"Wir gehen davon aus, dass am 6. Juni zahlreiche Lieferantenwechsel schlichtweg nicht durchlaufen werden. Da der alte und der neue Prozess nicht kompatibel sind, gibt es momentan auch keinen Plan B oder ein Fall-Back-Szenario", heißt es beim Edna Bundesverband Energiemarkt & Kommunikation.

"Wir gehen davon aus, dass am 6. Juni zahlreiche Lieferantenwechsel schlichtweg nicht durchlaufen werden. Da der alte und der neue Prozess nicht kompatibel sind, gibt es momentan auch keinen Plan B oder ein Fall-Back-Szenario", heißt es beim Edna Bundesverband Energiemarkt & Kommunikation.

Bild: © EFA/AdobeStock

Von Stephanie Gust

Selten waren sich die unterschiedlichen Akteure in der Energiewirtschaft so einig: Der Lieferantenwechsel binnen 24 Stunden ist ein großes Ärgernis. Was ist an diesem Pfingstwochenende zu erwarten und wie ist der aktuelle Stand?

Hintergrund

LFW24

Der 24-Stunden-Lieferantenwechsel geht auf die nationale Umsetzung der EU-Richtlinie 2019/944 über den Elektrizitätsbinnenmarkt zurück. Ziel der Richtlinie ist es, den Wettbewerb zu stärken und den Strommarkt verbraucherfreundlicher zu gestalten. In Deutschland erfolgte die rechtliche Verankerung durch eine Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG): Ab dem 1. Januar 2026 muss der Lieferantenwechsel technisch innerhalb von 24 Stunden und an jedem Werktag möglich sein. Deutschland hatte es allerdings eiliger: Ursprünglich hatte die Bundesnetzagentur die Umsetzung bereits für den 4. April 2025 vorgesehen. Nach Protesten aus der Branche wurde der Starttermin auf den 6. Juni verschoben.

So ist die Lage bei den IT-Dienstleistern

"Technisch ist der neue Prozess bei den meisten Kunden der Mitgliedsunternehmen des Edna Bundesverbands Energiemarkt & Kommunikation (EDNA) implementiert", sagt Thomas Elbe von der Kraftwerk Software Gruppe und Leiter der EDNA-Projektgruppe LFW24. Das heißt, die Kunden sind im Prinzip startbereit. "Es gab auch schon zahlreiche Tests zwischen den Mitgliedern der EDNA-Projektgruppe LFW24, bei denen der Austausch funktionierte. Allerdings waren die Tests aus Zeitgründen bei weitem nicht ausreichend, zumal noch Ende Mai Änderungen beim Signaturprozess erfolgt sind, die nicht mehr getestet werden konnten."

Ist ein reibungsloser Prozessbeginn zu erwarten?

"Der Start am 6. Juni wird ganz sicher nicht reibungslos über die Bühne gehen", so Elbe. Denn es gebe zahlreiche Fallstricke, bei denen man noch gar nicht abschätzen können, wie sie sich auswirken. Beispielsweise die MaLo-Identifikation. "Hier gehen unsere Mitgliedsunternehmen mehrheitlich davon aus, dass sie funktionieren wird. Aber ob das durchgängig und bei allen beteiligten Marktrollen der Fall sein wird, können wir nicht abschätzen. Noch mehr gilt das für die Hintergrundprozesse, wie etwa bei den Stammdaten, wo viele Unternehmen noch erhebliche Bedenken haben. Und die fachliche Anbindung der ERP-Systeme konnte bisher nur in Einzelfällen getestet werden."

Was passiert, wenn der LFW24 nicht auf Anhieb klappt?

"An diesem Tag werden sicherlich viele Unternehmen gezwungen sein, manuell nachzuarbeiten. Wir wissen, dass sich viele Lieferanten darauf vorbereitet und Call-Center-Kapazitäten gemietet haben, um im Notfall fehlende MaLos telefonisch beim Netzbetreiber nachzufragen", gibt Elbe Einblicke. "Wir gehen davon aus, dass am 6. Juni zahlreiche Lieferantenwechsel schlichtweg nicht durchlaufen werden. Da der alte und der neue Prozess nicht kompatibel sind, gibt es momentan auch keinen Plan B oder ein Fall-Back-Szenario."

