Herr Brosze, wie können kommunale Unternehmen vor Ort zur digitalen Daseinsvorsorge beitragen?
Tobias Brosze, Technischer Vorstand der Mainzer Stadtwerke und Vorsitzender des VKU-Ausschusses Digitalisierung sowie des DigiNetzWerks: Kommunale Unternehmen sind Gestalter digitaler Lebenswelten. Alles, was uns umgibt, wird digitaler, vernetzter und mobiler. Das zeigt sich vor allem vor Ort, in den Kommunen. Kommunale Unternehmen bauen für die Smart City und Smart Region der Zukunft zuallererst schnelles und überall verfügbares Internet. Auch das ist Daseinsvorsorge, digitale Daseinsvorsorge. Nur wenn leistungsfähige digitale Infrastrukturen vorhanden sind, können Bürgerinnen und Bürger und die Wirtschaft an der digitalen Transformation partizipieren und diese mitgestalten.
Stehen die Grundmauern, kann weitergebaut werden: Digitale Services und innovative Ansätze machen zunehmend digitale Daseinsvorsorge und das Spektrum der Dienstleistungen vor Ort aus. Beispiele finden sich in komfortabel digitalisierten Prozessen rund um die Kundinnen und Kunden oder auch im öffentlichen Raum. Sei es bei Sensoren für den Hochwasserschutz, die intelligente Mülltonne oder eine dynamische Verkehrssteuerung. Sie laden dazu ein, die Chancen und den Nutzen der Digitalisierung zu erleben, diese für Klimaschutz und Klimaanpassung zu nutzen und natürlich unsere internen Prozesse effizient zu gestalten. Wir sind dabei an einem Punkt bei dem es nicht mehr um ausprobieren und demonstrieren, sondern um umsetzen und skalieren geht.
Um im Bild des Hausbaus zu bleiben, müssen wir auch die Kosten in den Blick nehmen. Eine weitere Herausforderung sind somit Investitionen, die es in Infrastrukturen, neue Produkte oder Geschäftsmodelle braucht. Um das zu stemmen, bieten sich Kooperationen an, die Ideen skalieren, gemeinsam in die Breite tragen und dabei aber auch individuell an die Bedarfe vor Ort angepasst sind.
Bislang hat man manchmal das Gefühl, dass sich Stadtwerke mit der Digitalisierung schwertun. Wo liegen die Hürden?
Wissen Sie, meine Perspektive ist eine andere: Wenn ich mich in Mainz oder anderswo umsehe, gibt es viele tolle und vielfältige Beispiele von den vielzitierten Chatbots, Apps oder Plattformen, bis hin zu ersten Projekten mit Künstlicher Intelligenz. Und auch in den klassischen Prozessen rund um die Netze oder in der Mobilität hat sich in den letzten Jahren viel getan und die digitalen Kompetenzen wurden deutlich ausgebaut. Sie haben aber Recht, dass es noch viel zu tun gibt und es weiterer Anstrengungen bedarf.
Teilweise sind es im Kontext mit den vielen Themen der Energiewende mangelnde finanzielle oder personelle Ressourcen oder aus der Zeit gefallene Rahmenbedingungen im technischen Regelwerk oder der Regulierung, die den tatsächlichen Einsatz vorhandener Technologien erschweren. Ein Beispiel zur Nutzung und Verfügbarkeit von Daten: Es kostet viel Geld die vorhandenen Daten so zu strukturieren und aufzubereiten, dass sie mit Dritten geteilt werden und übergreifend genutzt werden können. Dafür gibt es bisher keinen Mechanismus, der den Wert der Daten kommunaler aber auch privater Akteure bemisst und die Teilung auch finanziell anreizt. Daher plädieren wir für ein Datentreuhändermodell in kommunaler Hand, das Daten nutzbar und finanzierbar macht. Einseitige Datenteilungspflichten bewirken das Gegenteil.
Ein zweites großes Hindernis ist zudem der Fachkräftemangel. Wir brauchen digital-affine Köpfe und innovatives Denken – im eigenen Unternehmen und frisch von außen. Data-Scientists oder Software-Engineers sind überall begehrt. Diese Fachkräfte zu gewinnen, zu halten oder selbst auszubilden, ist eine Herausforderung und wichtiger Schwerpunkt, bei dem wir uns vielleicht mit unseren traditionellen Strukturen als attraktive Arbeitgeber noch etwas entwickeln können.
