Klaus Kreutzer ist geschäftsführender Gesellschafter des auf Energiethemen spezialisierten Beratungsunternehmens Kreutzer Consulting.

Klaus Kreutzer ist geschäftsführender Gesellschafter des auf Energiethemen spezialisierten Beratungsunternehmens Kreutzer Consulting.

Bild: © Kreutzer Consulting

Am Mittwoch, 19. Februar, um 15 Uhr findet unser digitales Debattenformat "ZfK im Gespräch" zum Thema dynamische Tarife statt. Alle Infos samt kostenloser Anmeldung finden Sie hier.

Von: Stephanie Gust

"Bis 2030 ist mit einer deutlich zunehmenden Verbreitung dynamischer Tarife zu rechnen“, sagt Klaus Kreutzer, Geschäftsführer von Kreutzer Consulting. Der Schwerpunkt werde bei Einfamilienhaus-Bewohnern liegen, die mit PV-Anlage, Speicher, Wärmepumpe und E-Auto über steuerbare Lasten verfügen und ihren Energieverbrauch sowie die Energiekosten damit optimieren können.

"Neue Geschäftsmodelle wie bidirektionales Laden werden die Nutzung dynamischer Tarife attraktiver machen und auch weniger risikoaffine Haushalte von dem Modell überzeugen. Trotzdem ist davon auszugehen, dass auch viele Prosumer dem gewohnten Festpreismodell erst einmal treu bleiben und alleine auf die Möglichkeiten flexibler Netzentgelte setzen“, so seine Prognose.

Ein Drittel der Prosumer wird einen dynamischen Tarif nutzen

Auf Basis der aktuellen Rahmenbedingungen im Strommarkt geht Kreutzer Consulting aktuell davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren mindestens ein Drittel der Prosumer einen dynamischen Tarif nutzen werden. Andere Zielgruppen wie Einfamilienhaus-Bewohner ohne steuerbare Verbrauchseinrichtungen und Mehrfamilienhaus-Bewohner werden dynamische Tarife aufgrund der fehlenden Lastverschiebungspotenziale zwar auch adaptieren, aber in deutlich geringerem Ausmaß, so eine weitere Einschätzung.

Aktive Vermarktung dynamischer Tarife aktuell noch Fehlanzeige

"Im Gesamtmarkt über alle Haushaltskunden hinweg erwarten wir in den nächsten fünf Jahren einen Anteil von etwa 10 bis15 Prozent. Das entspricht bis zu 7,5 Mio. Haushalte.“ Und weiter: Sollte sich das Einsparpotenzial durch dynamische Tarife erhöhen, sind auch höhere Anteile möglich. 2025 bleibe allerdings ein Übergangsjahr für dynamische Tarife. Es gebe noch nicht allzu viele Versorger, die ihre dynamischen Tarife aktiv vermarkten. 

Dies liegt auch daran, dass viele Angebote bislang nur auf die Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen abzielen und die Befriedigung der Kundenbedürfnisse nicht immer im Mittelpunkt steht. "Gleichwohl gibt es aber auch Versorger, die das Thema aktiv vorantreiben und innovative Lösungen entwickeln, um gut positioniert zu sein, wenn die Nachfrage signifikant ansteigt“, so Kreutzer.

Die größten Herausforderungen

"Zuerst einmal müssen die Tarife prozessual integriert und abrechnungsfähig gemacht werden. Außerdem muss ein eigene Beschaffungslogik aufgebaut werden, bei der die Prognosen die Ausstattung der Haushalte mit größeren Stromverbrauchern und das Nutzerverhalten berücksichtigt“, sagt Kreutzer. 

Zu guter Letzt benötigen die Kunden intelligente Messsysteme. Wenn Stadtwerke im eigenen Netzgebiet dynamische Tarife anbieten, müsse entsprechend auch sichergestellt werden, dass die Zähler bei den interessierten Kunden verbaut werden.

Kunden brauchen Transparenz

Und weiter: "Dynamische Tarife alleine sind jedoch relativ nutzlos, wenn die Kunden keine Transparenz über ihren aktuellen Verbrauch und die Preisentwicklung erhalten. Es müssen deshalb über die gesetzlichen Anforderungen hinaus Mehrwerte geboten werden“.

