Der operative Betrieb der Innolab Energy dient als reale Testumgebung für KI-Anwendungsfälle – unter den geltenden Markt- und Regulierungsbedingungen.

Der operative Betrieb der Innolab Energy dient als reale Testumgebung für KI-Anwendungsfälle – unter den geltenden Markt- und Regulierungsbedingungen.

Bild: © Lee/AdobeStock

Was passiert, wenn ein Energieversorger von Beginn an konsequent auf Automatisierung ausgelegt wird? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Creomnia GmbH. Statt ihre cloudbasierte Software in langwierigen Pilotprojekten zu erproben, haben die Gründer einen eigenen Stromlieferanten aufgebaut: die "innolab.energy". Der operative Betrieb dient als reale Testumgebung – unter den geltenden Markt- und Regulierungsbedingungen. Die Innolab Energy GmbH ist dabei aktuell in den Marktrollen Lieferant und Bilanzkreisverantwortlicher aktiv. 

Belieferung von Kunden ist ab dem 1. März 2026 vorgesehen

"Wir wollten kein KI-Labor bauen, sondern einen echten Energieversorger im Markt", sagt Geschäftsführer Andreas Neufeld. Der eigene Lieferant sei bewusst gewählt worden, um zu zeigen, "was im Alltag eines Energieversorgers tatsächlich funktioniert – und was nicht".

Hinter dem Ansatz stehen zwei Branchenkenner mit unterschiedlichen, sich ergänzenden Hintergründen. Neufeld, auch zertifizierter EEX-Börsenhändler, verfügt über langjährige Erfahrung in der Beratung und Prüfung von Unternehmen der Energiewirtschaft. CTO Sebastian Spiecker bringt neben seiner Beratungserfahrung im energiewirtschaftlichen Umfeld insbesondere seine Expertise aus der Entwicklung skalierbarer Softwarelösungen ein, unter anderem aus dem Umfeld der Elektromobilität.

Fokus auf standardisierte Abläufe

Der Ansatz richtet sich zunächst auf das Massengeschäft. "Wir konzentrieren uns bewusst auf die Standardfälle", erläutert Neufeld. Gemeint sind vor allem Haushaltskunden mit wiederkehrenden, gut strukturierbaren Abläufen. Individuelle Sonderkonstellationen oder komplexe Tarifmodelle spielen in der aktuellen Phase noch keine Rolle.

Automatisiert werden vor allem kundennahe Prozesse wie Telefonie, Chat und E-Mail. Auch die Marktkommunikation wird systemseitig mit selbstentwickelten Softwarelösungen abgebildet. 

"Die Nachrichten entstehen bei uns", sagt Neufeld. Der Versand erfolgt über eine eigene AS4-Instanz auf Basis des Creomnia-Moduls AS4. Teilfunktionen, die die Abrechnung betreffen, sind in der selbst entwickelten Cloud-Lösung abgebildet, während zentrale Bereiche wie Finanzbuchhaltung und Hauptbuch außerhalb der Plattform verbleiben.

Die Plattform bildet zentrale Abläufe im Rahmen der Marktrolle Lieferant end-to-end ab – von der Kundenkommunikation über die Marktprozesse, die Ermittlung der Prognose für die Beschaffung, die Validierung der Bilanzkreisabrechnung sowie Mehr- und Mindermengen bis hin zu abrechnungsnahen Funktionen – und ist darauf ausgelegt, schrittweise erweitert zu werden.

Kein ERP-Ersatz, sondern Automatisierung

Creomnia versteht den Ansatz ausdrücklich nicht als Ersatz bestehender ERP-Systeme, sondern bedient sich der "Grüne Wiese"-Methode, um bestehende Strukturen und Systemzwänge aufzubrechen. "Wir ersetzen kein ERP", betont Neufeld. Ziel sei es vielmehr, einen konsequent KI-basierten Ansatz umzusetzen. Automatisiert werde alles, was in vielen Versorgungsunternehmen einen hohen manuellen Aufwand verursacht – vor allem im Kundenservice und bei Lieferantenwechseln. Neufeld: "Die Philosophie dahinter ist: Mitarbeiter sollen Entscheidungen treffen und nicht das System mit Eingaben füttern."

Der aktuelle Entwicklungsstand ist dabei bewusst auf einen stabilen Funktionskern fokussiert. CTO Spiecker beschreibt den Ansatz als Werkstück, das im laufenden Betrieb weiterentwickelt wird.

Auch Neufeld betont den schrittweisen Ansatz. "Wir konzentrieren uns darauf, die zentralen Abläufe sauber und zuverlässig abzubilden." Erweiterungen wie dynamische Tarife oder komplexere Handelsfunktionen seien konzeptionell angelegt, stünden derzeit jedoch nicht im Mittelpunkt der aktuellen Phase.

Spiecker unterstreicht, dass es dabei nicht um maximale Funktionsbreite gehe. "Uns geht es nicht darum, möglichst viele Funktionen abzubilden, sondern stabile, wiederkehrende Prozesse." Die Trennung von Prozesslogik und Bedienoberfläche sei Voraussetzung dafür, Abläufe unabhängig von der Unternehmensgröße effizient zu organisieren.

Perspektive für Stadtwerke

Der Ansatz richtet sich an Stadtwerke, die ihre bestehenden Lieferantenprozesse stärker automatisieren wollen, ohne ihre Marktrolle oder Systemlandschaft grundlegend zu verändern. Im Mittelpunkt steht eine Plattform, die standardisierte Abläufe unterstützt und sich schrittweise in vorhandene Strukturen integrieren lässt.

Der modulare Plattformansatz zielt auch darauf ab, Größennachteile im Tagesgeschäft abzufedern. Standardisierte und automatisierte Prozesse könnten es insbesondere kleineren Stadtwerken ermöglichen, eine vergleichbare Prozessqualität im operativen Betrieb zu erreichen – ohne die Strukturen eines Großversorgers vorhalten zu müssen. 

Aktuell nutzt Creomnia die Plattform mit fünf Pilotkunden im Privatkundensegment; zudem läuft bereits die Testkommunikation mit Verteilnetzbetreibern. Parallel dazu führt das Unternehmen Gespräche mit Stadtwerken in der Marktrolle Lieferant, um perspektivisch testweise einige tausend Kunden operativ abzubilden.

Im Umfeld der E-World energy & water soll der Ansatz nun mit dem Fachpublikum diskutiert werden. Die Messe dient dabei weniger als Produktshowcase, sondern als Resonanzraum, um mit Stadtwerken über Einsatzmöglichkeiten, Grenzen und Weiterentwicklungen der Plattform zu sprechen.

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