Ab dem 1. Januar profitieren Millionen deutsche Privathaushalte und kleinere Gewerbekunden von günstigeren Grundversorgungstarifen. Nach den aktuellen Daten des Vergleichsportals Verivox senken 250 regionale Grundversorger ihren Tarif um durchschnittlich neun Prozent. Gleichzeitig haben rund zehn Versorger eine Erhöhung um durchschnittlich ein Prozent angekündigt. Auch der IT-Dienstleister Get AG hat die Preisänderungen analysiert; in seinem System sind zum 1. Januar 2026 Preisanpassungen von 365 Grundversorgern erfasst, davon erhöhen gut drei Prozent ihren Grundversorgungstarif.
Als zentralen Treiber für die fallenden Preise nennen viele Versorger die gesunkenen Netzentgelte: Der Staat gewährt Übertragungsnetzbetreibern im Jahr 2026 einen Zuschuss von 6,5 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds (KTF). Dadurch werden Übertragungs- und Verteilnetzentgelte reduziert – Einsparungen inklusive. Parallel dazu profitieren viele Energieversorger von günstigeren Marktpreisen bei der Strombeschaffung. Nach der Energiekrise sind die Großhandelspreise wieder vergleichsweise stabil und damit kalkulierbar.
Strategisches Vorgehen
Der Zuschuss für Netzentgelte wirkt sich regional unterschiedlich aus, und nicht jeder Versorger gibt die Einsparungen vollständig weiter. So müssen beispielsweise die Stadtwerke Bad Saulgau sogar erhöhen. "Auch wir hätten die Preise gerne gesenkt", sagte Andreas Dürler, Bereichsleiter Marketing und Vertrieb. Doch die Herausforderungen bei der Mengenprognostizierbarkeit sowie im Ausfallrisiko hätten zugenommen. Die Netzentgelte würden zudem 2026 auf 8,42 Cent je Kilowattstunde (kWh) steigen. "Hintergrund ist hauptsächlich der Wegfall der Regelung 'Singuläre Betriebsmittel'", sagt Dürler.
Auch wir hätten die Preise gerne gesenkt.
Andreas Dürler, Stadtwerke Bad Saulgau
Auffällig ist, dass von circa 900 Strom-Grundversorgern nur gut jeder vierte seinen Stromtarif zum 1. Januar anpasst. Viele halten sich weiterhin zurück. "Viele Preisbestandteile stehen erst spät fest, und wer zu früh kommuniziert, riskiert Korrekturen und Vertrauensverlust", sagte Robert Hagen, Management Consultant bei der Dienstleistungsfirma Lead & Sale, im Gespräch mit der ZfK. Insgesamt würden viele Versorger den Jahreswechsel nicht mehr automatisch zur Preisanpassung nutzen, sondern sehr genau abwägen, wie sich Beschaffung, Netzentgelte und Wettbewerb entwickeln. "Insgesamt wird der Markt taktischer, weniger ritualisiert und deutlich kundenorientierter."
Gegen späte Ankündigungen sprechen der erhöhte Informationsdruck und dass "Kundinnen und Kunden das Gefühl haben können, man hält etwas zurück". Einen vermeintlichen Wettbewerbsnachteil durch eine spätere Tarifsenkung nehmen jedoch viele Versorger in Kauf. Zuletzt sei den Kunden mit dem Chaos um die Gas- und Strompreisbremsen bereits viel zugemutet worden, so die Branchenstimmen.
Weiterhin hoher Anteil
Die Brutto-Mischpreise (Grundpreis kombiniert mit Arbeitspreis) bewegen sich im Januar 2026 bei 42,98 Cent je Kilowattstunde, rechnet Verivox vor. Im Januar 2025 lag dieser Wert noch bei 43,86 Cent je Kilowattstunde – das entspricht einem Rückgang um etwa zwei Prozent. Zwischen dem bundesweit günstigsten und teuersten Grundversorgungstarif liegt der Unterschied bei über 36 Cent je Kilowattstunde. Mit Blick auf den Zuschuss bei den Netzentgelten sowie den Preisrückgang um knapp zwölf Prozent seit Jahresbeginn auf dem Großhandelsmarkt erscheint die Senkung um zwei Prozent als ziemlich gering.
