KI hält auch in die ERP-Systeme Einzug. Bei SAP übernehmen inzwischen KI-Agenten Aufgaben. Was es damit auf sich hat, erklärt Alexander Neuhaus, Vice President Customer Advisory Energy & Healthcare.

KI hält auch in die ERP-Systeme Einzug. Bei SAP übernehmen inzwischen KI-Agenten Aufgaben. Was es damit auf sich hat, erklärt Alexander Neuhaus, Vice President Customer Advisory Energy & Healthcare.

Bild: © SAP

Die Umstellung auf SAP S/4HANA Utilities ist eines der zentralen IT-Großprojekte für Stadtwerke. Gleichzeitig steht die Branche unter steigendem regulatorischem Druck und muss sich mit neuen Technologien wie KI auseinandersetzen. Die ZfK hat mit Alexander Neuhaus, Vice President Customer Advisory Energy & Healthcare bei SAP, über den Stand der Migration, die Rückkehr der TAP auf SAP-Basis, sowie strategische Entwicklungen gesprochen.

Herr Neuhaus, wo steht die Branche aktuell bei der Migration auf SAP S/4HANA Utilities?

Die Mehrheit der SAP-Bestandskunden im Energiesektor hat sich bereits für die neue Technologie entschieden. Viele Projekte laufen, einige davon mit hoher Geschwindigkeit – wir haben erfolgreiche Migrationen in rund zwölf Monaten gesehen. Andere brauchen deutlich länger. Was sich klar zeigt: Die Branche befindet sich in einem technologischen Generationenwechsel, verbunden mit einem massiven Projektstau. Neben der IT-Transformation belasten auch regulatorische Anforderungen und neue Geschäftsmodelle wie etwa die Integration von Wärmepumpen oder netzdienlichen Anwendungen die Ressourcen vieler Unternehmen.

Wird der Umstieg bis zur Deadline Ende 2027 flächendeckend gelingen?

Das ist machbar – aber nicht ohne frühzeitige Planung. Wer auf externe Berater angewiesen ist, sollte sich ihre Kapazitäten rechtzeitig sichern. Denn das Zeitfenster ist enger, als es auf den ersten Blick wirkt. Wer den Umstieg bis Ende 2027 nicht schafft, riskiert, dass die Marktkommunikation ab 2028 nicht mehr durch SAP unterstützt wird. Bei künftigen Formatwechseln würde das schnell zum Problem.

Es gab Spekulationen, der Migrationszeitpunkt könne noch einmal verschoben werden. Ist das realistisch?

Technologisch sehen wir keinen Grund dafür. Unsere Lösung ist ausgereift. Das Kernprodukt SAP S/4HANA Utilities ist seit 2019 international in allen Marktrollen genutzt. Die Marktkommunikations-Cloud wurde 2019 zunächst für Messstellenbetreiber eingeführt und speziell für Deutschland entwickelt. Dass manche Projekte derzeit priorisiert oder umgeplant werden, liegt eher an der Projektlast – nicht an fehlender Reife der Systeme.

Gerüchte gibt es auch beim verschobenen 24-Stundenwechsel: So mancher munkelt, SAP war hier verantwortlich für die Verschiebung…

Nein. Die Bundesnetzagentur hatte aufgrund von Rückmeldungen des Markts den Zeitplan angepasst, weil die ursprüngliche Umsetzung – auch wegen später Anpassungen – als zu ambitioniert galt. Dieses Feedback kam branchenweit, nicht nur von SAP. Wir hatten unsere ursprünglichen Umsetzungspläne kommuniziert und mussten die Verschiebung genauso einplanen wie alle anderen. Aus unserer Sicht war die Entscheidung für mehr Qualität und Stabilität sinnvoll.

Die Thüga-Abrechnungsplattform (TAP) wird nun doch auf SAP-Basis umgesetzt. Wie herausfordernd war der Umstieg von Powercloud auf SAP?

Wir freuen uns natürlich, dass wir mit unserer Technologie überzeugen konnten. Die operative Umsetzung liegt bei TAP und Accenture – wir liefern die Technologie. Unser Beitrag war, die benötigten Systeme in Rekordzeit bereitzustellen. Der Wechsel ist aus unserer Sicht reibungslos verlaufen. Uns ist bewusst, welche Verantwortung damit verbunden ist, und wir begleiten die TAP mit den Thüga-Partnerunternehmen intensiv.

Ein dauerhaftes Ärgernis in der Branche sind auch die regulatorischen Anforderungen. Wie ist hier Ihre Position?

Die Geschwindigkeit und Komplexität der regulatorischen Änderungen ist eine große Herausforderung. Der Wunsch der Branche an die Politik ist klar: mehr Planbarkeit und weniger Komplexität. Die letzten Jahre waren durch Energiekrise, neue Anforderungen und IT-Umstellungen extrem fordernd. Eine gewisse Stabilität wäre nun hilfreich.

Stichwort künstliche Intelligenz – was plant SAP konkret in diesem Bereich?

SAP verfolgt mit "Business AI“ eine umfassende KI-Strategie. Unsere Systeme enthalten riesige Mengen strukturierter Geschäftsdaten über alle Wertschöpfungsketten hinweg – das ist ein ideales Umfeld für KI-Anwendungen. Wir setzen bei generativer KI nicht auf ein eigenes sogenanntes Large Language Modell, sondern arbeiten mit aktuell über 25 Large Language Modellen, jeweils passend zum Anwendungsfall, ideal eingebettet in den SAP-Kontext.