Zum Glück ist langes Pfingstwochenende …

Dass schon der 7. Juni ein "GPKE-Feiertag" sei, das sei sicher positiv, so Elbe. "Denn damit haben wir ein langes Wochenende, um die lösbaren Probleme und Fehler beseitigen zu können. Bei den meisten Software-Anbietern werden deswegen an diesem Wochenende sicher alle an Deck sein. Wir gehen aber davon aus, dass es danach noch einige Zeit braucht, bis der Prozess reibungslos durchläuft."

So ist die Lage bei den Energieversorgern

Die ZfK hat am 5. Juni bei einigen Stadtwerken und Energieversorgern nach dem aktuellen Stand ihrer Systeme und ihren jeweiligen Herausforderungen nachgefragt. Geantwortet haben die Städtischen Werke Kassel, EAM, Entega, Badenova, die Mainova,die Stadtwerke München, die Stadtwerke Jena, die Stadtwerke Kaiserslautern,N-Ergie, Enercity, die Lechwerke und Sachsenenergie.

Die Städtischen Werke Kassel sind startklar. Aber durch die Umstellung der IT-Systeme könne es bei Wechseln zu kürzeren Verzögerungen kommen. Die Umsetzung war herausfordernd, anspruchsvoll und zeitaufwändig. Die Kollegen haben im Hintergrund innerhalb kurzer Zeit ein extremes Arbeitspensum gestemmt. In Kassel ist man zuversichtlich, dass die Prozesse wie geplant laufen, aber es werde in der Bearbeitung auch zu Verzögerungen kommen.

Implementierung der MaLo-ID herausfordernd

Die EAM aus Kassel hat sich ebenfalls intensiv auf die neue Regelung vorbereitet und ist noch dabei, die Prozesse entsprechend anzupassen. Die größte Herausforderung bestehe darin, die technischen Abläufe mit den Netzbetreibern und anderen Marktteilnehmern zu synchronisieren, um einen reibungslosen Wechsel innerhalb von 24 Stunden zu gewährleisten. "Besonders die Implementierung der Marktlokations-Identifikationsnummer (MaLo-ID) als zentrale Kennung für den Wechselprozess ist eine bedeutende Umstellung." Auch bei der EAM erwartet man eine erhöhte Arbeitsbelastung vor allem in den ersten Tagen nach der Einführung. Einige Versorger gehen sogar davon aus, dass die Stabilisierungsphase mehrere Monate in Anspruch nehmen kann.

Kommunikative Herausfoderungen

Bei der Badenova arbeitet man ebenfalls seit Monaten fleißig an der technischen Implementierung und bis zuletzt laufen noch Tests. "Der morgige Tag wird nochmal ein Kraftakt für alle Beteiligten", heißt es aus Freiburg. Neben den umfangreichen technischen Umstellungen werde es auch zu kommunikativen Herausforderungen kommen: "Die Kundinnen und Kunden sind es von uns gewohnt, dass wir kulant sein dürfen, wenn im Umzugsstress mal eine Umzugsmeldung ein paar Tage zu spät eintrifft. Dieser Ermessensspielraum und die Handlungsflexibilität wurden uns durch die zukünftig starren Fristenregelungen zu An- und Abmeldungen beim Strom nun genommen. Dass die Fristen und Regelungen für Erdgas unverändert bleiben, sorgt dafür, dass es nun zwei unterschiedliche Vorgehensweisen in An- und Abmeldungen gibt. Das ist für Kundinnen und Kunden schwer nachvollziehbar."

Späte Lieferung von SAP S/4

Die Stadtwerke München haben nach eigenen Angaben alle Vorkehrungen getroffen, um mit dem möglichst besten Ergebnis in den LW24h zu starten. Herausfordernd sei jedoch die späte Auslieferung von SAP S/4 durch SAP und damit der späte Testbeginn gewesen. "Die Verschiebung vom 1. April auf den 6. Juni war deshalb nur bedingt nutzbar", so die Münchner. In der bayerischen Landeshauptstadt geht man davon aus, dass der Markt ab 10. Juni erst einmal verhalten mit der Ausführung der neuen Prozesse starten wird. 

