Batteriespeicher: Das Agnes-Verfahren der Bundesnetzagentur sieht hier Anpassungen vor. (Symbolbild)

Batteriespeicher: Das Agnes-Verfahren der Bundesnetzagentur sieht hier Anpassungen vor. (Symbolbild)

Bild: © iStock.com/Young777

Von Julian Korb

Hamburg steht exemplarisch für eine Entwicklung, die sich in ganz Deutschland abzeichnet: Industrie, Gewerbe, Rechenzentren und Speicher wollen in nie gekanntem Umfang ans Stromnetz. Doch die Kapazitäten sind knapp, Verfahren überlastet – und die Politik steht unter Druck, endlich zu handeln.

In der Hansestadt türmen sich die Anschlussbegehren. Rund 1500 bis 2000 Megawatt an neuer Leistung wollen bis 2030 ans Netz – bei einer heutigen Spitzenlast von etwa 1600 MW. "Eigentlich reden wir von einer Verdoppelung der Leistung", sagt Peter Wolffram, Technischer Geschäftsführer der Hamburger Energienetze. Besonders stark zugenommen haben zuletzt die Anfragen für Großspeicher.

Doch die Realität dämpft die Erwartungen. "Wir sehen eine riesige Welle an Speicheranfragen – im hohen dreistelligen Megawattbereich. Aber viele davon werden aus unserer Sicht nicht realisiert werden. Denn Hamburg ist dicht besiedelt, viele Flächen für große Batteriespeicher gibt es hier schlichtweg nicht", so Wolffram weiter.

Engpässe und lange Vorlaufzeiten

Neben fehlenden Standorten sind auch die technischen Grenzen erreicht. "Unsere vorhandenen Netze können gar nicht auf die neuen Leistungsbedarfe ausgelegt sein, die jetzt sehr dynamisch hereinkommen – oft im hohen Megawattbereich. So etwas kann man nicht einfach direkt anschließen. In der Netzplanung rechnen wir hier mit Zeiträumen von fünf Jahren und mehr, um die Netze entsprechend auszubauen", betont der Geschäftsführer.

Um Spekulationen zu vermeiden, haben die Hamburger Energienetze ein neues Priorisierungsmodell eingeführt. "Das klassische Windhundprinzip – wer zuerst kommt, mahlt zuerst – passt nicht mehr. Wir setzen aktuell auf 'First ready, first serve': Wer nachweisen kann, dass sein Projekt eine sehr hohe Planungstiefe hat, bekommt Vorrang."

So könne man Anfragen, die nur geringe Realisierungschancen hätten, herausfiltern. Diese und weitere Verfahren sowie deren Verfeinerungen werden in der Branche diskutiert, erläutert Wolffram. Denn: "So pauschal können die Anforderungen nicht umfassend gelöst werden."

Doch selbst für realistische Projekte bleibt die Integration von Speichern eine Herausforderung. "Ein Speicher kann von einer Sekunde auf die andere eine sehr hohe Leistung ziehen – das ist für uns im Netzbetrieb, gerade in Bezug auf unsere Netzauslastung, eine enorme Herausforderung."

Wolffram bringt deshalb eine Flex-Option ins Spiel, die sicherstelle, dass in Engpasssituationen Leistungsbezüge oder die Einspeisung in Abhängigkeit zur Netzsituation gesteuert würden. "Vertrauen ist hier gut, aber am Ende muss das vertraglich abgesichert sein, denn im Zweifel müssten wir den Speicher sonst abschalten."

Ein bundesweites Phänomen

Was Hamburg erlebt, ist kein Einzelfall. Auch auf Übertragungsnetzebene steigt der Druck. Der Netzbetreiber 50Hertz will bis Ende 2029 rund 75 neue Energieprojekte ans Netz bringen – von Photovoltaik über Wind bis zu Rechenzentren und Großspeichern. Insgesamt geht es um fast 30 Gigawatt Leistung.

Doch auch hier ist die Realität komplizierter. Hinter vielen Projekten steht ein Fragezeichen, die Umsetzung wird Jahre dauern. "Um die zusätzlichen Lasten bewegen zu können, müssen insbesondere Umspannwerke erweitert und umgebaut werden", so ein Sprecher des Übertragungsnetzbetreibers. Zusätzliche Leitungen seien in der Regel nicht nötig – doch Schaltfelder und verfügbare Anschlusskapazitäten sind knapp.

Hinzu kommt, dass viele Vorhaben auf Basis der Kraftwerks-Netzanschlussverordnung (KraftNAV) beantragt werden. Diese gilt allerdings nur für Übertragungsnetzbetreiber, zwingt diese aber, Anträge nach dem Eingangsdatum abzuarbeiten. Der Run auf neue Netzanschlüsse hat dazu geführt, dass allein im 50Hertz-Gebiet rund 100 Gigawatt Batteriespeicher zur Prüfung anstehen – bundesweit sind es mehr als 250 Gigawatt.

"Wenn die Vorgaben der KraftNAV für Batteriespeicher konsequent befolgt würden, wären die Anschlusskapazitäten bis Ende der 2030er Jahre vollständig belegt", heißt es in einem jüngst veröffentlichten Positionspapier der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber. Sie fordern daher, die Verordnung für Speicher aufzuheben und durch ein neues, flexibles Verfahren zu ersetzen.