Wie sieht das aus – beispielsweise für Stadtwerke?

Neben einem Co-Piloten namens "Joule“, der die Interaktion mit SAP-Systemen per natürlicher Sprache ermöglicht und eingebetteten KI-Services, um beispielsweise eMails zu verfassen, arbeiten wir derzeit an sogenannten Agenten. Diese sind in der Lage, komplexe Geschäftsprozesse eigenständig zu bearbeiten – etwa Reklamationen oder Mahnfälle. Dabei agieren verschiedene Agenten untereinander, wie etwa Kundenservice, Rechnungswesen und Mahnwesen, um einen Fall komplett zu lösen. Die Verantwortung bleibt aber immer beim Menschen – wir sprechen hier von "Human in the Loop".

Wie meinen Sie das konkret, haben Sie hierzu ein Beispiel aus der Praxis?

Ein eingängiges Beispiel ist der Umgang mit Mahnungen im Kundenservice: Ein Kunde schreibt per E-Mail, dass er eine offene Rechnung nun beglichen habe. Ein denkbares Szenario für den Einsatz von KI-Agenten könnte künftig zum Beispiel sein: Der KI-Agent analysiert die Nachricht, prüft den Zahlungseingang im System und stellt fest, dass der Zahlungseingang noch nicht verbucht ist. Daraufhin koordiniert er sich mit dem Mahnwesen-Agenten, der die Mahnung gegebenenfalls automatisch für 24 Stunden zurückhält.

Am nächsten Tag überprüft der Agent erneut den Zahlungseingang. Ist dieser erfolgt, informiert der Kundenservice-Agent den Kunden mit einer passenden E-Mail. Falls nicht, wird die Mahnung automatisch wieder aktiviert. All das geschieht kontextbezogen, vernetzt und nachvollziehbar – ohne dass der Mitarbeitende jede Einzelaktion selbst anstoßen muss. Die finale Freigabe erfolgt durch den Sachbearbeitenden. "Human in the Loop" bleibt damit gewährleistet.

Mehr Details zu den neuesten Entwicklungen werden wir übrigens auch auf unserem SAP Sapphire Event am 26. Mai in Madrid präsentieren. Erste Testagenten sind bei uns schon im Einsatz, etwa im Kundenservice oder Mahnwesen. Zudem sind energiewirtschaftliche KI-Services unter anderem in der Marktkommunikation verfügbar.

Ein weiteres spannendes Thema ist Low-Code/No-Code. Wie bewerten Sie hier Einsatzpotenziale in der Versorgungswirtschaft?

Wir sehen hier großes Potenzial, um Fachabteilungen in die Lage zu versetzen, Prozesse selbst zu gestalten – ohne tiefgreifende Programmierkenntnisse. In Verbindung mit Process Mining und automatisierter Umsetzung von Prozessmodellen kann das erhebliche Effizienzgewinne bringen. Gerade bei Ressourcenengpässen und hoher Änderungsdynamik ist das ein entscheidender Hebel.

Fachbereiche können Prozesse visuell modellieren – also per Drag-and-Drop gestalten – und diese dann direkt ins SAP-Prozesse überführen. Das reduziert Programmieraufwand und beschleunigt Änderungen erheblich. Besonders in dynamischen Umfeldern wie der Energiewirtschaft, wo sich Abläufe häufig ändern, kann das helfen, die Time-to-Market zu verkürzen und Ressourcen zu entlasten.

Stichwort Datenschutz und Datensouveränität: Wie handhabt SAP das Thema – gerade im Vergleich zu US-Cloud-Anbietern?

Viele unserer Kunden in der Energiewirtschaft nutzen Rechenzentren großer Hyperscaler in Deutschland oder Europa. Wer mehr Datensouveränität wünscht, kann unsere SAP-eigenen Rechenzentren nutzen. Für besonders sensible Anwendungen bieten wir souveräne Cloud-Angebote, wie sie etwa von Behörden oder sicherheitskritischen Infrastrukturen genutzt werden. Hintergrund ist der US Cloud Act: Selbst wenn Rechenzentren in Deutschland stehen, können US-Unternehmen im Zweifel zur Datenweitergabe verpflichtet werden. Diese Problematik umgehen unsere eigenen Angebote.

Die letzte Frage: Was plant SAP in den nächsten Jahren – insbesondere im Energieumfeld?

Unsere Strategie basiert auf zwei Säulen: "Suite First" und "AI First“. Wir wollen unseren Kunden ein nahtlos integriertes Produktportfolio bieten – über Finanzen, Abrechnung, Kundenservice, Asset Management, Einkauf bis hin zu Human Ressources (HR) in allen energiewirtschaftlichen Wertschöpfungsstufen. Parallel integrieren wir KI in alle Prozesse. Dabei investieren wir Milliardenbeträge. Ein besonderer Fokus liegt auch auf der Datenbasis – etwa durch die neue Business Data Cloud, die SAP- und Non-SAP-Daten intelligent verknüpft.

Das Interview führte Stephanie Gust

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