Der VKU hat ein Konzeptpapier „Digitale Daseinsvorsorge“ entworfen, das zehn Leitideen zur Digitalisierung der Daseinsvorsorge zusammenfasst. Was sind die Kernaussagen?
Die zehn Leitideen stehen für unsere Vision von digitaler Daseinsvorsorge. Wir geben damit Antworten auf Fragen wie: Was macht digitale Daseinsvorsorge aus? Was kann sie zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen und insbesondere der Energiewende beitragen? Und was braucht es jetzt, um die Leitideen umzusetzen? Und wir greifen aktuelle Herausforderungen auf, die ich schon genannt habe: Fachkräfte, Daten, Kooperationen, IT-Sicherheit.
Gerade mit Blick auf die Koalitionsverhandlungen und den Start einer neuen Bundesregierung wollen wir den Dialog mit der Politik anschieben. Zeigen, wie wichtig kommunale Unternehmen für Digitalisierung sind, und Interesse für digitale Lösungen kommunaler Unternehmen wecken.
Ein Beispiel: Im Smart-Home entstehen eine Vielzahl von Daten aus Geräten wie Fernseher, Computer, Kühlschränke, Lampen, Waschmaschinen, etc. Eine anonymisierte Verknüpfung dieser Daten, beispielsweise in Verbindung mit Informationen über Großveranstaltungen oder Wetterdaten, ermöglicht Verbrauchsprognosen, die wiederum helfen, effizient zu planen und Kosten zu sparen. Kurzgefasst ist das Leitidee 3, bei der Smart Home, smarte Gesellschaft, smarte Daseinsvorsorge im Mittelpunkt stehen und wie auf der Basis von Daten die Versorgung von morgen gestaltet wird.
Stichwort Smart Cities: Hier ist oft das Problem, dass Stadtwerke mit weiteren Playern zusammenarbeiten müssen. Das klappt nicht immer reibungslos. Wie bekommt man alle Player dazu, an einem Strang zu ziehen?
Es braucht eine gemeinsame Vision der smarten City oder Region. Eine Idee, zu der die unterschiedlichen Partner – die Kommune, die kommunalen Unternehmen, die Wirtschaft, die Zivilgesellschaft – gemeinsame Projekte entwickeln. Und auch den Mut und die Ressourcen, die Schritte zu gehen. Mancherorts startet man mit einer Stadt-App, andernorts ist es LoRaWan und die Vernetzung von Sensoren für diverse Anwendungen. Auf dem Weg lassen sich dann gemeinsam Erfahrungen sammeln und austauschen. Hier wäre es wichtig auch die Kommunen mit hinreichenden Ressourcen auszustatten und im Vergaberecht die Möglichkeit zu schaffen im Stadtkonzern auch gemeinsam an strategischen Themen zu arbeiten. Dabei wollen wir natürlich nicht alles selbst machen, sondern sehen in der Zusammenarbeit eine wahre Chance. Am Ende des Tages kann kein einzelner Akteur alles umsetzen. Auch wir in Mainz arbeiten mit interessanten Startups, unseren kommunalen Schwesterunternehmen und privaten Anbietern zusammen oder beteiligen uns an Initiativen.
Manchmal entstehen auch Konkurrenzsituationen, etwa bei der E-Mobilität, wo Energieversorger mit der Automobilbranche konkurrieren. Deutlich wurde das auch jüngst bei der Spitzenglättung, die auf die Intervention der Auto-Hersteller hin wieder von der Agenda verschwand. Was müsste sich hier ändern?
In unserem Geschäft ist Wettbewerb normal und richtig. Wichtig ist allerdings, dass die Wettbewerbsbedingungen für alle gleich sind: Wir brauchen ein Level-Playing-Field, gerade für die digitale Transformation.
Das Beispiel der E-Mobilität zeigt es deutlich: die Mobilitätswende schafft keiner allein – weder die Automobilbranche, noch die Energiewirtschaft. Am Ende braucht es die Energie der Stadtwerke ebenso wie die Fahrzeuge. Hier sollten wir an einem gemeinsamem Rahmen arbeiten, der zum einen die physikalischen Anknüpfungspunkte beim Laden so gestaltet, dass die Nutzung der Fahrzeugspeicher auch energiewirtschaftlich ermöglicht wird. Zum anderen geht es beim kommunalen Blick auch darum eine intelligente Verkehrssteuerung zu realisieren, für die geteilte Daten benötigt werden. Zudem müssen wir auch aufpassen, dass nicht getreu dem Motto „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte!“, neue Player in Lücken springen.
