Wir haben bereits zum Vorbericht von EY und BET im Rahmen des § 48 MsbG gesprochen. Dabei ging es im ersten Teil um die Einbaufälle, den Nutzen der Digitalisierung der Energiewende und im zweiten Teil um die Preisobergrenzen, Zusatzdienstleistungen und ob sich ein Vollrollout lohnt. Gibt es noch weitere Erkenntnisse?
Jan Kircher, Partner bei EY: Wir regen die Standardisierung der HAN-Schnittstelle an. Dann wird es künftig möglich sein, selbst direkt, ohne den Gateway-Administrator aus dieser Schnittstelle Daten auszulesen und dann beispielsweise in einem Heimnetzwerk automatisiert die Gebäudeenergieeffizienz zu optimieren.
Wolfgang Zander, Generalbevollmächtigter und Gründer BET: Ganz generell finden wir, dass die Branche sich mehr mit der Nutzen-Seite von intelligenten Messsystemen beschäftigen sollte. Es wird immer beklagt, dass man die Geräte einbauen muss und nicht so richtig weiß, was man damit machen kann. Aber, das wurde auch deutlich in unserer Untersuchung: Viele Marktteilnehmer haben sich noch nicht so richtig über den Nutzen der intelligenten Messsysteme Gedanken gemacht. Unter anderem waren die Vertriebe zum Beispiel sehr blank bei der Frage, wieviel sie mit einsparen können, wenn sie ihre Beschaffung durch das Angebot dynamischer Tarife verbunden mit dem Einbau intelligenter Messsysteme optimieren. Wir haben Schätzungen dazu gemacht, was man in der Beschaffung sparen könnte. Aber von den Unternehmen selbst haben wir von elf teilnehmenden Vertrieben nur bei einem eine Antwort hierzu bekommen. Wir sind uns sehr sicher, dass man mit der Lastverschiebung einiges bewirken kann. Aber bis das Thema bei den Marktteilnehmern, insbesondere den Vertrieben angekommen ist, wird es wohl noch dauern.
Ab 1. Januar 2025 müssen alle Versorger die dynamischen Tarife anbieten …
Wolfgang Zander: Ja, aber wie attraktiv werden diese ausgestaltet? Hoffen die Versorger nicht eher drauf, dass möglichst wenige Kunden diese wählen, damit sie weniger Arbeit haben? Es wäre besser, man würde das als Chance begreifen, das umzusetzen. Das hängt aber auch mit der mangelnden Digitalisierung zusammen. Wenn sie heute in ihrer schlecht digitalisierten Prozesslandschaft einen dynamischen Tarif anbieten, dann zahlen sie als Anbieter oft drauf. Dann haben sie letztlich mehr Transaktionskosten als Nutzen in der Beschaffung. Aber das kann natürlich nicht so bleiben. Wenn sie das komplett durchautomatisiert haben, können sie auch im Kleinkundenmarkt Geld verdienen.
Jan Kircher: Man muss Beschaffung und Vertrieb künftig noch enger zusammendenken. Man muss das als Unternehmen ganzheitlich sehen. Was kann ich auf Beschaffungsseite sparen und wie setze ich das in der Praxis um.
Die Stadtwerke sind aktuell aber eher noch mit den Nachwirkungen der Preisbremsen beschäftigt.
Wolfgang Zander: Ja, das wissen wir, aber es ist auch so, dass man in Deutschland dazu neigt, Lösungen zu machen, die unnötig kompliziert sind. Die Frage, was bringt eine zusätzliche Komplexität, die wird vom Gesetzgeber häufig nicht genug gestellt. Das liegt dann auch oft daran, dass Leute teilweise Regelungsvorschläge vorantreiben, die in deren Umsetzung nicht aktiv sind.
"Wir diskutieren an anderer Stelle intensiv über ein oder zwei Preiszonen in Deutschland und machen dann solche Vorschläge mit einer halben Million Preiszonen in Deutschland und dann auch noch dynamisiert!"
Haben Sie hier ein Beispiel?
Wolfgang Zander: Also die dynamischen Netzentgelte in der Niederspannung sind hier ein prominentes Beispiel. Wir sind als BET von einigen Akteuren gescholten worden, dass wir einen einfachen Vorschlag für die Umsetzung des § 14a EnWG erarbeitet hatten: Wenn die Netzsicherheit gefährdet ist, sollen die §-14a-Anlagen zeitlich begrenzt abgeregelt werden können. Jetzt hat Agora eine Untersuchung gemacht und geschaut, welcher Netzausbaubedarf entsteht, wenn die §-14a-Anlagen rein nutzungsgetrieben, markt- oder netzorientiert gefahren werden. Bei einer netzorientierten Fahrweise haben sie die von der BNetzA mit Start am 1. April 2025 vorgesehenen, einfachen, zeitvariablen Netzentgelte mit hochkomplexen, örtlich differenzierten und dynamisierten Netzentgelten verglichen. Örtlich differenziert und dynamisiert bedeutet, dass für jede der halbe Million Trafo-Stationen in Deutschland ein eigenes Netzentgelt gebildet und auch noch dynamisiert wird, das heißt zum Beispiel jeden Tag im Voraus neu festgelegt wird. Das ist Komplexität ohne Ende. Agora schätzt die Einsparung im Netzausbau durch dynamisierte Netzentgelte auf kumuliert fünf Milliarden Euro. Die von der BNetzA vorgesehenen einfachen zeitvariablen Netzentgelte bringen laut Agora nichts bzw. erhöhen den Netzausbaubedarf sogar noch etwas. Auf unseren einfachen Vorschlag der zeitlich begrenzten Abregelung geht Agora nicht ein. Da fragt man schon, haben die Leute sich mal Gedanken um die Umsetzung gemacht? Wir diskutieren an anderer Stelle intensiv über ein oder zwei Preiszonen in Deutschland und machen dann solche Vorschläge mit einer halben Million Preiszonen in Deutschland und dann auch noch dynamisiert!
Sie schlagen auch eine Clearingstelle vor?
Jan Kircher: Ja, das Gesetz ist noch neu und die Welt hier sehr dynamisch. Das muss man jetzt dem Gesetzgeber auch mal zu Gute halten: Er kann nicht alles im Gesetz definieren, solche Prozesse dauern und die Parlamentarier sind auch nicht diejenigen, die die technischen Entwicklungen im Detail kennen. Das heißt aber auch immer, wo etwas undefiniert ist, wäre eine Schlichtungsstelle analog zur Clearingstelle EEG/KWKG statt den ordentlichen Gerichten sehr passend. Wir finden, dass dieser Vorschlag einer dynamischen Entwicklung, wie wir sie gerade haben, Rechnung trägt und das wäre dann auch mal pragmatischer.
Wolfgang Zander: Der Punkt ist ja, es wird Anwendungsfragen geben. Das ist immer so, wenn etwas Neues eingeführt wird. Dafür wäre dann die Clearingstelle zuständig und könnte unbürokratisch zur Lösungsfindung beitragen.
Die Fragen stellte Stephanie Gust



