Zu den Auswirkungen des MaBiS-Hubs: Marcel Linnemann von Items (links) und Dennis Stelzig von der Hochfrequenz Unternehmensberatung im Interview

Zu den Auswirkungen des MaBiS-Hubs: Marcel Linnemann von Items (links) und Dennis Stelzig von der Hochfrequenz Unternehmensberatung im Interview

Bild: © Items/Hochfrequenz

Der MaBiS-Hub ist ein von der Bundesnetzagentur (BNetzA) geplantes zentrales System zur Aggregation und Abrechnung bilanzierungsrelevanter Daten im deutschen Strommarkt. Ziel ist es, die bislang dezentralen und oft komplexen Prozesse der Bilanzkreisabrechnung durch eine zentrale, transparente und effizientere Plattform zu ersetzen. Die ZfK sprach über die konkreten Änderungen und Auswirkungen  mit Marcel Linnemann von Items und Dennis Stelzig  von der Hochfrequenz Unternehmensberatung.

Herr Linnemann, Herr Stelzig, die Bundesnetzagentur plant mit dem MaBiS-Hub einen grundlegenden Umbau zentraler Prozesse im Bilanzierungswesen. Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Merkmale dieser Neuausrichtung?

Marcel Linnemann: Der MaBiS-Hub steht für die vollständige Zentralisierung der Aggregations- und Abrechnungsprozesse bilanzierungsrelevanter Energiemengen. Die bisher überwiegend dezentral organisierte Bildung von Summenzeitreihen wird künftig über einen zentralen Datenhub realisiert, betrieben durch die Übertragungsnetzbetreiber. Die Marktkommunikation wird dadurch formal verschlankt. Inhaltlich verlagert sich die Verantwortung für Datenaggregation von den Verteilnetzbetreibern auf den Hub.

Dennis Stelzig: Im Kern bedeutet das: Netzbetreiber liefern die bilanzierungsrelevanten Stammdaten und erhalten daraus generierte Summenzeitreihen zurück. Die operative Aggregation der Messewerte im Rahmen der Bilanzierung – bislang eng mit der Bilanzierungsverantwortung der Verteilnetzbetreiber verknüpft – wird funktional entkoppelt. Dies stellt einen Paradigmenwechsel dar, mit direkten Auswirkungen auf Verantwortung, Kontrolle und IT-Architektur.

Grundlagen der Bilanzierung im MaBiS-Hub.Bild: © Items | Hochfrequenz

Die Abbildung oben beschreibt diesen Umbruch als "neue & alte Welt“. Was verdeutlicht diese Darstellung?

Linnemann: Sie zeigt sehr anschaulich die strukturelle Verschiebung: Während in der bisherigen Systematik Netzbetreiber aggregierte Zeitreihen selbst erzeugen und kontrollieren konnten, fungieren sie im neuen Modell als Datenempfänger mit stark eingeschränkten Möglichkeiten zur aktiven Nachvollziehbarkeit. Gleichzeitig verbleiben zentrale Verpflichtungen wie die Bilanzkreisverantwortung – insbesondere für den Differenzbilanzkreis – vollständig beim Netzbetreiber.

Stelzig: Die Verantwortung bleibt also, aber die Kontrollmöglichkeit wird reduziert. Dies erzeugt einen strukturellen Zielkonflikt. Insbesondere die Qualität und Nachvollziehbarkeit der Differenzzeitreihe wird eingeschränkt, da elementare Inputgrößen wie Einzelzeitreihen auf MeLo-/MaLo-Ebene überwiegend nicht mehr direkt verfügbar sind. Die Abbildung illustriert, wie sich aus dieser fehlenden Transparenz operative Unsicherheiten ergeben, die zum Teil über aufwändige Schattenbilanzierungen abgemildert werden können.

Welche konkreten Risiken sehen Sie für die Bewirtschaftung des Differenzbilanzkreises?

Stelzig: Die Differenzzeitreihe ist das zentrale Element für alle bilanziellen Unschärfen im Netzgebiet. Ihre Qualität hängt maßgeblich von Prognosegüte und Korrekturmechanismen ab. Wenn Netzbetreiber künftig nicht mehr prüfen können, ob Daten vollständig oder plausibel sind – etwa weil Einzelwerte fehlen, Messfehler nicht transparent sind beziehungsweise Ersatzwerte nicht annähernd die Realität abbilden –, verschlechtert sich die Steuerungsfähigkeit dieses Prozesses signifikant.