Die SWM wollen es ebenfalls langsam angehen. Das Pfingstwochenende bedeute für die Kolleginnen und Kollegen Mehrarbeit. Zudem sei der Mai von hohem Aufwand und Ressourceneinsatz geprägt gewesen. Dazu habe auch Samstagsarbeit gehört, um entsprechende Testergebnisse zu erzielen. Und auch in den folgenden Wochen rechnen die SWM mit weiteren Mehraufwänden. Außerdem gehe man davon aus, dass aufgrund falscher Marktnachrichten anderer Marktpartner zusätzliche Aufwände entstehen.

Mehr als eine technische Umstellung

Die Stadtwerke Jena sind gut vorbereitet: Die technischen Systeme sind einsatzbereit, interne Abläufe wurden angepasst, und die Mitarbeitenden umfassend geschult. Der 24-Stunden-Lieferantenwechsel sei jedoch weit mehr als eine rein technische Umstellung – er betreffe die gesamte Infrastruktur, alle Marktpartner und nahezu jeden Bereich innerhalb der Stadtwerke.

"Die größte Herausforderung bestand darin, gewachsene Strukturen grundlegend zu verändern und gleichzeitig die Stabilität im laufenden Betrieb zu gewährleisten. Dazu zählten die fristgerechte Bereitstellung der IT-Systeme, die Migration bestehender Fälle in die neuen Prozesse sowie die enge Koordination mit externen Partnern."

Kein verlängertes Wochenende nötig in Jena

Ein langes Wochenende für die Mitarbeitenden ist in Jena übrigens nicht vorgesehen: Der 6. und 9. Juni 2025 gelten laut Branchenvorgaben (BDEW) als sogenannte "Fristenfeiertage". Das bedeutet: Es laufen keine offiziellen Fristen, sodass an diesen Tagen keine zusätzlichen personellen Einsätze notwendig sind. Außerdem bleiben viele der grundlegenden Abläufe – wie die automatische Erfassung und Weitergabe von Verbrauchsdaten – vom neuen Lieferantenwechsel unberührt", heißt es. 

Die eigentliche Umstellung auf die neuen Prozesse beginnt dann am Dienstag, dem 10. Juni. Hier halte man sich eng an die Empfehlungen des Branchenverbands BDEW und habe alles vorbereitet, um den Übergang reibungslos zu gestalten. Man gehe von einem technisch stabilen Start aus. Zugleich wissen die Stadtwerke: Erst der Echtbetrieb wird zeigen, wie belastbar die neuen Prozesse unter realen Bedingungen sind. Anfangs rechne man mit erhöhtem Abstimmungsbedarf und punktuellem Mehraufwand. Sowohl intern als auch im Zusammenspiel mit den Marktpartnern.

Herausforderung: Verständnis für Komplexität und Umfang der erforderlichen Änderungen

Die Entega ist insofern vorbereitet, als das sie Massenprozesse ausgeprägt hat. „Damit sind wir für den Großteil der Prozesse gut gerüstet. Die größten Herausforderungen lagen vor allem darin, das Verständnis bei den Beteiligten für die Komplexität und den Umfang der erforderlichen Änderungen – die ja nicht nur verkürzte Durchlaufzeit bedeuten –  zu entwickeln. Außerdem erforderte der vorgelagerte Prozess zur Identifikation der Marktlokations-ID, welcher auf einer neuen Technologie basiert, den Aufbau von neuem Know-how.“

Geplant sei, die Produktivstellung bis zum 6. Juni abzuschließen. Dann dürfen alle Kolleginnen und Kollegen in ihr wohlverdientes langes Wochenende. Ab Dienstag starte man dann vollumfänglich, da hier dann ein Großteil des Marktes mit der Marktkommunikation wieder beginnen wird. Erst dann könne man abschätzen, wie der Markt sich verhalte.

