Die Bundesregierung hat erstmals eine Rechenzentrumsstrategie beschlossen. Vor dem Hintergrund der geopolitischen Risiken müsse man in diesem Bereich eigene Fähigkeiten aufbauen. Eingriffe von "nicht wohlgesonnenen Akteuren" wolle man verhindern. Bei der Veröffentlichung der Strategie sagte Digitalminister Carsten Wildberger (SPD): "Rechenzentren sind die Fabriken des 21. Jahrhunderts. Ohne einen massiven Ausbau können wir im massiven KI-Wettlauf nicht mithalten."
Das erklärte Ziel: Deutschland soll einer der führenden Standorte für Rechenzentrumskapazität werden. Hierfür soll die Kapazität bis 2030 mindestens verdoppelt werden – im Bereich der künstlichen Intelligenz soll die Kapazität sogar vervierfacht werden. "Deutschland ist bisher der führende Standort", sagte Wildberger. Im Entwurf der am Mittwoch vom Kabinett gebilligt wurde, sind dafür drei Handlungsfelder beschrieben. Wir haben uns das Handlungsfeld Energie genauer angeschaut.
Erstes Ziel: Stromnetzanschlüsse sicherstellen
Netzanschlüsse sind derzeit ein rares Gut, sagte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bei der Präsentation der Rechenzentrumsstrategie. An einigen Stellen werden diese bereits knapp, wie ein Blick in die Speicherbranche zeigt. Für die Erschließung und Erweiterung von Rechenzentren hat die Bundesregierung schnelle und verlässliche Netzanschlüsse als zentrale Voraussetzung indentifiziert. Aber: "Gleichzeitig bestehen Konkurrenzsituationen mit anderen Netzanschlusspetenten mit großem Leistungsbedarf."
Die Strategie beeinhaltet vier Grundlegende Maßnahmen, um die Voraussetzung zu gewährleisten. Um den Übertragungsnetzbetreibern mehr Spielraum bei den Netzanschlüssen zu gewähren, hatte die Bundesregierung bereits im vergangenen Jahr die Kraftwerksanschlussverordnung (KraftNEV) abgeändert. Großbatteriespeicher sind seit dem davon ausgeschlossen, damit soll verhindert werden, dass sogenannte Phantomspeicher Netzanschlüsse blockieren.
Die Regierung will zudem Vorschläge zu einer Änderung im Vergabeverfahren auf Übertragungsnetzebene und Verteilnetzebene vorlegen – wann, wird in der Strategie jedoch nicht festgelegt. Bei letzterer brauche es vor allem einen Reservierungsmechanismus der an den Projektfortschritt gekoppelt sei. Zudem müssten vorhandene Kapazitäten genutzt und Prozesse stärker digitalisiert werden.
Vereinbarungen sollen flexibler werden
Einen weiteren Hebel sieht die Regierung in flexiblen Netzanschlussvereinbarungen (Flexible Connection Agreements – FCE). Das machte Reiche am Mittwoch deutlich: Man müsse hier in die Bearbeitung kommen. FCEs meinen vertragliche Regelungen die den Anschluss auch dann ermöglichen, wenn die Netzkapazität an einem Standort noch nicht ausreicht. So könnten Rechenzentren mit dem im Ausbau befindlichen Netz mitwachsen, heißt es im Strategiepapier.
Bei der Umsetzung in die Praxis sollen Mustervereinbarungen als Branchenstandard dienen – die Regierung möchte sich dafür einsetzen, dass die aufgesetzt werden. Außerdem wird die Branche in dem Papier aufgefordert technische Anforderungen für den Netzanschluss zu entwickeln, mit dem Ziel diese in den "national geltenden technischen Anschlussregeln (TAR) aber auch in den einschlägigen EU-Netzkodizes zu verankern".
Der Energiewirtschaftsverband BDEW begrüßt den Beschluss der Strategie, mahnt jedoch an: "Damit der Ausbau von Rechenzentren netzdienlich gelingen kann, ist mehr Flexibilität bei der Vergabe knapper Netzanschlusskapazitäten notwendig." Bei den Vergabeverfahren spricht sich der Verband für ein Reifegradprinzip aus, um Projekten vorrang zu geben, bei denen eine hohe Antragsqualität vorliege. Ministerin Reiche hält einen solchen Mechanismus ebenfalls für Zielführend, wie sie am Mittwoch sagte.
