Werden den EVUs die Kunden abgeknöpft? Die meisten Onlinewechsel gehen schon heute über die Vergleichsportale.

Werden den EVUs die Kunden abgeknöpft? Die meisten Onlinewechsel gehen schon heute über die Vergleichsportale.

Bild: ©ZFK

Sie dominieren im überregionalen Energievertrieb und das ohne selbst Versorger zu sein: Check24 und Verivox. Eine deutliche Mehrheit der Kundinnen und Kunden schließt Energieverträge über eines der beiden Vergleichsportale ab. Platzhirsch ist dabei Check24 mit 60 bis 70 Prozent der Abschlüsse, so die Vertriebskanalstudie Energie 2025 von Kreutzer Consulting und Nordlight Research.

Das lässt auch das Bundeskartellamt genauer hinschauen. Jüngst veröffentlichte die Behörde Ergebnisse ihrer Ermittlungen, laut denen das Vergleichsportal durch eine Vertragspraxis den Wettbewerbsdruck abschwächt. Mit einer Bestpreisklausel hatte das Portal Energieversorger daran gehindert, deren Strom- und Gastarife über andere Vergleichsportale oder den eigenen Vertrieb günstiger anzubieten. Check24 hat dem Kartellamt gegenüber nun eine Selbstverpflichtung abgegeben und wird auf die kritisierte Bestpreisklausel verzichten. So könne auch ein langwieriges Verfahren vermieden werden, erklärt das Kartellamt.

Überzeugt haben könnte auch ein bereits gewonnenes Verfahren gegen Booking.com im gleichen Sachverhalt. Check24 selbst betonte, dass ein Kartellrechtsverstoß nicht festgestellt wurde. Das Portal sei zudem überzeugt, im besten Interesse der Verbraucher sowie im Einklang mit geltendem Recht gehandelt zu haben.

Bundeskartellamtspräsident Andreas MundtBild: © Oliver Berg/dpa

... dann können sich andere Vergleichsportale und Vertriebswege schlechter durchsetzen.

Andreas Mundt

Präsident Bundeskartellamt

"Wenn Check24, als das führende Energievergleichsportal in Deutschland, Energieversorger daran hindert, an anderer Stelle niedrigere Preise anzubieten, können sich sowohl andere Vergleichsportale als auch andere Vertriebswege schlechter durchsetzen", erklärt Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes. Check24 wäre dadurch eher in der Lage, die Provisionen zu erhöhen oder bei der Servicequalität zu sparen, ohne den Verlust von Marktanteilen zu riskieren.

Kritik am Umgang

Die Bestpreisklausel ist allerdings nicht der einzige Kritikpunkt, den Energieversorger an Check24 haben. Das Problem für viele Anbieter: Für sie sind die Portale keine Vertriebspartner auf Augenhöhe. Ein Vertriebsexperte schildert seine Erfahrungen so: "Ich habe die Vergleichsportale nie als echte Partner im Vertrieb erlebt." Sie seien im Umgang mit den Stadtwerken resolut. Dies beträfe die Verhandlung von Provisionen, die Abstimmung von vertrieblichen Aktionen, technischen Schnittstellen oder Prozessen. "Wenn man da nicht so funktioniert, wie die Portale sich das vorstellen, dann wird es schnell schwierig", so der Experte. Einen Unterschied zwischen Verivox und Check24 mache er da nicht.

Bild: ©Octopus Energy

In Wahrheit haben wir es mit einem digitalen Oligopol zu tun, das sich wie ein Zollamt zwischen Versorger und Kundschaft geschaltet hat.

Bastian Gierull

CEO Octopus Energy Germany

"Wir müssen aufhören, Preisvergleichsseiten als neutrale Marktplätze zu romantisieren", kommentiert auch Bastian Gierull, CEO von Octopus Energy Germany, gegenüber der ZFK. Sein Unternehmen ist mit klassischen und dynamischen Stromtarifen auf den Vergleichsportalen unterwegs. "In Wahrheit haben wir es mit einem digitalen Oligopol zu tun, das sich wie ein Zollamt zwischen Versorger und Kundschaft geschaltet hat."

Genau genommen habe Check24 in Deutschland sogar ein Monopol. Um Verbraucherschutz ginge es nicht mehr. Hinter den Portalen stünden Geschäftsmodelle von Unternehmen, die Gewinne erzielen müssen. "Deshalb sichern sie ihre Marktmacht mit allen Mitteln."

Check24 klinkt sich in die Kundenbeziehung ein

Die Praktiken von Check24 sind den Energievertrieben besonders ein Dorn im Auge, da sich der Anbieter mittlerweile weitreichend in die Beziehung zwischen Kunden und Energieversorgern einhakt. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Angebote "Energie E-Mail-Messenger-Service" und "Premium24 Service". Die beiden Services werden angeboten, insofern der jeweilige Energieversorger an ihnen teilnimmt – die Anreize dafür sind hoch.

Jeder Kunde, der sich auf dem Portal von Check24 registriert, kann bei Vertragsabschluss zustimmen, die Anbieterkommunikation über Check24 abzuwickeln oder, so wortwörtlich, dies ablehnen mit "Nein, ich möchte, dass der Anbieter meine private E-Mail-Adresse erhält." Stimmt der Kunde zu, kann er im Portal mit seinem Versorger kommunizieren, es wird eine Check24-Mail-Adresse für ihn hinterlegt. Der Versorger hat keine andere direkte Kontaktmöglichkeit zu dem Kunden.