Nicht alle Systeme sind ready

Offene Worte gibt es von den Stadtwerken Kaiserslautern: „Die durch die EU beschlossene Vorgabe stellt uns – genau wie alle anderen Versorger – vor große Herausforderungen. Wirklich bereit für diese sind wir noch nicht.“

Die Stadtwerke Kaiserslautern arbeiten in verschiedenen Systemen. Bei Auslieferungen seitens SAP (S/4 MaCo Cloud) sei man besser aufgestellt, in den R3 Systemen, in denen nicht bereitgestellt wird, würden teilweise Lösungen fehlen. „Sofern Prozesse überhaupt vorhanden sind, bleibt nicht die Zeit, diese ausreichend zu testen. Das stellt für uns ein weiteres Risiko dar.“

Zum Start rechne man damit, dass wenige Prozess fehlerfrei funktionieren. Das bedeute viel Mehrarbeit und hohen Abstimmungsbedarf. Für die Kundinnen und Kunden komme es durch den deutlich erhöhten Aufwand zu spürbaren Verzögerungen. „Das wird zweifellos zu Unmut führen. Außerdem rechnen wir damit, dass die Kundenbetreuung intensiver wird. Denn wir müssen vermitteln, weshalb jetzt nicht mehr unbürokratisch rückwirkend an-, ab- oder umgemeldet werden kann.“

Austausch betrifft alle Marktpartner

Die N-Ergie verweist darauf, dass bei vielen betroffenen Prozessen der Austausch zwischen mehreren Marktpartnern stattfindet. "Das heißt, selbst wenn man die eigenen Prozesse abbilden kann, weiß man nicht, ob und wie es beim Gegenüber funktioniert", heißt es aus Nürnberg. Schon im Vorfeld habe man darauf hingewiesen, dass es aufgrund des knappen zeitlichen Rahmens bis zur Umsetzung zu Startschwierigkeiten kommen werde. 

Die Zeitschiene gelte als größter Kritikpunkt. Und weiter: "Die Ziele der Reform, den Markt zu modernisieren und zu vereinfachen unterstützen wir, doch die zeitliche Umsetzung war und ist zu knapp angesetzt für die damit verbundenen technischen Herausforderungen."

Mehr Personalaufwand als üblich und Infos für die Kunden auf der Website

Bei der Sachsenenergie ist man weitestgehend bereit für die Prozessumstellung, die gemeinsam mit den Softwaredienstleistern in den letzten Monaten unter großer Anstrengung und Aufwand umgesetzt wurde. Aktuell finden noch die letzten Abnahmetests statt. Auch hier verweist man darauf, dass der Prozess nur funktionieren kann, wenn alle Marktteilnehmer ready sind. Daher bewertet man dort als größte Herausforderung, dass die Prozessanpassungen bei jedem Marktteilnehmer bis zum 6. Juni abgeschlossen sein und reibungslos miteinander verzahnt funktionieren müssen, damit der Wechsel für die Kunden störungsfrei verläuft.

Wie die Prozessumstellung gelingt, wird sich erst in den Tagen danach und somit in den kommenden Wochen zeigen. Sachsenenergie geht davon aus, dass es bei der Übermittlung der Marktkommunikationsdaten zu Verzögerungen kommt und manuell nachgearbeitet werden muss. Auch aus den Erfahrungen vergangener komplexer Systemumstellungen mit vielen Akteuren gehen wir davon aus, dass es zu Einschränkungen in den Kundenserviceprozessen oder auch in den Wechselprozessen kommt. Daher stelle man sich in den kommenden Wochen auf einen höheren Personalaufwand ein. Für die Kunden habe man alle wichtigen Informationen auf der Website und im direkten Kontakt zur Verfügung gestellt.

Neue Zertifikate des BDEW als Herausforderung

Die Mainova arbeitet intensiv an der Umsetzung der neuen Vorgaben der Bundesnetzagentur, die den Umgang mit Lieferantenwechsel im Strombereich betreffen. In Frankfurt geht man davon aus, dass man wie vorgesehen fristgerecht mit den Lieferantenwechselprozessen produktiv gehen könne. Als größte Herausforderung wird dort aktuell das Ausstellen und die Implementation der neuen Zertifikate gemäß der erneuten Veröffentlichung des BDEW gesehen.

Zugleich geht die Mainova davon aus, dass es bei vielen Marktpartnern zu Einschränkungen kommen wird und in der Folge die 24-Stunden Frist zunächst nicht eingehalten werden kann.

Frühzeitig vorbereitet

Dass der Lieferantenwechsel in 24 Stunden ist ein branchenweiter Kraftakt sei, darauf weisen die Lechwerke hin. Auch hier musste man große Aufwände und Anstrengungen stemmen. "Wir haben uns frühzeitig auf die anstehenden Anpassungen eingestellt, Kapazitäten eingeplant und unsere Systeme und Prozesse so gut wie möglich auf die neuen Prozesse vorbereitet."

