Die Neue Riedleitung wird mit rund 200 statt der ursprünglich geplanten 100 Millionen Euro deutlich teurer als geplant, das bisher größte Infrastrukturprojekt des Unternehmens soll aber bis 2031 fertig sein. Doch das ist nur ein Baustein für die Resilienz der Versorgung in der Region.

Elisabeth Jreisat
Geschäftsführerin von Hessenwasser und Verbandsvorsteherin des Wasserverbands Hessisches Ried.
2025 war ein weiteres insgesamt sehr warmes Jahr. Der Klimawandel wird sich weiter verschärfen. Um die Versorgung für die Zukunft zu sichern, wird derzeit die Neue Riedleitung gebaut. Geplant ist ein Abschluss des Projektes bis 2030. Ist der Zeitplan zu halten?
Der erste, rund vier Kilometer lange Abschnitt von Rüsselsheim-Haßloch bis Raunheim (R2N) ist bereits seit 2018 in Betrieb. Der südliche Bauabschnitt (R2S) soll im Jahr 2028 folgen. Mit einer Länge von etwa 18 Kilometern umfasst er insgesamt 45 unterirdische Bauwerke sowie 24 Querungen von Straßen, Bahntrassen und Gewässern.
Das ist technisch sehr anspruchsvoll und wir liegen hier aktuell gut im Zeitplan. Für den mittleren Bauabschnitt (R2M) mit weiteren 16 Kilometern sind derzeit die Unterlagen für die Planfeststellung in Vorbereitung.
Das Gesamtprojekt Neue Riedleitung soll nach aktueller Planung bis 2031 fertiggestellt und in Betrieb genommen werden.
Infrastrukturprojekte dieser Größenordnung und dieser Dauer sind regelmäßig durch Kostensteigerungen betroffen. Für die Neue Riedleitung ist ein Investitionsvolumen von 100 Millionen Euro geplant. Bleibt das Projekt im Rahmen des Budgets?
Für die Neue Riedleitung planen wir aktuell mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund 200 Millionen Euro. Natürlich steht auch dieses Großprojekt unter dem Einfluss der aktuellen Preisentwicklung und Unwägbarkeiten in der tatsächlichen Bauausführung. Vor diesem Hintergrund steuern wir das Projekt konsequent und mit einem engen Kostencontrolling, um mögliche Kostensteigerungen frühzeitig zu erkennen.
Auf welche besonderen und vielleicht auch ungeplanten Herausforderungen sind Sie gestoßen?
Bei einem Projekt dieser Größenordnung gehören besondere Herausforderungen dazu.
Entlang der Trasse stoßen wir zum Beispiel immer wieder auf archäologische Spuren. Im Leitungsverlauf von R2S wurde sogar ein sogenanntes Hockergrab entdeckt. Die menschlichen Überreste werden in die bandkeramische Kultur und damit in die Zeit von 5.600 bis 4.900 v. Chr. datiert. Solche Funde stimmen wir eng mit den Fachbehörden ab.
Auch baulich ist das Projekt anspruchsvoll. Ein zentrales Thema ist die Grundwasserhaltung. Gerade in einem Gebiet wie dem Hessischen Ried, das stark vom Grundwasser geprägt ist, erfordert sie eine präzise Planung und enge Abstimmung aller Beteiligten. In einzelnen Bauabschnitten hat es hier zu Beginn etwas Zeit gebraucht, bis die Verfahren optimal eingestellt waren – inzwischen läuft das stabil und zuverlässig.
Welche Arbeiten fallen nach der Inbetriebnahme an der Bestandsleitung an?
Mit der neuen Leitung schaffen wir die Voraussetzung, um die bestehende, über 60 Jahre alte und bruchanfällige Leitung zu sanieren.
Das wird nicht auf einmal passieren, sondern Schritt für Schritt über mehrere Jahre.
Versorgungssicherheit entsteht nicht durch eine Einzelmaßnahme, sondern durch ein System.
Temperaturspitzen an heißen Sommertagen stellen Wasserversorger vor große Probleme. Müssen Sie besondere Maßnahmen ergreifen, um auch in Zukunft solche Spitzenbedarfe zu decken?
Trockenperioden sind für uns Teil der Planungsrealität. Versorgungssicherheit entsteht dabei nicht durch eine Einzelmaßnahme, sondern durch ein System. Dazu gehören für uns insbesondere der regionale Leitungsverbund, Wasserrechte, die Trockenphasen berücksichtigen, und ein integriertes Wasserressourcenmanagement, bei dem alle Aspekte der Wassergewinnung, -aufbereitung und -verteilung systematisch zusammen gedacht und gesteuert werden.
Hessenwasser betreibt dafür ein Transportnetz mit 337 Kilometern Leitung, 21 Gewinnungsanlagen und einer Leitzentrale, die die Versorgung rund um die Uhr bedarfsgerecht steuert. Zudem beziehen wir Wasser von Versorgern, die auch Teil des Leitungsverbundsystems sind, um die Metropolregion zu versorgen.
