Katherina Reiche (CDU): Wirtschaftsministerin redet bei Veranstaltung der Verteilnetzbetreiber.

Katherina Reiche (CDU): Wirtschaftsministerin redet bei Veranstaltung der Verteilnetzbetreiber.

Bild: © Nadin Zilliges 

Von Lucas Maier

Die angekündigte Kraftwerksstrategie treibt die Branche seit Monaten um. Wirtschaftsministerin Reiche stellte am Montagabend einen konkreten Zeitplan in Aussicht. Bereits in drei Wochen sollen die ersten Ausschreibungskriterien vorgelegt werden, sagte die CDU-Frau bei einer Veranstaltung der Eon-Verteilnetzbetreiber. Im Anschluss wolle man die Ausschreibungsrunde starten und im März des kommenden Jahres die ersten Zuschläge für Projekte erteilen.

In der Podiumsdiskussion mit dem Bundesnetzagenturchef Klaus Müller und Vertretern aus der Netzbranche deutete die Ministerin weitere Veränderungen an.

Deutsches Netz soll vor "Ausverkauf" geschützt werden

Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf fehlenden Netzkapazitäten. "Wir werden überrannt mit Anschlussanfragen", klagt Bernd Böddeling, der bei Eon den Bereich der Energienetze leitet. Der Vorstandsvorsitzende des brandenburgischen Versorgungsunternehmens Edis, Patrick Wittenberg, pflichtete dem Ganzen bei: "Das deutsche Netz steht kurz vor dem Ausverkauf".

Edis betreibt als einer der größten regionalen Energienetzbetreiber ein rund 79.000 Kilometer langes Stromnetz. Dieses sei ursprünglich für eine Last von rund 2,5 Gigawatt (GW) ausgelegt gewesen. Man habe es in den letzten Jahren bereits geschafft, 17 GW an erneuerbaren Energien anzuschließen, sagte Wittenberg. Derzeit würden jedoch Anschlussgesuche in Höhe von zusätzlichen 140 GW vorliegen. Allein 104 GW würden auf Speicheranfragen entfallen. "Das ist zu viel. Das ist zurzeit einfach nicht machbar."

Erst vor kurzem schlugen die Übertragungsnetzbetreiber Alarm: Bei einem großen Teil der Anfragen würde es sich um sogenannte "Phantomspeicher" handeln, die Anfragen würden also nicht weiterverfolgt. 

Verordnung soll noch in diesem Jahr geändert werden

Die Wirtschaftsministerin zeigt sich offen für Veränderungen. Man müsse einen geeigneten Rahmen finden, um Anschlüsse zu priorisieren – das sei in der Praxis jedoch schwer. Sie könne sich eine Besteuerung von Reservierungen vorstellen. Beim Thema Batteriespeicher ließ Reiche konkrete Handlungen durchblicken: "Die Kraftwerksanschlussverordnung (Kraftnav) müssen wir schnell einer Revision unterziehen." Noch vor Jahresende soll es hier eine Änderung geben, Großbatteriespeicher sollen aus der Verordnung genommen werden.

Mit dem Vorstoß ist Reiche auf Linie der Übertragungsnetzbetreiber, die eine Streichung bereits seit längerem fordern. Bei den Anschlussgesuchen, die unter das Kraftnav fallen, gilt das Windhundprinzip. Die Netzbetreibenden müssen die Gesuche nach Eingangsdatum abarbeiten. Die vielen "Phantomanträge" würden dabei aber Anschlüsse für andere Projekte blockieren, so die Kritik aus der Branche. Man dürfe nicht aus "Prinzipienreiterei" am Windhundverfahren festhalten, sagte Reiche am Montag dazu.

Bundesnetzagentur sieht geografisches Problem

Der Chef der Bundesnetzagentur (BNetzA) pflichtete Reiche bei der Abkehr vom Windhundverfahren bei, brachte jedoch noch einen anderen Punkt auf die Agenda. "Dass jeder seine erneuerbaren Anlagen dahin bauen kann, wo er will, ist aus Sicht der Bundesnetzagentur weder sinnvoll noch der aktuellen Situation zuträglich", sagte Müller auf dem Podium.

In diesem Zuge machte Müller auch Werbung für die Reform der Allgemeinen Netzentgeltsystematik Strom (Agnes). Über das Agnes-Verfahren könne eine sinnvolle Lokalisierung erfolgen und die damit verbundenen Kosten so weit wie möglich abgedämpft werden. "Wir brauchen mehr Effizienz in der geografischen Anordnung."

Durch die Anpassung der Netzentgeltsystematik könnten beispielsweise Systemdienlichkeit von Anschlüssen belohnt werden. Gerade in der Einführung dynamischer Netzentgelte sieht Müller eine potenzielle Kostenersparnis. In der Branche und auch auf dem Podium kam eher Skepsis der Einschätzung gegenüber auf. Zu kostenintensiv sei der administrative Aufwand. Bis Ende nächsten Jahres soll Agnes auf den Weg gebracht werden, stellte Müller in Aussicht.

Smart Meter soll das Netz retten

Bei einem Punkt waren sich dann alle auf dem Podium einig: "Smart Meter muss schneller ausgebaut werden". Sicherheit sei zwar eine gute Sache, aber man müsse ein vernünftiges Maß der Mitte finden, mahnte Reiche an. Ihrer Meinung nach hätten die Behörden, und zwar nicht die Bundesnetzagentur, betonte die Ministerin. Zum Teil übertrieben hohe Anforderungen gestellt. "Die Frage ist, ob alle Anforderungen an die Betreiber tatsächlich nötig sind", sagte Reiche. "Oder ob man nicht besser die wesentlichen Kriterien ansteuert, um danach komplexer zu werden."

"Ich habe sehr viel Sympathie für das, was Frau Reiche gesagt hat", sagte Bundesnetzagentur-Chef Müller. "Das, was in anderen Ländern funktioniert, hätte ich auch gerne." In Deutschland sind beim Smart-Meter-Rollout intelligente Messsysteme vorgesehen, die neben dem reinen Messen, auch der Netzsteuerung dienlich sind.

"Wir werden im kommenden Jahr durchgreifen", kündigte der Bundesnetzagentur-Chef vor dem Hintergrund der teils schleppenden Ausbauzahlen an. Ein möglicher Hebel dafür könnte die 10-Cent-Pönale sein. Bis es so weit sei, wolle man weiter auf Transparenz bei den Ausbauzahlen setzen und so den Druck auf die Messstellenbetreiber erhöhen.

Auf die Frage, ob bei den Rollout-Vorgaben nachgeschärft werde, sagte Reiche: "Jetzt schauen wir erst mal, was die bisherigen Regelungen in der Fläche auslösen." Grundzuständige Messstellenbetreiber müssen bis Ende des Jahres mindestens 20 Prozent der Messstellen mit Smart Metern ausstatten.

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