Für das Ökosystem des Bodensees ist im Winterhalbjahr eine tiefreichende Zirkulation des Wasserkörpers von großer Bedeutung, am besten bis zum Seegrund in 251 Metern Tiefe. Nur so gelangt Sauerstoff in die tiefen Regionen. Im Zuge der Klimaerwärmung verschlechtern sich die Bedingungen für eine vollständige Durchmischung allerdings zunehmend.
"Auch in diesem Winter konnte der gesamte See nicht in ausreichendem Maße bis zur tiefsten Stelle zirkulieren", sagt Harald Hetzenauer, Leiter des Instituts für Seenforschung (ISF), das zur Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) gehört.
Das ist insofern sehr bedenklich, weil die Trinkwasserversorger insgesamt fünf Millionen Menschen aus dem Bodensee versorgen. Deshalb überwacht das Institut für Seenforschung gemeinsam mit den Fachstellen der weiteren Anrainerländer Österreich und Schweiz im Auftrag der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) den Zustand des Sees.
Dabei werden in regelmäßigen Abständen physikalische Parameter wie etwa Temperatur und Sauerstoffgehalt gemessen, aber auch chemische Messgrößen wie beispielsweise Nährstoffe erfasst.
Warum Sauerstoff in der Tiefe entscheidend ist
Nicht nur die im See lebenden Fische und andere Tiere, sondern auch viele Mikroorganismen benötigen Sauerstoff. Diese bewerkstelligen gerade auch in tieferen Regionen des Sees den Abbau von Tier- und Pflanzenresten.
Als sich zum Höhepunkt der übermäßigen Anreicherung des Sees mit Nährstoffen in den 1970er-Jahren viel abgestorbene organische Materie auf dem Seegrund ansammelte, drohte dort der Sauerstoff knapp zu werden. Heute gelangen – dank der intensiven Reinhaltemaßnahmen – weitaus weniger Nährstoffe in den See, sodass von dieser Seite keine Gefahr mehr droht, stellt das Institut für Seenforschung fest.
Doch nun macht der Klimawandel dem Bodensee zunehmend zu schaffen. Das hat unter anderem zur Folge, dass sich die Quaggamuschel in den vergangenen Jahren stark ausgebreitet hat und die Preise für die Trinkwasserversorgung stark gestiegen sind.
Doch die steigenden Lufttemperaturen haben noch weitere Folgen. Das Wasser wird immer wärmer, zudem erwärmt es sich im Frühjahr zeitiger und kühlt im Herbst später ab.
So wird das Zeitfenster kleiner, in dem Sauerstoff durch die Zirkulation des Wasserkörpers im Winter bis in große Tiefen gelangen kann. Dazu muss die Temperatur des gesamten Wasserkörpers ungefähr gleich sein. Nur wenn sich der See bis in den ausgehenden Winter deutlich abgekühlt hat, kann das Wasser bis in große Tiefen umwälzen.
Klimawandel verkürzt das Zeitfenster für Durchmischung
Allerdings werden diese Voraussetzungen im Zuge des fortschreitenden Klimawandels immer seltener erfüllt. Seit Ende der 1980er-Jahre mehren sich die Phasen mit mangelhafter Zirkulation. Nach 2006 fand nur noch im Spätwinter 2017/18 eine wirklich gute Umwälzung statt.
Auch im Winter 2025/26 hat sich der See nicht ausreichend stark bis in große Tiefen durchmischt. Nur in den flacheren Teilen des Bodensees, in der 60 Meter tiefen Bregenzer Bucht und im Überlinger See mit einer maximalen Tiefe von knapp 150 Metern konnte eine gute Durchmischung bis zum Grund festgestellt werden.
Sauerstoffversorgung dank guter Wasserqualität derzeit noch stabil
Immerhin sei das Tiefenwasser bisher noch gut mit Sauerstoff versorgt, stellt das Forschungsinstitut fest. In der Seemitte in 251 Metern Tiefe wurden Mitte Januar dieses Jahres etwa sechs Milligramm Sauerstoff pro Liter über Grund gemessen. Anfang März stieg der Sauerstoffgehalt dann auf rund sieben Milligramm pro Liter – was allerdings immer noch deutlich weniger ist als die 11,3 Milligramm pro Liter an der Wasseroberfläche.
"Daher stellt sich die Frage, wie viele Jahre mangelnder Zirkulation in Folge der See tolerieren kann, bevor ihm im wahrsten Sinne des Wortes in der Tiefe die Luft ausgeht", kommentiert Hetzenauer die bedenkliche Entwicklung. Das Thema wird derzeit in dem Forschungsprojekt SeeWandel-Klima untersucht.