Linnemann: Hinzu kommt: Die Integration der Mehr-/Mindermengenabrechnung in eine rollierende Verarbeitung durch den Hub führt zu einer dynamischen Nachjustierung der Differenzzeitreihe. Das erschwert Ex-ante-Prognosen. Netzbetreiber müssen Mengen einkaufen, ohne zu wissen, wie sich diese rückwirkend verändern. Dies erhöht das Ausgleichsenergierisiko.

In der Praxis arbeiten viele Netzbetreiber heute schon mit Schattenbilanzierungen. Wird sich daran etwas ändern?

Linnemann: Im Gegenteil. Die Schattenbilanzierung wird wichtiger denn je. Ohne Zugriff auf detaillierte Einzelzeitreihen entsteht faktisch ein Blindflug bei der Qualitätssicherung. Netzbetreiber sind gezwungen, eigene Infrastrukturen für Datenspiegelungen vorzuhalten, um ihre kaufmännischen Pflichten abzusichern.

Stelzig: Das ist ökonomisch problematisch. Die zentrale Zielsetzung des Hubs lautet Effizienzsteigerung durch Zentralisierung. Tatsächlich kann die geplante Umsetzung zu doppelten Systemlandschaften führen – mit allen verbundenen Kosten und Risiken.

Welche Rückmeldungen aus der Branche wurden im Rahmen der Konsultation zur Datenqualität gegeben?

Stelzig: Die Netzbetreiber unterstützen das Ziel höherer Datenqualität explizit. Allerdings wird bezweifelt, dass dies durch eine zentrale Aggregation erreichbar ist. Datenqualität entsteht an der Quelle – das heißt in den Messprozessen vor Ort und in der fehlerfreien Marktkommunikation und damit verbundenen korrekten Stammdatenzuordnungen. Viele fordern deshalb verbindliche Qualitätsstandards, transparente SLAs und eine eindeutige Zuordnung von Verantwortlichkeiten bei Datenmängeln.

Linnemann: Das betrifft auch die Plausibilisierung und Ersatzwertbildung. Der Hub kann nur so gut sein wie die Eingangsdaten. Ohne Zugriff auf historische Verbrauchsmuster, technische Anlagenparameter oder lokale Störgrößen ist eine fehlerfreie Ersatzwertbildung kaum möglich. Netzbetreiber kennen die Netztopologie, die Messinfrastruktur und viele nicht standardisierte Berechnungsformeln – all das ist für valide Plausibilisierungen essenziell.

Die technische Integration des Hubs ist ein weiterer großer Baustein. Was bedeutet das für die IT?

Linnemann: Die Einführung des Hubs ersetzt keine bestehenden IT-Systeme – sie ergänzt sie. Verteilnetzbetreiber müssen weiterhin Systeme für Netzverluste, Berichtswesen, Prognosen und Netznutzungsabrechnung betreiben. Der Hub erzeugt zusätzliche Systemkomplexität und erfordert umfassende Schnittstellenanpassungen.

Stelzig: Besonders für kleinere Netzbetreiber stellt dies eine erhebliche Herausforderung dar. Sie verfügen oft nicht über die personellen Ressourcen, um gleichzeitig bestehende Systeme zu betreiben und eine vollständige Hub-Integration umzusetzen. Ohne gezielte Unterstützung droht die Zielverfehlung – technisch wie organisatorisch.

Welches Fazit ziehen Sie hinsichtlich des MaBiS-Hubs?

Stelzig: Der MaBiS-Hub stellt regulatorisch und technisch eine der tiefgreifendsten Reformen der letzten Jahre dar. Seine Zielsetzung ist nachvollziehbar, sein Design aber nicht frei von Zielkonflikten. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, Verantwortung und Informationshoheit in Einklang zu bringen.

Linnemann: Erfolgreich ist der MaBiS-Hub nur dann, wenn er mindestens dieselbe Datenqualität sicherstellt wie heute – idealerweise eine bessere. Dazu braucht es klare Verantwortlichkeiten, Zugang zu notwendigen Daten für alle betroffenen Marktakteure sowie belastbare technische Rahmenbedingungen.

Das Interview führte Stephanie Gust

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