"Messwesen ist mehr als ein Nerdthema" - unter diesem Titel rief die privat gegründete Initiative Simplify-Smart-Metering von vier Branchenexperten dazu auf, das Messwesen zu vereinfachen. Im Mittelpunkt der Forderung steht die Einführung einer smarten modernen Messeinrichtung, welche den Rollout beschleunigen soll. Seit der Gründung der Initiative Anfang September ist aus der privaten Fachexperteninitiative eine Unternehmensallianz geworden, die nun Anfang Oktober ihre Positionen und Vorschläge offiziell beim BMWK eingereicht hat. Die ZfK hat daher beim Mitgründer Marcel Linnemann nachgefragt.
Herr Linnermann, was ist seit dem Start passiert?
Linnermann: Der Aufruf bei Linkedin mit unserem ersten Positionspapier war aus unserer Sicht wirklich ein Initialzünder. Die Resonanz auf das erste Papier war von vielen Seiten positiv, vor allem unter dem Blickwinkel, dass unsere Initiative nicht nur versucht den aktuellen Rollout zu kritisieren, sondern konkrete umsetzbare Lösungsvorschläge geben möchte. Wir haben zum damaligen Zeitpunkt das erste Positionspapier primär als Aufruf verstanden, um zu prüfen, wer sich unserer Initiative anschließen möchte, immer aber mit dem Ziel ein zweites Positionspapier zu veröffentlichen, das tiefer auf die Lösung einer smarten modernen Messeinrichtung eingehen sollte. Auch wollten wir der operativen Basis eine Stimme verleihen. Beide Papiere sollten dann, wie vor kurzem geschehen an das BMWK mit den Logos der Unterstützer versandt werden.
Obwohl die Initiative erst wenige Wochen existiert, haben sich mittlerweile mehr als 30 Unternehmen bzw. Verbände angeschlossen. Mit Blick auf die kurze Zeit aus unserer Sicht ein gutes Ergebnis, nicht zuletzt deshalb, weil der gesamte Querschnitt im Metering-Umfeld vertreten ist vom großen, wie kleinen Stadtwerk, IT-Dienstleister, Zählerhersteller oder Smart-Meter-Gateway-Administratoren. Parallel dazu haben wir mit der Ressonanz aus dem Markt den Expertenkreis erweitert, um zusätzlich einen breiteren Blick auf das Thema der smarten modernen Messeinrichtungen zu bekommen.
Was waren die Beweggründe der Unterstützer die Initiative zu unterstützen?
Ich glaube pauschal kann man dies gar nicht sagen. Bei einem so weiten Unterstützerkreis sind die Interessen meist vielfältig. Am Ende dürfte aber einer der Hauptgründe gewesen sein, dass alle Beteiligten eine Win-Win-Situation in einer smarten modernen Messeinrichtungen gesehen haben. Ein Statement, das die Motivation der Unterstützer Initiative recht gut widerspiegelt, kam aus Braunschweig von BS|Netz Geschäftsführer Jan Gasten: "Die Ergänzung der bislang im Strombereich eingesetzten Smart Meter Technologie um smarte moderne Messeinrichtungen bringen Vorteile für alle Beteiligten: Die Kunden profitieren von einem schnellen und pragmatischen Vorgehen, die Verteilnetzbetreiber von einer weniger komplexen und damit schneller umzusetzenden Lösung. Die zügigere Umsetzung der Digitalisierung der Energiewende zahlt wesentlich auf das Erreichen unserer Klimaziele ein - darin sehe ich wiederum einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen.“
Zustimmung gab es auch unter anderem vom Geschäftsführer der Stadtwerke Haßfurt Norbert Zösch, der es als dringend Notwendig erachtet, das Messwesen schneller zu digitalisieren und zu vereinfachen, um allen Kunden dynamische Tarife frühzeitig anbieten zu können. "Smarte Messeinrichtungen sind der Schlüssel, um den steigenden Anforderungen des modernen Energiemarktes gerecht zu werden. Sie ermöglichen es, Verbrauchsdaten effizient zu erfassen und flexible Tarife auf Basis dieser Daten anzubieten. Dies schafft nicht nur Transparenz und Kontrolle für die Kunden, sondern fördert auch eine bessere Integration erneuerbarer Energien und optimiert die Netzstabilität. Eine beschleunigte Digitalisierung ist daher entscheidend, um diesen Mehrwert für alle Beteiligten zu realisieren.“
Welche Resonanz ist Ihnen als Initiative begegnet? Sicherlich gab es auch kritische Stimmen, welche Ihnen begegnet sind? Was waren Gründe, warum sich bestimmte Unternehmen der Initiative nicht angeschlossen haben?
