Tim aus der Beek (li.) vom IWW und Arnd Wendland, Werksleiter von Hamburg Wasser, in der Pumpenhalle des neuen Speichers auf dem Gelände des Wasserwerks Curslack.

Tim aus der Beek (li.) vom IWW und Arnd Wendland, Werksleiter von Hamburg Wasser, in der Pumpenhalle des neuen Speichers auf dem Gelände des Wasserwerks Curslack.

Bild: © Ebert/Hamburg Wasser

Das hydrologische Jahr 2024/2025 markiert einen Wendepunkt für die Hamburger Wasserwirtschaft: Während die Hansestadt lange als Stadt des Nieselregens galt, zeigt sich nun ein völlig verändertes Niederschlagsmuster. 

Anstatt gleichmäßig über das Jahr verteilt, regnet es heftiger in kürzeren Phasen, während sich Niederschlags- und längere Trockenperioden abwechseln. Diese Entwicklung stellt Wasserversorger vor fundamentale Herausforderungen, wie der aktuelle Wasserreport von Hamburg Wasser eindrücklich belegt.

Große Schwankungen bei gleichzeitig durchschnittlicher Jahressumme

Mit 746 Millimetern Niederschlag lag das hydrologische Jahr 2024/2025 (1. November bis 31. Oktober) eigentlich nur leicht unter dem langjährigen Mittelwert von 770 Millimetern (Referenzperiode 1991–2020). Die scheinbar unauffällige Gesamtmenge täuscht jedoch über die drastischen Veränderungen in der Niederschlagsverteilung hinweg. 

Mehr als die Hälfte des Jahresniederschlags – 394 Millimeter – fiel konzentriert in nur drei Monaten. Die monatlichen Schwankungen erreichten extreme Dimensionen: von lediglich 5 Millimetern im Februar bis zu 148 Millimetern im Juli.

Die Extremität dieser Entwicklung wird durch die historische Einordnung besonders deutlich. Sieben Monate des vergangenen Wasserjahres erreichten, gesehen auf den gesamten Zeitraum seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881, markante Werte: November, Juli und Oktober gehören zu den 10 Prozent der regenreichsten ihrer Monate, während Februar und März zu den 10 Prozent der trockensten zählen. August und September ordnen sich noch in den 20 Prozent der trockensten ihrer Monate ein. Diese Polarisierung zwischen extremer Nässe und Trockenheit innerhalb eines Jahres stellt eine historisch beispiellose Herausforderung dar.

Das hydrologische Jahr 2024/2025 in Zahlen
  • 746 mm Niederschlag im hydrologischen Jahr 2024/25 – knapp unter dem langjährigen Mittel 1991–2020 mit 770 mm
  • Rekordregen im November: 126 mm statt 61 mm (10 % nasseste seit 1881)
  • Rekordregen im Juli: 148 mm statt 82 mm (10 % nasseste seit 1881)
  • Rekordregen im Oktober: 119 mm statt 63 mm (10 % nasseste seit 1881)
  • Rekordtrockenheit im Februar: 5 mm statt 55 mm (10 % trockenste seit 1881)
  • Rekordtrockenheit im März: 12 mm statt 57 mm (10 % trockenste seit 1881)
  • 6 Hitzetage (>30°C), davon ein Wüstentag (>35°C) am 2. Juli mit 35,3 °C
  • 2 Starkregen der Kategorie „außergewöhnlich“ (SRI 7) und „extrem“ (SRI 8): 22. + 23. Juli
  • 2 Spitzenabgabetage: 1. Juli mit 417.797 m³ und 2. Juli mit 413.758 m³ Trinkwasser

Grundwasserstände reagieren verzögert auf neue Muster

"Nachdem die regenreichen letzten Jahre die Grundwasserleiter gefüllt haben, hat sich der zuvor anhaltende Aufwärtstrend verlangsamt. Die Grundwasserstände bewegen sich aktuell seitwärts mit leicht rückläufiger Tendenz", erläutert Arnd Wendland, Werksleiter von Hamburg Wasser. 

Besonders kritisch: Das für die Grundwasserneubildung essenzielle Winterhalbjahr war 20 Prozent trockener als die Referenzperiode – ein besorgniserregender Wert, da gerade die Winterniederschläge maßgeblich zur Grundwasserauffüllung beitragen.

Die Reaktion der verschiedenen Grundwasserschichten auf diese veränderten Bedingungen erfolgt zeitlich gestaffelt und zeigt die Komplexität hydraulischer Systeme: In flachen Messstellen ist nach einem Anstieg im nassen November 2024 ein Absinken der Grundwasserstände zu beobachten, das durch den einsetzenden Regen im Frühsommer nur gebremst wurde. 