Bei Enercity aus Hannover heißt es derweil: "Die Systemumstellung läuft planmäßig und wird wenige Tage in Anspruch nehmen. Unabhängig von temporären Aufwänden für diese technische Umstellung bleiben Konditionen, Kündigungsfristen und Vertragslaufzeiten weiterhin bestehen."

Fazit

Die EAM aus Kassel gewinnt dem Prozess auch etwas Positives ab: "Die neue Regelung bringt sowohl Vorteile als auch Herausforderungen mit sich. Einerseits ermöglicht sie Verbrauchern einen schnelleren Wechsel, was den Wettbewerb fördert. Andererseits stellt die verkürzte Frist eine erhebliche Belastung für die technischen und administrativen Prozesse dar."

Die Stadtwerke München sehen die Änderung als notwendig an, um die Digitalisierungsziele zu erreichen. Den zeitlichen Umsetzungsdruck hinsichtlich des 6. Juni halte man aber für unnötig. Tatsächlich wäre nach den Vorgaben der EU die Umsetzung erst zum 1. Januar 2026 erforderlich (siehe auch Infokasten).

Die Stadtwerke Jena nennen den 24-Stunden-Lieferantenwechsel einen ambitionierten, aber konsequenten Schritt hin zu einem modernen, kundenorientierten Energiemarkt. "Aus Sicht der Verbraucherinnen und Verbraucher schafft er mehr Flexibilität und stärkt die Markttransparenz. Für die Unternehmen stellt die Umsetzung jedoch einen tiefgreifenden Eingriff in bestehende Prozesse dar – mit erheblichem technischem und organisatorischem Aufwand. Gleichzeitig verstehen wir den 24-Stunden-Lieferantenwechsel nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Chance: Er ermöglicht mehr Automatisierung, effizientere Abläufe und schafft die Grundlage für einen modernen, transparenten und kundenorientierten Service."

Ist der LFW24 überaupt nötig?

Scharfe Kritik an dem schnelleren Lieferantenwechsel hatte zuletzt Thüga-Chef Constantin Alsheimer auf Linkedn geäußert: "Energie, Zeit und Finanzmittel für dieses Thema wären an anderer Stelle viel besser aufgehoben." Er verweist darauf, dass Verbraucher diesen Schnellwechsel nicht aktiv gefordert haben. In anderen Branchen wie Mobilfunk gebe es keine solche Regulierung. Und last but not least, der enorme technische und personelle Aufwand führe zu steigenden Energiepreisen.

Die Badenova fragt sich zudem, was die Kunden von dem neuen Prozess haben: "Da es sich vor allem um eine rein technische Anpassung handelt – beschleunigte Fristen für die technische Abbildung eines Lieferantenwechsels–, die vertraglichen Kündigungsfristen jedoch davon unberührt bleiben, sehen wir keine unmittelbaren Vorteile für Kundinnen und Kunden in Laufzeit- oder Grundversorgungsverträgen mit entsprechender Kündigungsfrist." Der Wechsel erfolge technisch schneller im Hintergrund, aber es gibt keinen schnelleren Wechseltermin. Dieser hänge weiterhin von der vertraglich vereinbarten Kündigungsfrist ab.

Kundenkommunikation als Herausforderung

Die wesentliche Herausforderung sei die Umstellung bei An- und Abmeldungen im Rahmen eines Umzugs: Hier waren bislang Meldungen von bis zu sechs Wochen rückwirkend umsetzbar – wie bei Erdgas weiterhin. Die Badenova empfiehlt allen Kundinnen, Kunden und Verwaltungen, sich mindestens 14 Tage vor einem Umzug zu melden, damit der Versorger eine fristgemäße An- und Abmeldung vornehmen könne. Denn es gilt: Ein Vertrag besteht so lange für einen Nutzer, bis eine fristgerechte Abmeldung möglich ist. Bis dahin fallen auch Kosten an, die eventuell bereits ein anderer Nutzer verursacht. 

Bislang habe man viele dieser Situationen durch die sechswöchige Frist gänzlich vermeiden können. Diesen Kulanzspielraum gebe es hier per Gesetz nicht mehr. "Das ist nicht optimal für unsere User. Dass es für Kundinnen und Kunden notwendig wird, sich deutlich vor einem Umzug mit der Energieversorgung auseinanderzusetzen und rechtzeitig beim Versorger zu melden, ist herausfordernd – schließlich wissen wir, wie belastend und aufwändig ein Umzug an sich bereits ist."

