Am 4. September startet in Wuppertal die CIVI/CON, der Fachkongress zur digitalen Daseinsvorsorge. Im Gespräch erklären Markus Hilkenbach, Vorstandsvorsitzender von Civitas Connect sowie Vorsitzender der Geschäftsführung der Wuppertaler Stadtwerke, und Ralf Leufkes, Geschäftsleiter des Vereins, warum Städte und Stadtwerke die Digitalisierung nur gemeinsam erfolgreich gestalten können.
Herr Leufkes, am 4. September öffnet die CIVI/CON, der Kongress zur digitalen Daseinsvorsorge für die kommunale Fachwelt wieder seine Türen in der Historischen Stadthalle am Johannisberg in Wuppertal. Was können die Besucher auf der diesjährigen CIVI/CON erwarten?
Leufkes: Die Besucherinnen und Besucher erwartet auf der diesjährigen CIVI/CON ein hochkarätiges Programm rund um das Schwerpunktthema "Digitale Souveränität in Kommunen". Wir wollen gemeinsam mit Gästen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Praxis beleuchten, was digitale Souveränität auf kommunaler Ebene konkret bedeutet und wie Bund, Länder und Kommunen dazu beitragen können, Daten, Infrastrukturen und Technologien sicher und souverän zu nutzen.
Dazu haben wir eine Reihe spannender Expertinnen und Experten eingeladen – von Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales, über Ulf Buermeyer, bekannt aus dem Politik-Podcast Lage der Nation, bis hin zu Eileen O’Sullivan, Digitaldezernentin der Stadt Frankfurt. Hinzu kommen Vertreterinnen und Vertreter aus der Kommunalwirtschaft, der Open-Source-Szene, aus Beratungsunternehmen und der Wissenschaft.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können sich auf praxisnahe Workshops, inspirierende Keynotes und lebhafte Diskussionen freuen. Gleichzeitig ist die CIVI/CON der Ort, um sich mit Kolleginnen und Kollegen aus der kommunalen Familie zu vernetzen, neue Impulse mitzunehmen und ganz konkrete Ideen für die eigene Arbeit zu entwickeln.
Wer ist denn die Zielgruppe von Civitas Connect e. V., die Städte oder die kommunalen Unternehmen?
Leufkes: Wir haben bewusst von Anfang an gesagt, wenn wir über digitale Daseinsvorsorge sprechen, dann müssen wir den gesamtkommunalen Kontext sehen. Das ist dann der Versorger gemeinsam mit der Stadt. Gleichzeitig haben beide, wenn sie das Thema Smart City zusammen angehen, sehr viel mehr Mittel und Ressourcen zur Verfügung. Bei all den Herausforderungen, mit denen alle kommunalen Unternehmen und auch die Kommunen kämpfen müssen, hilft es, wenn man das Unterfangen Smart City nicht allein stemmen muss, sondern in einem klaren und funktionierendem kommunalen Innenverhältnis arbeiten kann.
Hilkenbach: Dort, wo man vertrauensvoll zusammenarbeitet, klappt es oft auch schneller und besser. Deswegen haben wir auch im Verein die Haltung, dass Städte und Stadtwerke beziehungsweise die kommunalen Unternehmen in Summe gemeinsam Mitglieder bei uns sein sollten und damit auch gemeinsam in den Erfahrungsaustausch gehen. Denn wenn wir von digitaler Daseinsvorsorge sprechen, geht es ja sehr stark um Infrastrukturen. Es geht auch darum, die Sektoren-Verknüpfung hinzubekommen, also im Bereich Mobilität, Wärmeplanung, Tiefbaumaßnahmen, aber auch bei der Abfallentsorgung. Wir versuchen diese Themen nicht mehr isoliert voneinander zu betrachten und überlegen, was wir in der Umsetzung gemeinsam verbessern können.
Wie läuft das bei Civitas Connect e. V. ab?
Leufkes: Gerade im ersten Schritt geht es immer darum, Erfahrung, die schon bei einigen Mitgliedern unseres Vereins vorhanden sind, so aufzubereiten, dass sie für die anderen nutzbar sind. Bei der Infrastruktur sind das datengetriebene Themen, also zum Beispiel die Frage, wie ich an relevante Daten komme, um darauf basierend zu agieren und mich zu organisieren.
