Der Iran-Krieg und die damit verbundenen Turbulenzen an den Energiemärkten haben die Großhandelspreise für Gas und Strom deutlich ansteigen lassen. Mittlerweile schlägt sich das auch in den Neukundenpreisen für Privathaushalte nieder. Viele Kunden fragen sich, wie lange ihr Energiepreis stabil ist, andere wiederum möchten aktuell für zeitnah auslaufende Verträge nahtlos einen Vertrag mit Preisgarantie finden.
Stadtwerkevertriebe sind deshalb seit Wochen mehrfach gefordert. Zum einen geht es darum, Kunden Sicherheit zu signalisieren und Transparenz zu geben, wie lange ihre Preise stabil bleiben. Gleichzeitig ist es wichtig, Kunden mit zeitnah auslaufenden Verträgen passende Anschlussoptionen mit Preisgarantie anbieten zu können. Dass die aktuelle Situation aber auch Chancen bei der Kundenrückgewinnung bietet, zeigt das Beispiel der Stadtwerke Konstanz.
Tarifbereinigung und Fokussierung auf zwei Gas- und Stromtarife
Wie viele andere Stadtwerke hat der Kommunalversorger vom Bodensee in jüngster Zeit eine Tarifbereinigung durchgeführt und im Gas- und Strombereich den Fokus auf zwei neue Tarife gelegt. Im Gasbereich sind das "ErdgasFair" und "BiogasFair", im Strombereich "ÖkostromFair" und "ÖkostromFairPlus". Das Gros der Kunden hat Einjahresverträge. Aufgrund einer langfristigen Beschaffungsstrategie waren die für das laufende Jahr benötigten Liefermengen bereits weit vor Ausbruch des Iran-Kriegs eingekauft.
Dass die Preise für Sondervertragskunden bis Jahresende stabil sind, unabhängig von den derzeitigen Entwicklungen an den Großhandelsmärkten, haben die Konstanzer den Kunden bereits noch einmal aktiv kommuniziert und auf die Vorteile der strukturierten Beschaffung hingewiesen. Zusätzlich bieten die Stadtwerke Konstanz aktuell für risikoaverse Kunden ein neues Gasprodukt ("ErdgasStabil") mit einer Preisgarantie bis Ende 2027 an.

Jetzt wollen wir Marktanteile zurückgewinnen.
Gordon Appel
Geschäftsführer der Stadtwerke Konstanz
Auch Neu- und Bestandskunden in anderen Strom- und Gastarifen können in diese Tarife wechseln und sich stabile Preise bis zum Jahresende sichern. "Wir hatten im laufenden Jahr gewisse Energiemengen für die Kundenrückgewinnung eingeplant und bereits eingekauft, die nutzen wir jetzt auch für die Neukundenakquise", erklärt Geschäftsführer Gordon Appel.
Auch die Stadtwerke Konstanz hatten im Nachgang zur Energiekrise 2022/2023 im langfristigen Mittel überproportional an Kunden verloren. "Mittlerweile haben die Kundenverluste wieder spürbar abgenommen", versichert Appel. Im ersten Jahr nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Jahr 2022 habe man den Kunden durch die langfristige Beschaffung noch gute Preise bieten können. "Die folgenden zwei Jahre waren für uns sehr schwer. Das vergangene Jahr war dann fast wieder auf normalem Niveau und jetzt wollen wir Marktanteile zurückgewinnen", fasst er zusammen.
Rückzug aus dem überregionalen Vertrieb
Ein Privathaushalt mit einem mittleren Verbrauch von 19.200 Kilowattstunden pro Jahr zahlt sowohl für das Laufzeitprodukt bis Ende 2026 (ErdgasFair) als auch für den Vertrag mit Preisgarantie bis Ende 2027 (ErdgasStabil) 9,522 Cent pro Kilowattstunde und einen Grundpreis von 213,01 Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Die Neukundenpreise für Erdgas sind bei den günstigsten überregionalen Anbietern seit Beginn des Iran-Kriegs auf über 9,9 Cent pro Kilowattstunde angestiegen (Stand 16. März 2026), mittlerweile dürften sie noch etwas höher liegen. "Mittlerweile sind wir mit unseren Angeboten absolut wettbewerbsfähig", kommentiert deshalb Appel.
Der Fokus der Kundenrückgewinnung und Neukundengewinnung liegt dabei auf der Stadt und der Region rund um Konstanz. Die Stadtwerke waren vor einigen Jahren zwar auch in den überregionalen Vertrieb eingestiegen. Mit dem Produkt "Enspire Energie" hatten sie hier einige Tausend Kunden akquiriert.
"Wir haben aber auf Dauer gemerkt, dass wir hier mit den Preisen auf den Vergleichsportalen nicht mithalten können, auch weil wir nicht die Vertriebs- und Marketingbudgets der großen Energieversorger haben", konzediert der Geschäftsführer der Stadtwerke Konstanz. Spätestens mit Beginn der Ukraine-Krise seien die Risiken hier zu groß geworden und es erfolgte eine Fokussierung auf die Bestandskunden. "Schweren Herzens mussten wir uns daher aus dem deutschlandweiten Neukundengeschäft zurückziehen", so Appel.
"Flexibler und schneller auf Marktdynamik reagieren"
Die Beschaffung haben die Stadtwerke Konstanz seit der Energiekrise 2022/2023 angepasst. "Früher haben wir regelmäßig Monat für Monat nahezu gleichbleibend Energietranchen über 18 oder 24 Monate eingekauft", erklärt er. Die jüngsten Energiekrisen und die seitdem deutlich gestiegene Volatilität machten es aber erforderlich, die Verteilung der zu beschaffenden Energiemengen näher an den Lieferzeitpunkt zu legen (Keilbeschaffung), um näher am Marktgeschehen zu sein und Risiken zu minimieren. "Es ist mittlerweile erforderlich, wesentlich flexibler und schneller auf die Dynamik des Marktes zu reagieren", verdeutlicht er.
Auch in Konstanz hat man in der Energiekrise 2022/2023 gute Erfahrungen mit einem in kurzen Abständen zusammenkommenden Risiko-Komitee gemacht, darauf setzt man auch in der aktuellen Marktsituation. Aktuell denkt das Unternehmen darüber nach, ob man den wiederkehrenden Krisen auch durch eine Anpassung des Risikohandbuchs Rechnung tragen sollte. "Derzeit sind im Risikohandbuch Regelungen formuliert für normale Marktphasen. Wir überlegen dies zu ergänzen, um Regelungen für Krisenzeiten", sagt Appel. Es gehe darum, auch im Risikohandbuch wegzukommen von zu starren Regelungen und flexibler den jeweiligen Marktrealitäten Rechnung zu tragen.