Zweites Ziel: Zentren sollen mit erneuerbarem Strom betrieben werden
"Wir beherschen den effizienten Betrieb (von Rechenzentren) wie fast kein anderer", stellte Carsten Wildberger (SPD) am Mittwoch klar. Erklärtes Ziel im Strategiepapier ist, das Rechenzentren vollständig mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden sollen. Darüber hinaus soll die Abwärme in die Fernwärmeversorgung integriert werden und im Bereich der Kühlung auf wassersparende Kreislaufsysteme gesetzt werden.
Damit der Plan umgesetzt werden kann, wird ein Dialog zwischen Energie- und der Rechenzentrumsbranche durch die Regierung aufgesetzt. Bereits ab 2027 ist eine 100-prozentige bilanzielle Versorgung durch erneuerbare Energien für Rechenzentren vorgesehen – geregelt wird dies im Energieeffizienzgesetz. Von dem Dialogprozess erhofft sich die Bundesregierung eine Entwicklung von langfristigen PPA-Modellen, regionale Kopplungen von erneuerbaren Erzeugen und Eigenversorgung die sich systemdienlich verhält.
Fernwärme in Zukunft unversteuert?
Wenn ein Betreiber seine Abwärme kostenlos für die Wärmeversorgung zur Verfügung stellt, werden auf diese momentan Steuern erhoben. Die Bundesregierung will sich auf Eben der Europäischen Kommission dafür einsetzen rechtliche eine Steuerfreiheit in diesen Fällen zu ermöglichen. "Die Nutzung der Abwärme ist für die kommunale Wärmeplanung sehr wichtig", sagte Reiche.
Mit Blick auf die Novelle des Energieeffizientsgesetzes (EnEfG) sagte sie jedoch: "Den Zentren in der Pampa vorzuschreiben, dass sie Kilometer lange Wärmeleitungen brauchen, erscheint mir nicht als Zielführend." Anforderungen an Betreiber von Rechenzentren müssten die Realität abbilden. Ein vorläufiger Entwurf aus dem Januar war an dieser Stelle noch konkreter gefasst und hatte schärfere Vorgaben in Bezug auf Energieeffizienz gesetzt. Ähnlich wie bei der Netzanschlussthematik, will sich die Bundesregierung auch beim nachhaltigen Rechenzentrumsbetrieb für Rahmenbedingugnen auf europäishcer Ebene einsetzen.
Drittes Ziel: Strompreise für Rechenzentren sollen wettbewerbsfähig werden
In Deutschland liegen die Strompreise im Schnitt höher als im europäischen Durchschnitt. Bei Rechenzentren stellen sie den größten Betriebskostenfaktor da und spielen deshalb eine zentrale Rolle. Trotz der hohen Preise sei die Nachfrage jedoch hoch, betontent Reiche und Wildberger. Das würde zum einen an den extrem stabilen Netzen in Deutschland liegen, sagte Reiche. In den USA würden instabile Netze beispielsweise zu großen Schwierigkeiten beim Anschluss der Zentren führen.
Leider könne man Rechenzentren bisher nicht in den Industriestrompreis integrieren, da dieser an europäische Vorgaben gekoppellt sei, die nicht erfüllt werden. Man setze sich auf EU-Ebene für eine Anpassung der Vorgaben ein, so Reiche. Im Strategiepapier heißt es zudem, man wolle darauf hinwirken Rechenzentren als Sektor mit in die Strompreiskompensation aufnehmen zu lassen. Die Bundesregierung sprach sich zudem dafür aus, das Rechenzentren bei der "Festlegungen der Bundesnetzagentur erfolgenden Ausgestaltung der Netzentgeltsystematik im Rahmen des AgNES Prozesses (Allgemeine Netzentgeltsystematik Strom) der Bundesnetzagentur Berücksichtigung finden" müssten.



