Der zweite Teil des DVGW-Interviews behandelt mehrere Wasserversorgungsthemen. Unter anderem geht es darum, dass die Nitratbelastung des Grundwassers trotz geringerer Düngung noch jahrzehntelang steigen könnte. Außerdem war der Berliner Wasserrohrbruch zu Silvester kein Zeichen für Probleme in den Versorgungsstrukturen – ganz im Gegenteil. Eine Privatisierung der Wasserversorgung wird trotz neoliberaler Trends in Europa nicht erwartet.
Ende vergangenen Jahres gab es Berichte, dass die Nitratkonzentration im Sickerwasser in Niedersachsen zurückgegangen ist. Deutet das auf eine Trendwende beim Thema Nitratbelastung des Grundwassers hin?
Es ist zu früh, daraus solche Schlüsse zu ziehen. Der viel zitierte Bericht aus Niedersachsen basiert ausschließlich auf modellierten Stickstoffbilanzen, aus denen die Nitratbelastung des Sickerwassers berechnet wird. Für eine Beurteilung aus Sicht des Trinkwasserschutzes brauchen wir echte Messdaten und eine Trendwende in der gemessenen Nitratbelastung des Grundwassers. Denn die Nitratbelastung hängt nicht nur davon ab, wie viel Gülle zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die Felder ausgebracht wird, sondern auch sehr viel von den Witterungsbedingungen. Wir haben ja ein sehr nasses Jahr hinter uns, so dass die Nitratkonzentrationen zwangsläufig zurückgehen.
Die Belastung geht zurück, weil es mehr geregnet hat?
Ja, deshalb halte ich es für voreilig, wenn die Landwirtschaft nun weitere Maßnahmen ablehnen würde. Der Weg des Nitrats in das Grundwasser dauert mehrere Jahre bis hin zu 20, 30 Jahren. Deshalb können wir zum derzeitigen Zeitpunkt wenig darüber aussagen, wie sich das in Niedersachsen beobachtete Phänomen langfristig auswirken wird. Fakt ist, dass in den letzten Jahren viel zu viele Nährstoffe in den Untergrund gelangt sind. Das heißt, wir werden auch bei einer geringeren Nitratzufuhr noch für lange Zeit keine Verbesserung der Situation im Grundwasser sehen.
Bedeutet der lange Weg des Nitrats ins Grundwasser, dass wir erst noch vor einer Verschlechterung stehen?
Nitrat kann im Boden und im tieferen Untergrund abgebaut werden. Das ist aber kein kontinuierlicher Prozess, denn die dafür notwendigen Reaktionsmittel stehen je nach Boden und geologischem Untergrund in unterschiedlichem Maße, aber letztlich nur begrenzt zur Verfügung. Da an vielen Standorten Sickerwasser mit einer hohen Nitratkonzentration auf dem Weg nach unten ist, wird sich dieser Prozess in den nächsten 20 Jahren entsprechend fortsetzen, im schlimmsten Fall ist die Pufferkapazität des Bodens erschöpft. Deshalb werden wir eine größere Anzahl von Grundwasserleitern sehen, bei denen die Belastung steigen wird.
Die Verabschiedung des Düngegesetzes ist auf den letzten Metern gescheitert. Was bedeutet das?
Der Ansatz, die Regelungen der Düngeverordnung mit einer Stoffstrom- oder Nährstoffbilanz sowie einem Wirksamkeitsmonitoring zu flankieren, ist nicht nur aus unserer Sicht der richtige Weg. Das sagt auch die Zukunftskommission Landwirtschaft, die von zentralen Akteuren der Landwirtschaft – wie dem Deutschen Bauernverband – mitgetragen wird. Das Argument der steigenden Bürokratiebelastung der Landwirte halten wir für vorgeschoben. Vielleicht könnte man die Betriebe dafür an anderer Stelle von Verwaltungsaufgaben entlasten.
In Berlin ist am Silvesterabend mit großem medialen Echo eine Wasserleitung gebrochen. Die Versorger geben sehr viel Geld für die Erneuerung der Infrastruktur aus. Warum konnte es trotzdem dazu kommen?