Die Neue Riedleitung ist dabei ein zentrales Projekt, weil sie die Kapazitäten aus den infiltrationsgestützten Gewinnungsgebieten sichert. Damit können in Hitze- und Trockenphasen die nachhaltigen Gewinnungsgebiete noch besser durch eine flexiblere Steuerung eine höhere Resilienz für die Versorgung des Rhein-Main-Gebietes schaffen.
Zudem investieren wir in innovative Technik zur Sicherung der Versorgung bei Spitzenlasten. So wurde eine mobile Pilotanlage zur Flusswasseraufbereitung mit keramischer Membran erfolgreich getestet. Künftig soll eine größere Anlage vor allem in Wiesbaden-Schierstein eingesetzt und bei Bedarf flexibel verlagert werden.
Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie zur Erweiterung der Rheinwasseraufbereitung hat der Wasserverband Hessisches Ried verschiedene Optionen untersucht. Für welche Möglichkeit ist die Entscheidung gefallen?
Vor dem Hintergrund des prognostizierten steigenden Bedarfs aller Nutzergruppen hat der WHR in zurückliegenden Jahren eine Machbarkeitsstudie zur Erweiterung der Grundwasserbewirtschaftung und Beregnung im Hessischen Ried durchgeführt.
Die Studie nennt drei grundsätzlich realisierbare Optionen: erstens den Ausbau des bestehenden Brauchwasserwerks in Biebesheim mit einer Verdopplung der Kapazität, zweitens den Neubau eines Brauchwasserwerks im nördlichen Ried und drittens den Neubau eines Uferfiltratwasserwerks im südlichen Ried.
Diese Ergebnisse sind Grundlage für die weiteren Gespräche mit den Wasserbedarfsträgern, die aktuell noch laufen. Klar ist: Der Handlungsbedarf ist real, weil steigende Temperaturen und wachsende Bedarfe die bestehenden Kapazitäten bereits heute stärker beanspruchen.
Der Schutz des Grundwassers ist für uns keine abstrakte Umweltfrage, sondern Grundlage einer sicheren Trinkwasserversorgung.
Die Nitratbelastung des Wassers ist ein Dauerthema. Das neue Düngegesetz wurde kürzlich vom Kabinett verabschiedet. Die Wasserverbände haben im Gesetzgebungsprozess heftige Kritik geäußert, die auch jetzt nicht verstummt ist. Welche Forderungen haben Sie an die Politik?
Aus Sicht der Wasserwirtschaft geht das Düngegesetz in die richtige Richtung, reicht aber noch nicht aus. Der Handlungsdruck beim Schutz von Gewässern und insbesondere der Trinkwasserressourcen bleibt hoch. Unsere Erkenntnisse aus der Roh- und Grundwasserüberwachung zeigen, dass die bestehenden Nitratbelastungen nahezu ausschließlich aus landwirtschaftlicher Nutzung stammen.
Entscheidend ist deshalb, dass die Politik wirksame und verursachergerechte Instrumente schafft, die auch spezifische Standortverhältnisse ausreichend berücksichtigen: Ohne belastbare betriebliche Nährstoffbilanzen und flächenscharfe Daten zur Bewirtschaftung lässt sich die Nitratbelastung im Grundwasser nicht zielgenau genug reduzieren. Ein rein modellbasiertes, räumlich aggregiertes Monitoring reicht dafür aus unserer Sicht nicht aus – gerade auch nicht in Trinkwassereinzugsgebieten, wo gegebenenfalls zusätzliche regionale Risikominderungsmaßnahmen erforderlich sind, oder auch in Gebieten, in denen aufgrund schon vorhandener Grundwasserbelastungen besonderer Handlungsbedarf besteht.
Für Hessenwasser hat das Thema eine besondere Relevanz: Wir gewinnen rund 95 Prozent unseres Trinkwassers aus Grundwasser. Der Schutz der Ressource ist für uns daher keine abstrakte Umweltfrage, sondern Grundlage einer sicheren Trinkwasserversorgung.
Mittlerweile sind Spuren von PFAS überall zu finden. Müssen Sie in Ihrem Versorgungsgebiet besondere Maßnahmen ergreifen, um die strengeren Werte der neuen Trinkwasserrichtlinie einzuhalten?
Unser Versorgungsgebiet wird aus mehreren Wassergewinnungsgebieten gespeist, die unterschiedliche hydrogeologische Bedingungen und Nutzungskonkurrenzen aufweisen.
Vor diesem Hintergrund befassen wir uns seit vielen Jahren mit dem Thema PFAS und finden diese "Ewigkeitschemikalie" in einigen unserer Gewinnungsgebiete.
In den betroffenen Gewinnungsgebieten steuern wir dem gezielt mit betrieblichen Maßnahmen entgegen – beispielsweise planen wir die Ertüchtigung von Aufbereitungsanlagen durch zusätzliche Aktivkohlestufen. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass die geltenden Anforderungen an die Trinkwasserqualität heute wie auch künftig zuverlässig eingehalten werden.
Zur Klärung der verschiedenen Eintragspfade und zum weiteren Schutz unserer Einzugsgebiete erwarten wir nun auch über die TrinkwEGV eine gezielte Unterstützung durch die Behörden.
Auszüge aus dem Interview mit Frau Jreisat wurden in der April-Printausgabe der ZFK veröffentlicht. Zum Abo geht es hier.


