergiemengen verdoppelten sich im gleichen Zeitraum auf 32 Gigawatt. Dabei konnten Biogasanlagenbetreiber gerade in der Energiekrise prächtig verdienen. Von Zusatzgewinnen von hunderttausend Euro und mehr pro Anlage war die Rede.
Seitdem aber hat sich der Kurzfristmarkt wieder gedreht. Statt hoher dreistelliger Megawattstundenpreise blinken auf den Seiten der Kurzfristbörse Epex Spot nun immer häufiger negative Preise auf. Das ist Gift für diejenigen Biogasanlagen, die nicht flexibel steuerbar sind und deshalb durchgehend vergleichsweise teuren Strom produzieren. Rund zwei Drittel der Biogasanlagen in Deutschland werden noch immer so betrieben.
Zukunft liegt in der Flexibilität
Die Zukunft der Biogasanlagen aber liegt in der Flexibilität. So will es die Politik – und nicht nur sie. "Wir werden irgendwann dahin kommen, dass hundert Prozent der Biogasanlagen flexibel fahren müssen", sagt Mark Lindenberg vom Direktvermarkter Next Kraftwerke.
"Wenn ich als Anlagenbetreiber bei einer Biogasanlage nach der zwanzigjährigen Förderdauer nochmal eine Anschlussförderung erhalten möchte, muss ich eine flexible Fahrweise ermöglichen. Das Gleiche gilt für Neuanlagen."
"Da amortisiert sich eine Anlage durchaus"
Die gute Nachricht: Stark schwankende Strompreise machen eine Umrüstung attraktiver. "Als wir früher Fahrplanerlöse von 0,1 bis 0,2 Cent pro Kilowattstunde in Aussicht gestellt haben, haben viele Betreiber abgewunken", sagt EWE-Vertriebsexperte Behrens. "Das lohnt sich nicht, hat man uns dann oft gesagt."
Wer aber umgestellt und durchgehalten habe, der profitiere nun davon. "Wir haben manche Anlagen im Portfolio, deren Zusatzerlöse jetzt bei über vier Cent pro Kilowattstunde liegen. Auf das Jahr gerechnet sind das 160.000 Euro. In den Krisenjahren 2022 und 2023 waren diese Zusatzerlöse teilweise sogar doppelt so hoch. Da amortisiert sich eine Anlage durchaus."
"Würde wahrscheinlich noch größeren Motor nehmen"
Frage man heute Betreiber, die vor fünf Jahren umgestellt hätten, was sie jetzt anders machen würden, kämen Antworten wie diese, erzählt Behrens: "Ich würde einen noch größeren Gas- und Wärmespeicher bauen. Und ich würde wahrscheinlich einen noch größeren Motor nehmen und noch mehr flexibilisieren."
Dabei bringen flexible Anlagen ganz eigene Herausforderungen mit sich, auch für Direktvermarkter. "In der Sturm-und-Drang-Zeit hat man vielleicht noch einen reinen Telefonvertrieb machen können", sagt Behrens. "Diese Zeit ist vorbei."
Flexibilitätsboni und Kundenbetreuung
Gepunktet werde nun mit Flexibilitätsboni und Kundenbetreuung. "Unser Team muss prüfen, wie die Anlagebedingungen vor Ort sind: Gibt es einen Wärmespeicher, gibt es einen Gasspeicher? Wie viele Motoren gibt es und welche? Muss vielleicht noch ein Tierstall beheizt werden oder ist ein Wärmenetz angebunden? Das schauen wir uns genau an und entwickeln passgenaue Lösungen. Die reichen von festen Fahrplänen über flexible Day-Ahead- und Intraday-Fahrweise bis hin zur Regelenergievermarktung."
Nicht alle Direktvermarkter gehen diesen Weg mit. Die Getec-Energie-Direktvermarktungstochter Gewi etwa hat fürs Erste ihr Portfolio abgegeben. Viele ihrer Kunden hätten zwar ausreichende Flexibilitäten mitgebracht, um am Regelenergiemarkt teilzunehmen, erklärt Geschäftsführer Patrick Notzon. Getec Energie verfüge derzeit aber über keinen eigenen Regelenergiepool in Deutschland. "Wir wollen diese Kapazitäten und Ressourcen sauber im eigenen Unternehmen aufbauen. […] Deshalb haben wir uns entschieden, die Biomasse-Vermarktung zu pausieren und neu aufzubauen."
"Schielen nach Bayern und Baden-Württemberg"
Die Zahl der Biogasanlagen dürfte in den kommenden Jahren kleiner werden, wenn die Ausschreibungsmengen nicht größer werden. Davon geht auch EWE-Experte Behrens aus. "Es ist auch volkswirtschaftlich sinnvoll, dass Anlagen, die technisch nicht fit genug für den Strommarkt der Zukunft sind und einen bestehenden Investitionsstau nicht aus eigener Kraft finanzieren können, vom Markt verschwinden", sagt er.
An einen Niedergang der Branche, wie er mancherorts bereits beschworen wird, glaubt der Vertriebsexperte allerdings nicht. Und wenn es um das eigene Geschäft geht, ist Behrens ohnehin Optimist. "Wir sehen uns in Nord- und Ostdeutschland gut aufgestellt", sagt er. "Jetzt schielen wir nach Bayern und Baden-Württemberg." (aba/jk)
Dieser Artikel ist Teil der ZfK-Sommerserie zur Direktvermarktung. Bereits veröffentlichte Artikel hier im Überblick:
Neue Nummer eins in der Direktvermarktung
Gewi-Chef: Darum haben wir unser Biomasse-Portfolio abgegeben
Direktvermarktungs-Überblick: Stadtwerke und Start-ups im Aufschwung
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