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Bedarf nach neuen Anschlussverfahren

Auch auf der Verteilnetzebene, wo der Großteil der Speicher, Ladeparks und Rechenzentren tatsächlich ans Netz geht, ist das Thema angekommen. Die Verfahren dort sind zwar nicht direkt durch die KraftNAV geregelt, doch das Grundproblem ist das gleiche: zu viele Anfragen, zu wenig Kapazität, fehlende Kriterien für Priorisierung.

"Wir brauchen ein Verfahren, das zwischen echten Projekten und bloßer Spekulation unterscheidet", unterstreicht Wolffram. Hamburg setze deshalb auf klare Nachweise: Flächensicherung, Genehmigungsstand und technisches Konzept müssen vorliegen, bevor der Antrag überhaupt in die nächste Runde geht.

Ähnliche Überlegungen treiben auch andere Netzbetreiber um. Denn die Vielzahl an parallelen Speicher- und Rechenzentrumsprojekten blockiert Planungsressourcen. Während in Hamburg die Flächenfrage bremst, stoßen im 50Hertz-Netzgebiet, das überwiegend in Ostdeutschland liegt, die verfügbaren Schaltfelder an ihre Grenzen.

Der Engpass betrifft zunehmend auch die Versorgungssicherheit. 50Hertz und die anderen Übertragungsnetzbetreiber weisen darauf hin, dass neben Erneuerbaren und Speichern auch neue Gaskraftwerke notwendig sind, um Systemstabilität zu gewährleisten. Doch solange das Anschlussverfahren stagniert, verzögert sich auch deren Realisierung.

Kritik aus der Branche

Der Frust über die aktuelle Situation wächst derweil auch in der Speicherbranche. "Die Schwelle für Netzanschlussanträge ist zu niedrig", sagte etwa Georg Gallmetzer, Geschäftsführer des Speicherbetreibers Eco Stor. Es müsse eine qualitative Sortierung geben, die den Reifegrad eines Projektes ebenso bemesse wie deren Systemdienlichkeit. Eine bundesweite Lösung sei dringend notwendig.

Benedikt Deuchert vom Speicherunternehmen Kyon Energy pflichtet dem bei: "Das Verfahren, wie es derzeit ist, kann so nicht bleiben. Es eignet sich nicht für die Flut an Anfragen, die wir sehen. Es gibt auch die schwarzen Schafe, die ihren Vorteil suchen und denen muss man ein Stück weit Einhalt gebieten."

Das sehen auch viele Netzbetreiber so. Die Zahl der Anschlussbegehren hat sich in den vergangenen zwei Jahren vervielfacht – und mit ihr die Unsicherheit. Die Verfahren sind auf Geschwindigkeit und Transparenz nicht ausgelegt. Gleichzeitig fehlen digitale Plattformen, über die Projekte erfasst, priorisiert und netzdienlich bewertet werden könnten.

Bundestag will handeln

Immerhin: Die Politik hat das Problem inzwischen erkannt. Für den 12. November 2025 steht im Bundestagsausschuss für Wirtschaft und Energie ein Entschließungsantrag zur Abstimmung. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, im ersten Quartal 2026 einen Regelungsentwurf vorzulegen, mit dem die Netzanschlussverfahren grundlegend verbessert und digitalisiert werden.

Ziel ist es, Transparenz und Planungssicherheit zu erhöhen und den Netzbetreibern einen gesamtwirtschaftlich sinnvollen Umgang mit der akuten Knappheit an Anschlusskapazitäten zu ermöglichen. Besonders im Fokus stehen dabei Großbatteriespeicher, Rechenzentren und Industrieprojekte.

Die Übertragungsnetzbetreiber haben derweil angekündigt, gemeinsam mit der Bundesnetzagentur und dem Bundeswirtschaftsministerium bis Jahresende ein neues Konzept zu entwickeln. Künftig sollen Projektreife, Netzdienlichkeit und Systemsicherheitsaspekte über die Reihenfolge der Anschlüsse entscheiden.

Die Bundesnetzagentur äußert sich bislang hingegen zögerlich. "Wenn wir die Projektreife entscheiden, müssen wir sehr in die Tiefe einsteigen", so Vizepräsidentin Barbie Haller. "Das halte ich rechtlich für ganz schwierig." Die Behörde verweist stattdessen darauf, dass die Netzbetreiber bereits jetzt andere Verfahren wählen könnten, sofern diese transparent und diskriminierungsfrei seien.

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Flexibilität mit Augenmaß

Für Peter Wolffram von den Hamburger Energienetzen ist klar, dass Flexibilität in der Energiewende eine Schlüsselrolle spielen wird – aber nicht um jeden Preis. "Flexibilität ist wichtig, aber sie muss auch Sinn machen. Einen Industriebetrieb, der effizient produziert, sollte man nicht zwingen, plötzlich flexibel zu werden. Viel wichtiger ist es, Flexibilität dort zu schaffen, wo sie wirklich etwas bringt – etwa zwischen volatilen Erzeugern und Speichern."

Wie schnell die Verfahren reformiert werden, bleibt offen. Klar ist: Ohne politische Leitplanken droht der Anschlussstau zum Bremsklotz der Energiewende zu werden. Zwischen Speicherboom, Rechenzentrumswelle und wachsender Lastnachfrage kämpfen Netzbetreiber um jedes freie Schaltfeld – und um Planungssicherheit in einem System, das längst an seine Grenzen stößt. (Mit Material der Deutschen Presse-Agentur)

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