Eine weitere Frage ist: Wie schaffe ich es dann, dass ich alle Daten, die im gesamtkommunalen Kontext zur Verfügung stehen und gebraucht werden, beispielsweise über eine Datenplattform, sektorenübergreifend so organisiert und gemanagt bekomme, dass sie auch wirklich nutzbar sind? Das hat nicht nur einen technischen Hintergrund, sondern umfasst auch organisatorische Aspekte.
Oft kann ich allerdings nicht mit den Daten, die vorhanden sind, auch wirklich arbeiten.
Leufkes: Das sind weitere Fragen, die wir auf dem Weg zu datengetriebenen digitalen Prozessen beantworten müssen. Ich muss wissen, welche Daten vorhanden sind, wer verantwortlich ist und wie ich diese für meine individuelle fachliche Fragestellung gewinnbringend nutzen kann. Um Daten in Wert zu setzen, muss ich diese pro Fragestellung individuell miteinander kombinieren und nutzbar machen können. Schaffe ich das auf Infrastrukturebene – also einmal für alle kommunalen Anwendungsfälle an einer Stelle – profitiere ich auch von einem Plattformeffekt und schaffe Handlungsfähigkeit. Das sind Aufwände, die heute in jedem datengetriebenen Projekt auf's Neue anfallen und bis zu 80 Prozent der Projektaufwände ausmachen können. Das ist weder wirtschaftlich sinnvoll und nachhaltig, noch haben wir in Zukunft bei der steigenden Projektlast die dazu notwendigen Ressourcen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt mit Blick auf die zunehmende Verflechtung der Sektoren ist, dass wir auf einer solchen Infrastruktur die Synchronität verschiedener Anwendungsfälle, ob im Städtebaukontext, in der Mobilitätsplanung, in der Steuerung der kommunalen Wärmeplanung, in der Energieleitplanung, also überall, sicherstellen können, Komplexität abbauen und steuerbar machen und so vermeiden, dass in unterschiedlichen Unternehmen, Bereichen oder Abteilungen mit inkonsistenten, also falschen Daten gearbeitet wird und so falsche Entscheidungen getroffen werden.
Es ist also nicht nur ökonomisch sinnvoll, Daten wiederzuverwerten, sondern es schafft auch einfach mehr Geschwindigkeit. Das ist für uns ein zentraler Teil der digitalen Daseinsvorsorge und damit ist es unsere Aufgabe im Verein, unsere Mitglieder in die Lage zu versetzten, diese Aufgaben souverän zu meistern.
Wie viele Unternehmen und Städte haben Sie schon als Mitglieder?
Leufkes: Wir haben derzeit 51 Mitglieder – etwa zwei Drittel davon sind aktuell Versorgungsunternehmen und ein Drittel sind Kommunen. Allerdings wächst der Anteil der Kommunen aktuell deutlich, sodass sich das Verhältnis zunehmend angleicht.
Hilkenbach: Unser Modell ist ja, dass, wenn das Stadtwerk Mitglied ist, die dazugehörige Stadt kostenlos Mitglied werden kann. Dieses Angebot nutzen immer mehr Städte. Allerdings kommen inzwischen auch immer mehr Städte auf uns zu – unabhängig von ihren Stadtwerken. Wir sind in den letzten anderthalb Jahren sehr stark gewachsen; in den letzten zwei Jahren schätzungsweise um 30 Prozent. Das freut uns natürlich, weil das Thema zwischen Kommune und Stadtwerk idealerweise gemeinsame Daseinsvorsorge-Aufgabe ist. Und es fragen jetzt auch immer mehr nach diesem angebotenem Tandem, sodass beide Parteien es als gemeinsame Aufgabe verstehen. Das ist inzwischen auch unsere Motivation, dass sich beide Einheiten gemeinsam des Themas annehmen. Denn nur dann kann das richtig gut funktionieren.
Was hat es denn mit Ihrer Plattform auf sich?
