Der Krieg im Iran dauert jetzt schon über zwei Wochen an. Ein Ende ist nicht absehbar. Im Vertrieb werden jetzt sukzessive erste Auswirkungen spürbar. Mit den Stadtwerken Flensburg hat ein zweiter kommunaler Versorger seine überregionale Neukundenakquise eingestellt. Zum Wochenende hatten bereits die Stadtwerke Pforzheim über einen vorläufigen Stopp der bundesweiten Vertriebsaktivitäten informiert. Die Neukundenpreise für Erdgas sind laut dem Vergleichsportal Verivox derweil binnen weniger Tage um 1,2 Cent pro Kilowattstunde gestiegen – ein Plus von 15 Prozent. Das günstigste Angebot liegt im Schnitt aktuell bundesweit bei 9,4 Cent pro Kilowattstunde. Das ist eine deutliche Veränderung gegenüber der ersten ZFK-Umfrage vor rund zehn Tagen.
Flensburg will "Beschaffungsobligo nicht weiter belasten"
"Wir haben uns vor 14 Tagen entschieden, aufgrund der extremen Verwerfungen an den Energiemärkten die Neukundenakquise vorerst einzustellen und von den Vergleichsportalen herunterzugehen“, erklärt Dirk Thole, Geschäftsführer der Stadtwerke Flensburg auf ZFK-Anfrage. Aktuell müsse man am Beschaffungsmarkt für eine Megawattstunde Gas statt 30 bis 35 Euro vor dem Krieg im Iran aktuell über 50 Euro bezahlen. In der Energiekrise 2022/23 hätten enorme Preissprünge dazu geführt, dass die Vorlieferanten zusätzliche Sicherheiten verlangt haben. "Aktuell ist das nicht der Fall, aber wir wollen darauf vorbereitet sein. Deswegen wollen wir derzeit nicht weiter akquirieren, weil die zusätzlichen erforderlichen Mengen, unsere Beschaffungsobligos belasten, da wir auch vor Ort in Flensburg die Mengen für unseren Kraftwerkspark zu sichern haben“, erklärt Thole. Von den eigenen ehrgeizigen Vertriebszielen für das Gesamtjahr wolle man sich aber nicht verabschieden. Über die Website der Flensburger seien Neuabschlüsse auch im Gasbereich weiter möglich.
EWE sieht steigendes Interesse im Bereich PV und Speicher
Anders die Oldenburger EWE, die Duisburger Stadtwerke, Enervie und die Nürnberger N-Ergie. Die vier großen Kommunalversorger akquirieren weiterhin überregional Kunden. “Wir beobachten die Lage jedoch engmaschig, insbesondere da die Märkte jetzt deutlich volatiler sind als noch vor einigen Wochen“, heißt es Duisburg. Die aktuellen Entwicklungen an den Energiemärkten führten zwar zu einer erhöhten Aufmerksamkeit im Markt, hätten derzeit aber keine unmittelbaren Auswirkungen auf die eigene Vertriebsstrategie, teilt ein EWE-Sprecher mit. „Generell beobachten wir aktuell vor allem ein steigendes Informationsinteresse bei Energielösungen, etwa im Bereich Photovoltaik und Speicher“, schreibt die Pressestelle des Oldenburger Energieversorgers. Gleichzeitig informierten sich viele Kundinnen und Kunden intensiver über ihre bestehenden Energieverträge.
Auch Eon und seine Tochtermarken akquirieren weiter überregional
Auch Marktführer Eon geht weiterhin überregional auf Kundenakquise. Das gilt für den gesamten deutschen Eon-Vertrieb. Auch die Tochtermarken "E wie einfach" und Eprimo als auch die regionalen Marken des Konzerns seien weiterhin mit Neukundenangeboten am Markt vertreten, versichert eine Eon-Sprecherin.
"Risikoorientiert und auf Sicht“ betreibt die Hagener Enervie laut eigenen Angaben ihre unterschiedlichen Vertriebskanäle im überregionalen Neukundenvertrieb weiter. "Die derzeitigen Marktverwerfungen werden gegebenenfalls, wenn diese über einen längeren Zeitraum anhalten, in diesem Bereich früher zu Veränderungen führen als bei den Bestandskunden“, teilt ein Enervie-Sprecher mit. Ähnlich bedeckt hält man sich bei der Wiesbadener ESWE Versorgung. "In der überregionalen Neukundenakquise gehen wir je nach Kundensegment und Angebot selektiv vor", teilt Sprecher Frank Rolle mit. Hierzu beobachte man kontinuierlich Beschaffungsmärkte sowie Mitbewerber und reagiere schnell, "um den Kundinnen und Kunden stets ein marktfähiges und faires Angebot unterbreiten zu können."
"Aktuell spricht noch wenig für eine Entspannung"
In Flensburg gibt man sich hingegen zurückhaltend. "Wir können aktuell den Kunden nicht empfehlen, einen neuen Vertrag abzuschließen, weil das Preisniveau viel zu hoch wäre. Aktuell müssten wir die Kilowattstunde zu über 10 Cent pro Kilowattstunde anbieten“, verdeutlicht der Flensburger Stadtwerkechef Dirk Thole. Die sei einzig für risikoaverse Kunden eine Option, die sich trotz des Preisanstieges einen im Vergleich zum Vormonat hohen Preis sichern möchten oder den Zwang haben, aktiv zu werden, da der laufende Vertrag auslaufe. Kunden, deren Vertrag beispielsweise Ende des Jahres fällig werde, hätten "ja noch etwas Zeit".
Momentan spreche noch wenig für eine Entspannung im Nahen Osten, sagt Thole. "Sollte der Krieg tatsächlich länger dauern, überlegen wir uns, ein entsprechendes Produkt für unsere risikoaversen Kunden oder die, die zwingend einen neuen Lieferanten benötigen, anzubieten."
Laut dem Vergleichportal Verivox bezahlte im Februar 2026 ein Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 20000 Kilowattstunden bundesweit im Schnitt noch 8,2 Cent pro kWh. Der jetzt erfolgte Anstieg um rund 15 Prozent hängt in erster Linie mit den stark gestiegenen Großhandelspreisen in Folge der Sperrung der Meerenge Straße von Hormus am Persischen Golf zusammen. Die Neukundenpreise für Endkunden würden aber noch in etwa auf dem Niveau des Vorjahres liegen, bekräftigt Verivox-Sprecher Lundquist Neubauer auf Nachfrage.



