Der Klimaresilienz-Index Wasser des DVGW umfasst fünf zentrale Themenfelder.

Der Klimaresilienz-Index Wasser des DVGW umfasst fünf zentrale Themenfelder.

Bild: © DVGW

Von Michael Nallinger

Die öffentliche Wasserversorgung in Deutschland steht zunehmend unter dem Einfluss klimatischer Veränderungen. Extremwetterereignisse, langanhaltende Trockenphasen, steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster wirken sich immer stärker auf die Verfügbarkeit und die Qualität der Wasserressourcen aus.

Auch in diesem Jahr war wieder ein Ausschlag nach oben zu verzeichnen: Der Sommer war zwar mit zwei Hitzeperioden und einem nassen Juli weder ungewöhnlich heiß noch zu trocken, dafür war es laut dem Deutschen Wetterdienst von Anfang Februar bis Mitte April hierzulande seit 1931 noch nie so trocken wie in diesem Jahr.

Diese Entwicklungen sorgen dafür, dass die Auswirkungen des Klimawandels immer stärker in den Blick der öffentlichen Wasserversorgung rücken. Dabei treffen die Auswirkungen des Klimawandels die Wasserversorgung nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ, etwa im Hinblick auf die Verfügbarkeit und die Qualität der Wasserressourcen. "Die Branche ist zunehmend gefordert, sich flexibel an sich ständig verändernde Bedingungen und Anforderungen anzupassen", konstatierte Wolf Merkel auf dem diesjährigen DVGW-Kongress in Bonn.

Wasserschutz als Versorgungsschutz

Der Vorstand Wasser des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches e.V. bringt die Situation so auf den Punkt: "Um die Versorgungssicherheit auch künftig zu gewährleisten, muss der Gewässerschutz höchste Priorität haben, und die Branche muss schon heute gezielt in Resilienz investieren und ihre Anpassungsfähigkeit stärken." Schließlich führe der Klimawandel bereits heute zu regionalen und temporären Wasserengpässen.

Bereits im Juni dieses Jahres hatte das EU-Kommissariat für Umwelt, Wasserresilienz und wettbewerbsfähige Kreislaufwirtschaft die "Europäische Wasserresilienzstrategie" (European Water Resilience Strategy) vorgestellt. Drei wesentliche Ziele sollen dort im Zentrum des laufenden Mandats der EU-Kommission bis 2029 stehen: den Wasserkreislauf schützen und stärken, allen Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zu sauberem und bezahlbarem Trinkwasser sowie zu sanitären Anlagen ermöglichen und eine wettbewerbsfähige europäische Wasserversorgungsbranche sowie die Kreislaufwirtschaft fördern.

Der DVGW wird im Rahmen seiner Arbeit beim europäischen Dachverband der Wasserversorgungs- und Abwasserbehandlungsunternehmen EurEau die Umsetzung der Wasserresilienzstrategie begleiten und mitgestalten.

Neuer Index zur Messung der Klimaresilienz

Ein Schritt zur Umsetzung einer Resilienzstrategie ist der erstmals erhobene Klimaresilienz-Index Wasser des DVGW.Das Instrument soll der langfristigen Beobachtung und Bewertung der Anpassungsfähigkeit der Branche dienen und unter anderem auch eine belastbare Grundlage für die Weiterentwicklung von Förderprogrammen, rechtlichen Rahmenbedingungen und branchenspezifischen Strategien bilden.

Dazu wurden von Ende Mai bis Anfang Juli dieses Jahres 219 Führungskräfte deutscher Wasserversorgungsunternehmen zu fünf zentralen Themenfeldern befragt: Robustheit (gegenüber Auswirkungen des Klimawandels), Anpassungsgrad (hinsichtlich erforderlicher Infrastrukturanpassungen), Handlungsfähigkeit und die Möglichkeiten, auf Belastungen zu reagieren (und Anpassungsmaßnahmen wirksam umzusetzen), rechtlicher Rahmen (mit Fokus auf mögliche Hemmnisse der Klimaresilienz durch rechtliche und administrative Rahmenbedingungen) sowie Zukunftsperspektiven(bezogen auf die künftig von den Unternehmen erwarteten Auswirkungen des Klimawandels auf ihre Klimaresilienz).