Hilkenbach: Die Plattformentwicklung ist ein Gemeinschaftsprojekt. Die Entwicklung wird von Mitgliedern unseres Vereins finanziert und über den Verein organisiert. Wir stemmen hier nicht die Entwicklung selbst, sondern die erforderlichen Entwicklungsleistungen werden am Markt eingekauft. Das Ergebnis ist zu hundert Prozent über Open Source verfügbar. Das bedeutet, jeder – egal ob Vereinsmitglied oder nicht – kann diese Software weltweit nutzen. Unser Ansatz ist, dass wir die Software so gut dokumentieren und so einfach wie möglich machen wollen, damit die Nachnutzung auch wirklich funktioniert. Seit dem letzten Jahr gibt es bereits eine produktiv nutzbare erste Version dieser Software und an der zweiten, erweiterten Version wird derzeit gearbeitet. Dazu wurde vor kurzen eine Ausschreibung mit einem Entwicklungsvolumen von 3,5 Millionen Euro vergeben, mit der die Version 2 aktuell entwickelt wird. Wir haben auch schon viel Städte und Stadtwerke, die ohne Vereinsmitgliedschaft die Software nachnutzen. Auch ohne mit uns gesprochen zu haben.
Dann haben sie gar nichts davon?
Leufkes: Doch, unsere Aufgabe und unser Ziel ist es, unsere Mitglieder in die Lage zu versetzen, auf Basis dieser Software das Datenmanagement, dessen Freigabe und die Nutzung so einfach wie möglich zu machen. Sie profitieren also sehr wohl davon – vor allem dadurch, dass sie auf dieser Grundlage deutlich schneller und auch kostengünstiger in die eigene Projektumsetzung gehen können. Durch die Öffnung der Software für alle schaffen wir einen Markt um die Software herum. Also Dienstleistende, die Beratung, Weiterentwicklung und Betrieb anbieten und auf die auch unsere Mitglieder im Bedarfsfall zurückgreifen können. Das erhöht ebenfalls Geschwindigkeit und schließt gleichzeitig Abhängigkeiten zu einzelnen Dienstleistern aus, da die Produktentwicklung immer im Verein und damit bei den Mitgliedern liegt.
Unsere Mitglieder können diese Themen selbstverständlich auch monetarisieren. Als Verein halten wir uns dabei bewusst zurück. Unsere Rolle ist es, die Themen zu organisieren und den Erfahrungsaustausch zu fördern. Dort, wo es notwendig ist, entwickeln wir auch gemeinsam etwas. Wenn es um die konkrete Umsetzung oder Monetarisierung geht, sind wir nicht mehr involviert.
Die Plattform wird von allen Mitgliedern von Civitas Connect e. V. finanziert?
Leufkes: Nein, nur ein Teil unserer Mitglieder hat sich zu einer Entwicklungsgemeinschaft zusammengeschlossen und selbstständig die Finanzierung der Plattform organisiert, um das Thema voranzutreiben. Civitas Connect e. V. übernimmt im Grunde das Projektmanagement drumherum und sorgt dafür, dass die Anforderungen der Mitglieder zusammengeführt und die Projektbeteiligten koordiniert werden.
Was gibt es denn noch für Projekte?
Hilkenbach: Es gibt viele weitere Projekte für unterschiedliche Anwendungsfälle: Ob Hochwasserschutz, Smart Parking oder Retrofit-Lösungen für Ortsnetzstationen zur Digitalisierung der Versorgungsnetze – die Themen sind vielfältig. In diesen Projekten organisieren wir den Austausch, bündeln Erfahrungen und bereiten Ergebnisse auf. Das bedeutet: Ich muss als Teilnehmer nicht nochmals alles selbst ausprobieren, sondern ich weiß, dass zum Beispiel Sensor XYZ bei fünf Mitgliedern aus folgenden Gründen durchgefallen ist. Dann muss ich das nicht mehr selbst testen und kann gleich mit Geräten starten, die funktionieren.
Wo sehen Sie die größten Schmerzpunkte?
Leufkes: Viele Kommunen und Unternehmen erschlägt die Menge und Masse der Themen im Kontext Digitalisierung: Wo fängt man da an loszulaufen? Genau hier setzen wir an. Wichtig ist, sektorenübergreifend zu denken und Kommune und Versorger zusammenzubringen. Und dieses konsequente Zusammendenken und Zusammenarbeiten in der Projektumsetzung in der Entwicklung, aber auch später im Betrieb sowie in der Betreuung, ist unserer Erfahrung nach noch nicht so gut etabliert. Wo das der Fall ist, funktioniert das Thema Digitalisierung sehr gut.
Diese Vorgehensweise muss sich noch als Best-Practice etablieren, denn es gibt vielfältige Hürden – inhaltliche, technische und auch organisatorische. Viele Themen stehen als Unsicherheiten im Raum, denen wir mit Civitas Connect begegnen möchten. Es ist auch enorm wichtig, dass man ins Tun kommt.