Im mitteltiefen Grundwasser baute sich zunächst die "Regenwelle" aus dem Vorjahr ab, bevor die Schichten mit größerer Verzögerung auf das trockene Frühjahr reagierten. Das tiefe Grundwasser zeigte ab Anfang 2025 eine Stagnation des Aufwärtstrends und gegen Ende des hydrologischen Jahres im Oktober eine leichte Abflachung der Grundwasserganglinie.

Doppelte Herausforderung für Wasserver- und Abwasserentsorgung

Das sich abzeichnende Muster könnte sich durch die Folgen des Klimawandels künftig weiter verstärken und fordert die Wasserwirtschaft in beispielloser Weise. "Solche Extreme fordern uns als Trinkwasserver- und Abwasserentsorger gleich doppelt", betonte Wendland die Dimension der Herausforderung. "Zum einen muss Regenwasser auch im Starkregenfall bestmöglich abgeleitet werden. Zum anderen muss Trinkwasser auch dann ausreichend verfügbar sein, wenn der Wasserbedarf in sommerlichen Trockenphasen besonders hoch ist."

Die Spitzenbelastung wird durch die Temperaturentwicklung zusätzlich verschärft: An sechs Tagen im Juni, Juli und August kletterte das Thermometer auf über 30 Grad Celsius, mit einem Spitzenwert von 35,3 Grad am 2. Juli. An diesem und am Vortag erreichte die Trinkwasserabgabe Spitzenwerte von 417.797 und 413.758 Kubikmetern – nahe der aktuellen Kapazitätsgrenze von 460.000 Kubikmetern pro Tag.

Strategischer Infrastrukturausbau ohne neue Wasserwerke

Angesichts der prognostizierten Klimawandelfolgen und des anhaltenden Bevölkerungswachstums erwartet Hamburg Wasser bis 2030 und darüber hinaus einen Anstieg sowohl des jährlichen Gesamtverbrauchs als auch des Tagesspitzenbedarfs. Die Antwort des Unternehmens: ein gezielter Ausbau der maximalen Tagesförderung von derzeit rund 460.000 auf künftig 500.000 Kubikmeter pro Tag. Der entscheidende Ansatz dabei: Der Ausbau erfolgt innerhalb der bestehenden Infrastruktur, ohne den Bau neuer Wasserwerke.

Exemplarisch für diese Strategie ist der Bau eines neuen Speicherbehälters mit einer Kapazität von 25.000 Kubikmetern auf dem Gelände des Wasserwerks Curslack. "Damit stellen wir die Weichen, angesichts prognostizierter längerer Trockenphasen und der wachsenden Stadt, Hamburgs Trinkwasserversorgung auch in Zukunft zu sichern", erklärte Wendland die strategische Bedeutung der Maßnahme. Die erhöhte Speicherkapazität ermöglicht es, Produktionsspitzen zu puffern und die Versorgungssicherheit auch bei anhaltenden Trockenperioden zu gewährleisten.

Nationale Wasserstrategie als Handlungsrahmen

Tim aus der Beek, Bereichsleiter für Wasserressourcen-Management am Institut für Wasserforschung in Mülheim an der Ruhr (IWW), ordnet die Hamburger Situation in den nationalen Kontext ein: "Generell ist die Verfügbarkeit von Wasser in Deutschland kein Problem, Engpässe treten meist nur regional und temporär auf. Die Herausforderungen liegen viel mehr im Rückhalt von Wasser im feuchten Winterhalbjahr, um es in den Sommermonaten nutzen zu können."

Für eine tragfähige Lösung fordert aus der Beek die konsequente Umsetzung der nationalen Wasserstrategie: "Dafür braucht es kluge Resilienzkonzepte, die das Wasserressourcen-Management stärker in den Blick nehmen. Dazu sollten Maßnahmen der nationalen Wasserstrategie umgesetzt werden, wie beispielsweise die transparente Erhebung von Wasserdargeboten und -entnahmen aller Nutzungsgruppen."

Ein kritischer Punkt dabei: Bislang sind in vielen Bundesländern nur die Trinkwasserversorger zu einem engmaschigen Monitoring verpflichtet. "Auf Grundlage eines solchen besseren und umfassenden Monitorings ließe sich auch die Wasserrechtsvergabe sicherer gestalten, die die rechtliche Vorrangstellung der Trinkwasserversorgung berücksichtigt – ein wichtiger Beitrag zur Versorgungsresilienz", betonte aus der Beek. (mit dpa)

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