Das Portal wird zum ersten Ansprechpartner

Der "Premium24 Service" ermöglicht laut dem Vergleichsportal »den vereinfachten Zugang zur Datenübertragung an (den) Energieanbieter sowie Echtzeitinformationen über (den) Vertragsstatus«. Dieser Zusatzservice bringt den Vertragsvermittler laut Kritikern in eine dauerhafte Beratungsfunktion und macht ihn zum ersten Ansprechpartner zu Energiepreisfragen, ähnlich wie es bei Hotelbuchungen ist.

Check24 stärkt mit seinen Services die eigene Kundenbindung und positioniert sich gegenüber dem Endkunden somit nicht nur als Vergleichsportal, sondern zunehmend als Vertrags- und Kommunikationsplattform. Ein EVU mit dem die ZFK sprach, erklärte, es sehe die Gefahr, dass die vermittelten Kunden perspektivisch unwirtschaftlich werden. Sie bleiben womöglich nicht lang genug bei ihrem Tarif und eine eigene Kundenbeziehung kann man auch nicht aufbauen.

Ein Ranking, auf das man nicht verzichten will

Warum lassen sich die EVU also auf solche Services ein? Sie verbessern die Tarifnote auf Check24, diese wird für jeden Anbieter angezeigt und sie beeinflusst das Ranking auf der Website. Jeder Tarif von jedem Anbieter wird laut Check24-Website anhand einer Vielzahl von Kriterien unbezahlt bewertet. Dabei ist 10 das beste und 1 das schlechteste Ergebnis. In die Bewertung zahlen Tarifdetails wie Preisgarantie und Vertragslaufzeit ein. Zudem fließt die "Leistung des Anbieters" wie eine Weiterempfehlungsquote ein, auch die genannten Vertragsservices zählen hier rein.

Bild: ©Verbraucherzentrale NRW

Ich bezweifele, dass viele Verbraucher diese Einstellung finden und ändern werden.

Christina Wallraf

Referentin Energiemarkt Verbraucherzentrale NRW

Das voreingestellte Ranking nach "Beliebtheit" sieht auch die Verbraucherzentrale NRW kritisch. Über diese Sortierung könne Check24 Einfluss darauf nehmen, welche Tarife auf den vordersten Plätzen landen. "Ich bezweifele, dass viele Verbraucher diese Einstellung finden und ändern werden", sagt Christina Wallraf, Referentin Energiemarkt.

Der Button sei vergleichsweise klein und unauffällig. Zudem würden ohne Veränderung der Voreinstellungen nur Tarife angezeigt, bei denen ein direkter Wechsel über das Portal möglich ist. Check24 selbst wollte gegenüber der ZFK nicht Stellung beziehen.

Verivox verkauft "Nullposition"

Kritik hat die Verbraucherschützerin auch für den Check24-Mitbewerber Verivox: Die Nullposition, also eine Werbeanzeige über dem Tarifergebnis sei kritisch zu sehen, da sie kaum erkennbar gekennzeichnet sei. Verivox selbst widersprach dieser Darstellung, die Werbung sei klar durch das Wort "Anzeige" gekennzeichnet. Abgesehen von der Werbung sortiert das Portal nach eigener Aussage die Suchergebnisse rein mathematisch nach dem Preis.

Bild: © Kreutzer Consulting

Auch wer nicht direkt über Vergleichsportale abschließt, nutzt sie häufig als Orientierungshilfe.

Verena Mayr

Senior Consultant Kreutzer Consulting

Wie wichtig das Ranking ist zeigen die Zahlen: Die Kunden vertrauen den Portalen, die meisten Onlinewechsel gehen über sie. Auch wer nicht direkt über Vergleichsportale abschließt, nutzt sie häufig als Orientierungshilfe, berichtet Verena Mayr von Kreutzer Consulting: "Circa 70 Prozent der Kundinnen und Kunden informieren sich für einen Vertragswechsel auf Vergleichsportalen." Ein Teil dieser Kunden besucht anschließend die Webseite des Anbieters und schließt den Vertrag direkt dort ab. Ein Auftritt im Vergleichsportal könne sich also schon deshalb lohnen. "Die Portale sind mit Abstand der stärkste Wechselkanal, der auch auf absehbare Zeit nicht an Bedeutung verlieren wird", resümiert Mayr.

Vergleich fördert Wettbewerb

Auch Verbraucherschützerin Wallraf und der Präsident des Bundeskartellamtes Mundt betonen beide, wie wichtig Vergleichsportale sind. "Vergleichsportale erleichtern Verbraucherinnen und Verbrauchern den Anbieterwechsel und wirken grundsätzlich wettbewerbsfördernd", so Mundt. Wichtig sei aber auch ein funktionierender Wettbewerb zwischen den verschiedenen Vergleichsportalen sowie gegenüber anderen Vertriebswegen.

Wallraf geht weiter: Da die Vergleichsportale eigene Interessen haben, bräuchte es ein wirklich unabhängiges Portal. So ein Portal ist auch im Gesetz vorgesehen und wurde in der Vergangenheit auch vom VKU begrüßt. "Ich glaube nicht an ein neutrales Vergleichsportal der BNetzA oder ähnliche Optionen", meint hingegen Gierull von Octopus. "Was wir stattdessen benötigen, ist eine grundlegende Reform des Energiemarktes mit fairen und niedrigeren Preisen."

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