Dazu gehören Kreutzer zufolge unter anderem eine Verbrauchsvisualisierung sowie Energiemanagementsysteme, die die Energiekosten des Haushalts anhand der Preissignale und der Präferenzen der Nutzer ohne Komfortverlust optimieren.

"Wer hier kein Angebot bietet, das mit den ganzheitlichen Lösungen innovativer Anbieter mithalten kann, wird es schwer haben, die Kunden vom eigenen dynamischen Tarif zu überzeugen.“

Neue Strukturen, um dynamische Tarife kundenfreundlich abzubilden

Ein wichtiges Element sei auch ein anderer Umgang mit den Kunden. Wo man bislang eher selten mit den Kunden in Kontakt kam, müsse man jetzt monatlich eine Rechnung stellen. Darüber hinaus sollte man die Kunden über aktuelle Preisentwicklungen regelmäßig per Push-Nachricht informieren und Hinweise geben, wann es sich lohnt Strom zu verbrauchen und wann es gegeben falls teuer ist. "Aktuell haben die meisten Versorger keine Ressourcen, um solche Informationsbedürfnisse der Kunden zu bedienen. Es müssen also auch hier neue Strukturen geschaffen werden, um dynamische Tarife kundenfreundlich abzubilden.“

Zu guter Letzt führt der Weg zum dynamischen Tarif heute häufig über das Angebot von Energiedienstleistungen. Dienstleister, die ihren Kunden eine PV-Anlage, Wärmepumpe oder eine Wallbox einbauen, bieten meist das Energiemanagementsystem und den dynamischen Tarif im Paket an. Versorger müssen hier auch Lösungen entwickeln, um Verbraucher, die zu Prosumern werden wollen, abzuholen.

Beste Kunden bedienen und jüngere Kundengruppen ansprechen

Die genannten Herausforderungen bieten jedoch auch viele Chancen für Stadtwerke, da sie insgesamt einen starken Veränderungs- und Digitalisierungsdruck auslösen.

"Wenn Stadtwerke langfristig erfolgreich im Markt agieren möchten, müssen sie sich einerseits um ihre besten Kunden kümmern“, so Kreutzers Tipp. Das seien meist Einfamilienhaus-Bewohner, von denen in den nächsten Jahren viele zum Prosumer werden und damit andere Bedürfnisse entwickeln.

Gleichzeitig müssen sie jüngere Kunden ansprechen, die eine durchgängig digitale Kommunikation und kundenfreundliche, flexible Verträge als Grundvoraussetzung für die Anbieterauswahl sehen. "Vieles, was bei der Einführung dynamischer Tarife entwickelt wird, ist also auch für normale Kunden nutzbar und kann dazu beitragen, dass Stadtwerke künftig als moderne, innovative Versorger wahrgenommen werden“.

Tarife weiterentwickeln und attraktives Gesamtpaket schnüren

Nach der Frage, wie sich Stadtwerke bei dynamischen Tarifen positionieren sollten, damit sie in diesem Rahmen Geschäftsmodelle unter Abwägung der Risiken und Chancen sinnvoll umsetzen können, rät Kreutzer zu folgendem: Nachdem der gesetzlich vorgeschriebene dynamische Basistarif eingeführt ist, sollten Stadtwerke gut überlegen, wie sie die Tarife weiterentwickeln wollen und wie ein attraktives Gesamtpaket aussehen kann. Hier sollte erst einmal die Kundenstruktur analysiert und die regionalen Rahmenbedingungen eruiert werden, um das Marktpotenzial im eigenen Vertriebsgebiet zu ermitteln.

Auf dieser Basis kann ein Stadtwerk dann entscheiden, welche Leistungen künftig angeboten werden sollen, ob diese Leistungen selbst oder über Partner erbracht werden und welchen Einfluss dies auf die Kundenbeziehung hat.

Generell sei unabhängig von der eigenen Wertschöpfungstiefe, beispielsweise bei der Installation von PV-Anlagen oder Wärmepumpen, die Besetzung der Kundenschnittstelle am wichtigsten. "Am Ende muss das Hauptziel sein, das Kerngeschäft Energielieferung zu sichern, das heißt alle neuen Energiedienstleistungen, so attraktiv diese Geschäftsmodelle teilweise auch sind, sollten darauf abzielen, den Kunden weiter mit Energie zu beliefern und sich als langfristiger Partner für alle Energiethemen zu positionieren.“

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