Ein weiterer Versorger verweist darauf, dass, auch wenn das Thema jetzt an die Kunden kommuniziert werde, es fraglich sei, ob sich diese noch in einem halben Jahr an die neuen Regelungen erinnern. Denn ab Anfang Juni müssen Stromkunden Ein- und Auszüge im Voraus melden. Welche Herausforderungen sich dadurch ergeben, beleuchtet dieser Artikel: Aufwand für Kundensensibilisierung ist sehr hoch.

Zu hoher Aufwand – zu wenig Mehrwerte

Deutliche Kritik kommt auch von Sachsenenergie: Für diese komplexe Prozessumstellung habe man große Mengen Ressourcen binden müssen, die bei anderen, für die Energiewirtschaft sinnstiftenden und wichtigeren Projekten fehlten. "Der notwendige Aufwand ist nicht verhältnismäßig in Bezug auf den Nutzen und die Verbraucherfreundlichkeit für die Kundinnen und Kunden. Die nun geschaffenen unterschiedlichen Abwicklungsprozesse für die einzelnen Medien bringen den Verbrauchern keinen Mehrwert, sondern schaffen bürokratische Hürden und erschweren es, die Kundenbedürfnisse zufriedenstellend zu erfüllen."

Kritik gibt es auch aus Kaiserslautern: „Die Art der Umsetzung und der Zeitrahmen erzeugt aus unserer Sicht unnötigen Druck, viel Aufwand und hohe individuelle Kosten bei allen Versorgern. Was die Effizienz angeht, ist der 24h-Lieferantenwechsel wohl ein notwendiges Übel. Denn jede manuelle Prüfung muss nun überdacht werden. Das hätte man aus unserer Sicht auch besser regeln können. Ob wir damit unsere Kundenzufriedenheit steigern oder unsere Marktposition stärken bleibt derzeit fraglich.“

Kundennutzen bleibt ungewiss

Auch für die Kunden fehle jetzt Flexibilität und sie müssen zusätzlich die Konsequenzen bei verspäteter Meldung tragen. Das bedeute zum Beispiel: Meldet der Kunde den Einzug verspätet, wird er automatisch vom örtlichen Grundversorger beliefert – häufig zu höheren Konditionen als gewünscht. Außerdem könnte der Vormieter oder Vermieter für die Kosten der ersten Tage verantwortlich bleiben. Denn wird ein Auszug nicht fristgerecht gemeldet endet der Vertrag nicht automatisch mit dem Umzug. In diesem Fall bleibt der Kunde für den Verbrauch verantwortlich, auch wenn bereits jemand anderes dort wohnt.

Leise Kritik kommt von Entega: "Der Lieferantenwechsel innerhalb von 24 Stunden ist eine EU-Vorgabe und daher unumgänglich für uns. In seiner konkreten Ausprägung ist man sehr weit gegangen. Ob dem Kunden ein echter Nutzten daraus entsteht, bleibt abzuwarten."

Diplomatisch antwortet die Mainova: "Der 24-h-Lieferantenwechsel ist eine gesetzliche Anforderung, der wir selbstverständlich nachkommen. Inwiefern diese Vorgabe zu einem tatsächlichen Vorteil für Kunden führt, ist allerdings fraglich." Ein Nachteil für alle Beteiligten sei unter anderem der Entfall des rückwirkenden Lieferantenwechsels und für den Kundenservice die Herausforderung der kurzen Reaktionszeiten bei Klärungsbedarf.

Gegen Sanktionen für Energieversorger von Seiten der Bundesnetzagentur spricht sich übrigens die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe (DSAG) aus – zumindest wenn sie sich in dem Prozess engagiert haben. Vielmehr brauche es "strukturelle Klarheit und technische Sicherheit" für künftige Änderungen im Markt. Siehe dazu auch: Stadtwerke sehen massive Hürden beim 24-h-Lieferantenwechsel.

Übrigens: Im nächsten Jahr dürfte sich das Thema nochmals wiederholen – dann steht der 24-Stunden-Lieferantenwechsel für die Sparte Gas an.

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