Interessante Geschäftsfelder ergeben sich auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Wie viel Know-how gibt es dazu bei den Stadtwerken? Der Fachkräftemangel ist hier ein besonders großes Problem: Wie kann man gegensteuern?
Viele kommunale Unternehmen setzen bereits auf Künstliche Intelligenz (KI) und sammeln erste Erfahrungen. Ich kenne viele Beispiele aus der Kundenkommunikation mit Sprachassistenzsystemen oder Chatbots, im Management von Infrastrukturen oder Anlagen – Predictive Maintenance ist hier das Stichwort – oder in der Bilderkennung wie bei der Straßenzustandserfassung. KI kann mit sehr großen Datenmengen oder Big Data effizient umgehen. Das könnte kein Mensch. Wir stehen hier am Anfang sehr interessanter Entwicklungen. Das Potenzial ist riesig, es steckt aber auch viel Arbeit in der Realisierung funktionierender Anwendungen.
Das Know-how zu KI ist bei den kommunalen Unternehmen unterschiedlich stark ausgeprägt – manche entwickeln KI selbst, andere greifen auf Marktanwendungen zurück. Noch wichtiger als ein ausgeprägtes Know-how ist – das gilt im Übrigen für den gesamten digitalen Bereich – die Regelung von Hoheiten, Sicherheit und Rechten: Wer muss für die KI haften? Welche KI-Formen dürfen in kritischen Infrastrukturen eingesetzt werden und wie stellen wir Nachvollziehbarkeit bei Entscheidungen her?
Auch hier haben wir ein Problem, die richtigen Fachkräfte zu finden. Wir sprachen bereits darüber. Da müssen wir ran und die Förderung von Talenten und Ausbildung deutlich stärken. Das braucht natürlich seine Zeit und attraktive Arbeitsbedingungen für diese Zielgruppe.
Und last but not least: Open Data und das Datennutzungsgesetz. Es ist wichtig, dass Stadtwerke nicht gegenüber privaten Unternehmen benachteiligt werden, indem sie für sie wichtige Geschäftsdaten herausgeben müssen. Wie sieht hier aktuell die Entwicklung aus und wo gibt es noch Herausforderungen?
Viele kennen es, digitale Märkte oder konkrete Plattformen haben eine natürliche Tendenz zum Monopol: Wer viele Daten hat, kann besonders gute Produkte anbieten, die besonders viele Kunden überzeugen, was wiederrum viele Daten generiert. Zudem steigen die Vorteile der Nutzung einer Plattform mit der Anzahl der Nutzenden. Es drohen Marktmacht und andere Nachteile. Gerade deswegen darf es keine einseitigen Datenteilungspflichten für Themen der Daseinsvorsorge geben.
Aus dem Sondierungspapier haben wir mit Freude entnommen, dass die neue Bundesregierung Digitalisierung weit nach oben setzt und beispielsweise die Digitalstrategien neu schreiben will. Also neue Ideen für Datenmodelle, Einsatz von KI oder Blockchain entwerfen möchte. Gleichzeitig verfolgen wir in Brüssel den Data Act, das europäische Datengesetz. Hier sind einige spannende Ideen in der Diskussion, die sich mit dem gegenseitigen Teilen von Daten auseinandersetzen. Auch die Debatte um Open Data wird uns weiter begleiten. Richtig ist, dass wir Wege finden müssen, Daten noch besser zu nutzen und zu verknüpfen. Nur so lassen sich die Potenziale heben, die darin schlummern.
Allerdings müssen wir besonders darauf achten, dass der Wunsch, mehr Daten nutzbar zu machen, nicht dazu führt, dass nur einige Akteure davon profitieren und andere deklassiert werden. Das bringt uns alle nicht voran. Oder, um in der Sprache der Ampel-Verhandlungen zu bleiben: Wir müssen in die richtige Richtung aufbrechen und das Thema so denken, dass die kommunalen Akteure geeignete Rahmenbedingungen erhalten, um die digitale Daseinsvorsorge genauso erfolgreich zu übernehmen wie bisher die traditionellen Bereiche der Wasser- und Energieversorgung sowie der Entsorgung. Davon profitieren am Ende die Bürgerinnen und Bürger in den Kommunen und Regionen.
Die Fragen stellten Elwine Happ-Frank und Stephanie Gust



