Vor allem den europäischen Nachbarländern, darunter Dänemark, Estland, den Niederlanden und Schweden, wird eine Vorreiterrolle beigemessen.

Vor allem den europäischen Nachbarländern, darunter Dänemark, Estland, den Niederlanden und Schweden, wird eine Vorreiterrolle beigemessen.

Bild: © AndSus/AdobeStock

Wiederholt sich die Geschichte? Lassen nun auch in der Energiebranche junge, agile Player alteingesessene Größen ziemlich alt aussehen? Ähnlich wie zuvor in der Einzelhandels- und Telekommunikationsbranche? Bringen Start-ups wie Octopus Energy und Tibber mit ihren Versprechen von maximaler Transparenz, hohem Digitalisierungsgrad und verlockenden Tiefpreisen die deutsche Stadtwerke-Welt in Bedrängnis?

Noch ist das nicht ausgemacht. Noch müssen sich Octopus Energy und Tibber in der Bundesrepublik erst einmal beweisen. Angespornt haben sie die Branche hierzulande aber allemal. Und so schalteten sich auf dem Handelsblatt-Energiegipfel gleich drei Digital-Experten zusammen, um die wohl entscheidende Frage zu diskutieren: Wie können sich Stadtwerke gegen die neue Konkurrenz wappnen?

Digitalisierung: Stadtwerke und Co. "in Kinderschuhen"

In einem waren sich die eingeladenen Fachleute einig. Wenn es um Digitalisierung des Vertriebs geht, müssen deutsche Energieversorger noch ordentlich aufholen.

Die Branche stecke da  noch in den "Kinderschuhen", urteilte Julian Lennertz, Bereichsleiter Marketing bei der Eon-Tochter E wie Einfach. Es gelte, Daten für Kunden verständlicher aufzubereiten, stärker zu personalisieren, das Kundenerlebnis zu optimieren. "Da sind uns Unternehmen wie Octopus oder Tibber vom Mindset her voraus", sagte er. "Da müssen wir Gas geben."

Stadtenergie: "Nutzen Bestes aus beiden Welten"

Auch Lars Ernst von der Aareal Bank sieht Handlungsbedarf. "Der Kampf um den Endkunden hat massiv zugenommen", sagte er. "Gerade in Sachen Plattformen, Künstliche Intelligenz und Internet of Things muss die Industrie noch Schritte nach vorne gehen."

Thomas Schönhoff, Geschäftsführer des Dortmunder Energieversorgers Stadtenergie, sieht sein Unternehmen dagegen schon auf einem guten Weg. "Wir nutzen das Beste aus beiden Welten", erklärte er.

Digitalisierung: Strom- und Erdgasabrechnung auf Knopfdruck

"Einerseits haben wir die absolute Fachkompetenz und regionale Nähe der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung", führte er aus. Ein entscheidender Vorteil gegenüber dem britischen Octopus und dem skandinavischen Tibber.

"Andererseits haben wir die eingefahrene IT-Strukturen mit einem cloudbasierten Abrechnungsmodell bei der Stadtenergie geändert. Damit können wir heute in Echtzeit Produkte ändern. Die Kunden bekommen auf einen Knopfdruck Strom- und Erdgasabrechnung zusammen und können diese per Paypal begleichen. Alles geht einfach und schnell."

"Freuen uns auf neue Wettbewerber"

Beeindruckt haben die neuen Player die alten Hasen der deutschen Energiebranche durchaus. Angst vor ihnen habe er aber nicht, sagte E-wie-Einfach-Mann Lennertz. "Im Gegenteil. Wir freuen uns auf neue Wettbewerber. Ich glaube sogar, dass wir uns gegenseitig befruchten."

Befeuert durch neue Player würden auch in Deutschland schwer verständliche Kundenrechnungen bald der Vergangenheit angehören, würden auch zusätzliche Kundenanreize etwa durch Kooperationen mit Erotikhändlern wie Eis oder mit Streamingdiensten wie Netflix an Bedeutung gewinnen. "Wichtig ist, Energie nahbar, persönlich und sexy zu machen", sagte Lennertz. Da klang er schon fast so wie einer der Neuen, die die deutsche Energiebranche aufmischen wollen. (ab)

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