Wir haben in Deutschland 530.000 Kilometer Trinkwasserleitung. Sie sind 50, manchmal bis zu 150, Jahre in Betrieb und dafür auch grundsätzlich geeignet. Vor allem die großen Rohre werden von den Versorgern regelmäßig überprüft. Dass der Ausfall in der Silvesternacht eine so große Resonanz hervorgerufen hat, kann man auch positiv sehen: Es kommt so selten vor, dass es dann tatsächlich ein Aufreger ist. Und die Tatsache, dass es den Berliner Wasserbetrieben innerhalb einer Stunde gelungen ist, die Versorgung von über 100.000 Menschen wieder herzustellen, ist ein Zeichen dafür, dass der Grundsatz einer resilienten Infrastruktur bei den Unternehmen auch wirklich umgesetzt wird und nicht nur auf dem Papier steht.
Müsste mehr Geld in die Erneuerung der Infrastruktur investiert werden?
Die meisten Wasserversorger nehmen jedes Jahr viel Geld für die Instandhaltung in die Hand. Die Trinkwasserkosten sind für alle Kunden, im Vergleich zu vielen anderen Versorgungsleistungen, niedrig. Jetzt stehen die Unternehmen noch zusätzlich vor der Herausforderung, die Infrastruktur an den Klimawandel anpassen zu müssen. Deswegen müssen die Finanzierungsmöglichkeiten für die Branche überdacht werden.
Wie kann man den Versorgen mehr Kapital zur Verfügung stellen?
Eine Möglichkeit sind sicher Fördermittel, aber auch eine steuerliche Entlastung muss in den Blick genommen werden. Auch Fondslösungen mit staatlicher und eventuell privater Beteiligung, wie sie derzeit in der Energiewirtschaft diskutiert werden, sollten in Betracht gezogen werden.
Die Bundesregierung hat 2023 die Nationale Wasserstrategie verabschiedet, die noch die Vorgängerregierung mit viel Aufwand auf den Weg gebracht hat. Aber man hat dennoch den Eindruck, dass es recht ruhig um das ganze Projekt ist.
Wir begrüßen eine ressortübergreifende, nationale Wasserstrategie des Bundes, ein deutliches Zeichen dafür, dass die strategische Bedeutung von Wasser erkannt wird. Für die Umsetzung vieler Maßnahmen ist jedoch nicht der Bund allein, sondern sind vorrangig die Länder zuständig. Die Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) hat sich nun zunächst daran gemacht, eine Priorisierung der 80 Maßnahmen der Wasserstrategie vorzunehmen. Das ist sicher ein Grund, warum man davon nicht so viel gehört hat, jetzt sollte es aber vorwärts gehen. Ein weiterer Grund ist, dass man die Projekte mit vorhandenen Finanzmitteln umsetzen wollte. Aber das ist Flickschusterei. Wenn man eine Nationale Wasserstrategie haben will, dann braucht man auch eine entsprechende Finanzierung.
Derzeit gibt es in ganz Europa eine Renaissance von neoliberalem Gedankengut, auch in Deutschland. Könnte das dazu führen, dass das Thema einer Privatisierung der Wasserversorgung wieder en vogue wird?
Ich glaube nicht. Es gibt ja einen Vorreiter der Liberalisierung und Privatisierung – die englische Wasserwirtschaft. Sie ist ein Musterbeispiel für das Scheitern dieses Ansatzes. Thames Water, der größte englische Wasserversorger, ist massiv überschuldet, die Qualität der Ver- und Entsorgung ist in den letzten 20 Jahren stark zurückgegangen. Ich kenne derzeit keine Liberalisierungsanläufe für die Daseinsvorsorge in Deutschland im Bereich Wasser oder Abwasser. Und es gibt sehr viele gute Argumente, warum man davon die Finger lassen sollte.
Das Interview führte Elwine Happ-Frank
Das ist der zweite Teil des Interviews mit DVGW-Vorstand Wolf Merkel.
Im ersten Teil ging es unter anderem darum, wie sich das Wasserdargebot und die -nutzung bis zum Jahr 2100 entwickeln wird. Mit Spannung wird außerdem erwartet, wie die neuen EU-Regeln zum Abwasser in deutsches Recht umgesetzt werden und ob die Herstellerverantwortung ein neues "scharfes Schwert" für die Wasserversorgung werden könnte.