Natürlich war die Resonanz nicht nur positiv, das ist bei solch einer Initiative klar. Das Klassikerthema der IT-Sicherheit und das Gateway als sicherer Eingangskanal ist uns natürlich auch begegnet, wobei wir hier mehrere Punkte betrachten müssen. Wenn es rein um die Erhebung von Verbrauchswerten zu Abrechnungszwecken geht, sollte das Sicherheitsniveau aus den Bereichen Wasser- und Wärme ausreichen. Bei Steuerungsaufgaben bleibt das intelligente Messsystem weiterhin erste Wahl. Die smarte moderne Messeinrichtung soll das intelligente Messsystem ja nicht ersetzen, sondern den Werkzeugkasten des Messstellenbetreibers ergänzen. Gerne verweise ich hier auch auf das Positionspapier der Smart-Meter-Initiative und des Verbands bne, das auch die Thematik aufgreifen.
Kritische Anmerkungen gab es auch hinsichtlich der Furcht einer Verzögerung des Rollouts, wenn eine neue Debatte um eine smarte moderne Messeinrichtungen geführt werden würde. Hier sehen wir in der Initiative allerdings weniger ein Problem, da der Rollout für uns nicht in Frage steht und uns noch über Jahre begleiten wird. Nach Rücksprache mit Zählerherstellern, könnte man bereits zeitnah eine Lösung präsentieren, sofern diese rechtlich zulässig ist. Auch ist die smarte moderne Messeinrichtung nur eine Kann-, keine Muss-Option. Wer einen Rollout nur mit intelligenten Messsystemen durchführen möchte, kann dies weiter so handhaben.
Ein primäres Problem bei uns war allerdings der Faktor Zeit. Oft mussten die Unternehmen sehr kurzfristig entscheiden, die Initiative zu unterstützen. Gerade hier kam oft das Feedback nicht in dieser Geschwindigkeit eine finale Zusage geben zu können. Insgesamt sind wir sehr froh, insbesondere auch über kritisches Feedback aus dem Kreis der Betroffenen. Es hat uns gezeigt, worauf wir im zweiten Positionspapier stärker eingehen müssen und wo weiterhin Hürden gesehen werden. Das hilft uns allen, um Lösungen entwerfen zu können.
Wovon sind Sie während der Entwicklung der Initiative überrascht worden?
Vermutlich von sehr vielen Themen, aber von zweien doch ganz elementar: Ersteres war das Echo und die Reichweite auf den Vorschlag einer smarten moderne Messeinrichtung größer als erwartet. Man muss sich ja auch vor Augen führen, dass wir das Thema ohne einen Verband, sondern nur mit unserem Netzwerk initiiert haben. Am meisten hat uns aber überrascht, dass es immer noch zahlreiche Anfragen zu unserer Initiative gibt, obwohl wir die finalen Positionspapiere schon eingereicht haben. Dies zeigt uns, dass das Thema „Simplifizierung des Messwesens“ die ganze Branche beschäftigt. Auf welche Weise die Initiative weiterwirken wird, befindet sich derzeit noch in der Diskussion. Wir es finden sehr schade, dass das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und das Bundeswirtschaftsministerium den Ansatz nicht aufgreift und weiter alle Messsysteme über das Gateway übertragen werden sollen. Für uns ist die Haltung das Festhalten eines Status Quo die den Rollout vermutlich nicht beschleunigen wird, genauso wie die Debatte PV-Anlagen ab zwei Kilowattstunden steuern zu wollen. Genau dieser Beschluss kann auch als Treiber für eine smarte moderne Messeinrichtung gesehn werden kann.
Könnten Sie das genauer erläutern?
PV-Anlagen ab zwei Kilowattstunden sollen keine Vergütung mehr bei negativen Strompreisen erhalten. Dafür müsste ich die Anlage entweder abregeln oder wenn sie einspeist die Einspeisemenge erfassen. Da es vermutlich in 2025 noch zu Engpässen bei Steuerungstechnik kommen kann und teilweise die IT-Systeme noch fit gemacht werden müssen, wäre eine smarte moderne Messeinrichtung auch hier eine Brückenlösung. Denn aktuell bauen sogar einzelne Netzbetreiber die Gateways wieder aus, wenn nachträglich eine PV-Anlage kommt. Sollte es also noch zu einer größeren Messstellenbetriebs-Novelle kommen, werden wir prüfen, weitere Lösungsvorschläge zu unterbreiten.
Das Interview führte Stephanie Gust



