Von Elwine Happ-Frank
"Meilenstein" ist das meist gebrauchte Wort, wenn Branchenvertreter über die neue EU-Kommunalabwasserrichtlinie sprechen. Lange hatte die EU über die Einführung der Herstellerverantwortung diskutiert – jetzt ist sie in Kraft.
Arzneimittel- und Kosmetikproduzenten werden verpflichtet, 80 Prozent der Kosten für die Eliminierung von wasserschädlichen Stoffen aus dem Abwasser zu übernehmen. "Heute ist tatsächlich ein besonderer Tag", sagte Mark Oelmann, Professor an der Hochschule Ruhr West und Geschäftsführer von Mocons, bei der Vorstellung des neuen Wasserreports von Hamburg Wasser.
Aber noch ist es nicht soweit. Die Richtlinie muss bis Ende 2027 in deutsches Recht umgesetzt werden, Ende 2028 greift dann die Herstellerverantwortung. Damit einher geht die Verpflichtung für Abwasserentsorger, für Kläranlagen ab 150.000 Einwohnerwerten eine vierte Reinigungsstufe einzubauen. Etwa 570 Anlagen von insgesamt 10.000 Anlagen in Deutschland sind betroffen. Diese müssen bis 2045 entsprechend nachgerüstet werden.
Das Problem dabei: Für die Umsetzung der vierten Reinigungsstufe gibt es eine Reihe von unterschiedlichen Verfahren, die teilweise auch schon im Einsatz sind. Aber es gebe keine etablierten Lösungen vor allem für das größte Klärwerk Deutschlands, das Hamburg Wasser betreibt, sagte Hamburg-Wasser-Chef Ingo Hannemann. Deshalb beschäftigt sich der Versorger derzeit intensiv mit der Frage, welche Technologiekombination man einsetzen werde. Zu den Kosten dafür konnte Hannemann noch keine Angaben machen. Ziel sei ein Ausbau bis zum Jahr 2039.
Viele offene Fragen zur neuen Fonds-Lösung
Für die Umsetzung der Herstellerverantwortung ist ein Fonds angedacht, der von der Kosmetik- und Arzneimittelindustrie gespeist wird. Das Thema ist beim Umweltbundesamt angesiedelt. Doch noch sind viele Fragen zu klären. Dazu gehört beispielsweise, wer für die Realisierung zuständig ist und nach welchem Verfahren die Kosten für eine geplante Koordinierungsstätte beglichen werden.
Zu den offenen Fragen gehört auch, wie Importeure von im Ausland produzierten Produkten zur Finanzierung herangezogen werden können. Denn sonst würden Erzeuger in Deutschland im internationalen Wettbewerb benachteiligt werden.
Ziel der Fondslösung ist, dass Hersteller damit finanzielle Anreize haben, in nachhaltigere Produktionsverfahren und Inhaltsstoffe zu investieren. Da viele Kläranlagen nicht mit weitergehenden Reinigungsverfahren ausgestattet werden können, profitieren von den Maßnahmen alle Abwasserentsorger.
Regenrekord 2024
Bei der Vorstellung des Wasserreports warf Hannemann auch einen Blick zurück auf das abgelaufene hydrologische Jahr, das von November 2023 bis Oktober 2024 reichte. Nach Aussagen des Hamburg-Wasser-Chefs war es im 30-jährigen Mittel (1991–2020) ein absolutes Rekordjahr.
Mit einem Regen-Plus von 40 Prozent übertraf es das vorherige hydrologische Jahr nochmals, das immerhin ein Regen-Plus von knapp 20 Prozent erreichte. Nach mehreren Trockenjahren bedeutet das eine erkennbare Erholung des Grundwassers bis in sehr tiefe Bodenschichten.
Gleichzeitig war das abgelaufene Jahr auch wieder durchgängig wärmer als im 30-jährigen Mittel. Zwar stoßen die Versorgungssysteme von Hamburg Wasser noch nicht an ihre Grenzen. Aber wenn sich die klimatischen Bedingungen weiter so entwickeln, "müssen wir darauf achten, dass die Menschen auch in trockenen Zeiten verantwortungsvoll mit dem Wasser umgehen", sagte Hannemann.
Hamburg wird zur Schwammstadt
Der klimatische Wandel zeigt sich auch daran, dass Hamburg allein im letzten Jahr vier Starkregenereignisse der höchsten Kategorie erlebte. Zwar hat sich die Stadt in den letzten Jahren beispielsweise durch den Bau von Abwasserautobahnen auf diese Situationen vorbereitet. "Mit den Speicherkapazitäten, die wir jetzt haben, können wir aber nur etwa 90 Prozent der Regenmengen ganz sicher entsorgen", so Hannemann. Man könne gar nicht so viel investieren, dass solche Ereignisse keine spürbaren Auswirkungen mehr hätten.
Deshalb legt der Versorger zusammen mit der Stadt stärker den Fokus darauf, Hamburg zu einer Schwammstadt umzubauen. Dazu gehört beispielsweise, Sportplätze mit Auffangbecken auszustatten. "Aber wir brauchen noch viel mehr solche Initiativen, nicht nur an Sportplätzen, sondern auch auf Schulhöfen und anderen Stellen im öffentlichen Raum." Bei Neubauprojekten sei schon zu sehen, dass der Anteil an blau-grüner Infrastruktur deutlich steige.