Trotz attraktiver Tarife in Sonderverträgen, hoher Bonuszahlungen und neuerdings auch günstiger dynamischer Tarife bleibt der Anteil der Grundversorgungskunden unverändert hoch. 2024 lag er bei 23 Prozent und dürfte auch 2025 auf diesem Niveau verharren. Fast jeder fünfte Haushalt in Deutschland bezieht somit Strom im Grundversorgungstarif.
Diese Kundengruppe ist dabei alles andere als homogen. "Häufig sind das ältere oder wenig digitalaffine Haushalte, aber auch viele Kunden nach einem Umzug, die automatisch in der Grundversorgung starten", erläutert Aaron Brück, Geschäftsführer der Seals Group. Ebenso betreffe es Personen mit wenig Zeit oder Geld, die das Thema schlicht wegschieben.
Dazu kommt eine weitere große Gruppe, die häufig übersehen wird: Menschen mit Sprachbarrieren. "Viele dieser Kunden verstehen die Tarifstrukturen, Schreiben der Versorger oder Wechselprozesse schlicht nicht und wissen daher gar nicht, dass sie sparen könnten oder überhaupt in der Grundversorgung stehen." Viele dieser Menschen seien von dem Sparpotenzial bei einem Wechsel dann sehr überrascht.
Für 2026 erwartet Brück eine stabile bis leicht sinkende Preisentwicklung. Die Beschaffungskosten entspannen sich, erneuerbare Energien nehmen zu, und beim Gas rechnet der Experte mit leicht fallenden, aber weiterhin schwankenden Preisen. Für Endkunden seien damit keine Preisstürze, aber wieder deutlich attraktivere Konditionen zu erwarten.
Im Vergleich zu den Sondertarifen würden sich bei den Grundversorgungstarifen deutliche Preisunterschiede ergeben; die Differenz könnte im Verlauf des Jahres noch wachsen, so Brück weiter. Tatsächlich ergibt sich laut Verivox-Daten (Stand 26.11.2025) ein differenziertes Bild. Während einige Versorger ihren Strompreis in der Grundversorgung um knapp 21 Prozent senken, erhöhen die anderen um bis zu rund 15 Prozent (Anm. d. Red. Grafik: blau: Stand 2025, grün: 1.01.2026)
Auch die Kritik an der allgemeinen Höhe der Grundversorgungstarife ist häufig zu hören. Dabei wurden Grundversorgungs- sowie Ersatzversorgungstarife als sogenannte Auffangtarife in Ausnahmesituationen konzipiert. Der Dortmunder Versorger DEW21 setzt beispielsweise nach den turbulenten Jahren der Energiekrise ein besonderes Augenmerk auf die Grundversorgung. Rund 30 Prozent der Stromkunden entfallen bei der DEW21 auf dieses Segment. Zwischen 2015 und 2020 seien die Preise in der Grundversorgung für Strom und Gas relativ stabil gewesen.
Wir wollen uns nicht ständig dem Verdacht aussetzen, dass wir in der Grundversorgung in die eigene Tasche wirtschaften.
Steffen Püschel, DEW21
"In den Jahren danach ist das völlig durcheinandergeraten, auch unsere Profitabilität. Wir hatten in der Energiekrise teils Null- oder Negativmargen in der Grundversorgung", berichtet Steffen Püschel, Vertriebsleiter bei DEW21. Das habe zu Unsicherheit und Intransparenz geführt. "Wir sind deshalb dabei, nach der Energiekrise die Logik für die Grundversorgung zu überarbeiten. Nachvollziehbarkeit und Fairness sind für uns das oberste Gebot", sagt er.
Die Logik müsse die aktuellen Beschaffungskosten, die Risiken, die Marge sowie System- und Prozesskosten transparent abbilden. Die Komplexität und die Volatilität beim Energieeinkauf seien enorm gestiegen, es kämen teils immer mehr Preiskomponenten hinzu. "All dies muss man dem Kunden erklären können. Wir wollen uns nicht ständig dem Verdacht aussetzen, dass wir in der Grundversorgung in die eigene Tasche wirtschaften", sagt Püschel.
Dieser Artikel über die Preisanpassungen der Grundversorgungstarife zum Jahreswechsel ist ein einer gekürzten Fassung in der aktuelle Printausgabe der ZfK erschienen. Hier geht es zum E-Paper.