Für jeden Themenbereich wurde ein Teilindex berechnet. Der Klimaresilienz-Index ergibt sich aus dem Mittelwert der Teilindizes. Je höher der Wert, desto höher der Erfüllungsgrad. Insgesamt liefert der Index ein differenziertes Bild hinsichtlich der Widerstandsfähigkeit der Branche gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels.

Ergebnisse des Index

Die Robustheit (mit einem Wert von 61) sowie der Anpassungsgrad (54) der Versorgungsunternehmen bewegen sich im mittleren bis hohen Bereich. Dagegen stehen andere Bereiche deutlich unter Druck. Insbesondere kritisch bewertet werden die rechtlichen Rahmenbedingungen (38), die Handlungsfähigkeit der Unternehmen (43) sowie das zukünftig erwartete Risikopotenzial (46).

Der Gesamtwert des Klimaresilienz-Index erreicht einen Wert von 49. "Unter zunehmendem Klimastress blicken die Unternehmen tendenziell pessimistischer in die Zukunft. Dazu passt die kritische Einschätzung der eigenen Handlungsfähigkeit sowie des rechtlichen Rahmens", betont Marie-Ann Koch, Referentin für Wissenschaftskommunikation des DVGW und Projektleiterin bei der Erhebung des Index.

Forschungsprojekt gibt Empfehlungen

Konkrete Handlungsempfehlungen liefert auch das Forschungsvorhaben "ResilJetzt!", das im Rahmen des DVGW-Zukunftsprogramms Wasser umgesetzt wurde. In dem mittlerweile abgeschlossenen Projekt identifizierten die Beteiligten technische und organisatorische Handlungsoptionen zur Steigerung der Resilienz und stellten diese in elf Steckbriefen dar. Diese schließen eine Bewertung hinsichtlich Wirksamkeit, Dauerhaftigkeit und Aufwand ein. Die in "ResilJetzt!" erarbeiteten Vorschläge reichen von größeren Speicherkapazitäten über Versorgungsverbünde bis hin zur Stärkung der Behörden.

Auch hier wurden die einzelnen Resilienzoptionen gewichtet. Einen sehr hohen Potenzialwert erreichten die Optionen "Erhöhung von Speichervolumina durch Neubau oder Sanierung/Vergrößerung bestehender Anlagen" sowie "Vorrang der öffentlichen Wasserversorgung, Wasserrechte". Ein Resilienzpotenzial im hohen bis sehr hohen Bereich erreichte die Option "Anschluss an die Fernwasserversorgung beziehungsweise einen Versorgungsverbund".

Auf einen hohen Wert kamen zudem die Optionen "Ausbau von Talsperren" sowie "Neu-/Ausbau von Leitungen beziehungsweise Anlagen für Transport und Verteilung inklusive Sanierung, Instandhaltungsmaßnahmen" sowie die Option "Finanzierung von Investitionen" entweder über Wasserentgelte oder staatliche Förderprogramme.

Für DVGW-Vorstand Merkel machen insbesondere die im Rahmen des Klimaresilienz-Index Wasser erhobenen Ergebnisse deutlich, dass die Resilienzdefizite nicht allein durch technische Maßnahmen zu beseitigen sind, sondern begleitend durch politische, administrative und finanzielle Reformen adressiert werden müssen. Sofern diese Maßnahmen ausblieben, sei die zuverlässige Wasserversorgung als zentrale Daseinsvorsorge und Standortfaktor langfristig gefährdet. "Nur, wenn wir heute handeln, können wir die Trinkwasserversorgung auch morgen sichern", betont Merkel.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper