Ein neuer kommunaler Windpark in Reinsdorf/Mülsen (Sachsen). Der Betreiber Sachsenenergie hat das Projekt noch rechtzeitig vor Auslaufen der bisherigen EEG-Förderung umgesetzt.

Ein neuer kommunaler Windpark in Reinsdorf/Mülsen (Sachsen). Der Betreiber Sachsenenergie hat das Projekt noch rechtzeitig vor Auslaufen der bisherigen EEG-Förderung umgesetzt.

Bild: © Sachsenenergie

"Mehr als drei Jahre Arbeit, die Gewissheit, wirklich alles Menschenmögliche getan zu haben – und dennoch." Mit diesen Worten beschreibt Julia Koch, Projektentwicklerin für erneuerbare Energien beim Dortmunder Stadtwerk DEW21, auf Linkedin ihre Lage nach dem 4. Juli 2026. Es war der letzte Tag, an dem ihr Team eine Genehmigung im Marktstammdatenregister hätte registrieren können, um noch an der EEG-Ausschreibung für Windenergieanlagen an Land am 1. August teilzunehmen.

Nun kommt das Projekt erst zur Runde am 1. November – unter alles andere als günstigen Vorzeichen: deutliche Überzeichnung, sinkende Zuschlagswerte, keine Erhöhung der Ausschreibungsvolumina, dazu die Ungewissheit rund um das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) 2027.

Erfolgsquote auf Tiefstand

Der Fall steht exemplarisch für die aktuelle Lage im deutschen Windmarkt. Die Genehmigungsbeschleunigung der vergangenen Jahre hat gewirkt – zu gut, gewissermaßen. Mehr als doppelt so viele genehmigte Projekte stehen dem staatlichen Ausschreibungsvolumen gegenüber, wie Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbands Windenergie (BWE), im Interview mit dem "Focus" zuletzt einräumte: "Das führt natürlich zu heftigem Preisdruck."

Die Zahlen der Bundesnetzagentur belegen das. Bei der Ausschreibungsrunde zum 1. Mai 2026 gingen Gebote mit einem Volumen von rund 6400 Megawatt (MW) ein – bei einer ausgeschriebenen Menge von nur rund 2500 MW. Der durchschnittliche mengengewichtete Zuschlagswert sank auf 5,06 Cent pro Kilowattstunde (kWh) – das entspricht einem Rückgang um mehr als zwei Cent über sieben Runden seit August 2024.

Lars Kindler, Energierechtler bei der Kanzlei Gleiss Lutz, kommentierte die Zahlen auf LinkedIn und machte einen Hauptgrund aus: Wer noch vor Inkrafttreten eines zweiseitigen Differenzvertrags (Contract for Difference, CfD) bezuschlagt wird, sichert sich die bekannten EEG-Konditionen. "Das könnte die Zuschlagswerte auf einem niedrigen Niveau lassen – oder sogar auf eine '4' vor dem Komma drücken", schrieb Kindler.

Lion Hirth, Professor an der Hertie School und Direktor des Energieanalyseunternehmens Neon, bringt die Stimmung in der Branche auf einen Begriff: "Die Onshore-Auktion von Mai zeigt vor allem, welche Angst die Investoren vor Netzpaket- und EEG-Novelle haben. Der auktionstheoretische Fachbegriff hierfür lautet Torschlusspanik."

Kostendruck von mehreren Seiten

Die Überzeichnung ist aber nur ein Teil des Drucks. Wer einen Zuschlag bekommt, hat damit die Marktprämie gesichert – doch die Projektkosten steigen gleichzeitig. Claus Urbanke, Leiter Wind-, Speicher- und Solarprojekte beim norwegischen Energiekonzern Statkraft, beschreibt die Lage im Gespräch mit der ZFK nüchtern: "Die Bau- und Planungskapazitäten im Windbereich sind stark ausgelastet." Das führe zu Engpässen, erhöhten Preisen und damit zu einem "hohen Bewertungsdruck" auf viele Projekte.

Hinzu kommen die Flächenkosten. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) hat in einem Positionspapier darauf hingewiesen, dass die Pachtpreise für Windenergieflächen stark gestiegen sind – und dass ausgerechnet öffentliche Flächeneigentümer das Niveau teils besonders stark angehoben haben. Für kommunale Projektierer, die auf langfristige Wertschöpfung statt auf schnellen Weiterverkauf setzen, sind das schlechte Vorzeichen.

Für Urbanke ist die Konsequenz klar: "Gute Pacht, guter Netzanschluss, gute Windbedingungen – diese Projekte gibt es, da findet eine Auslese statt." Die Projekte mit den besten Standortfaktoren gewinnen, der Rest gerät unter Druck.

Besonders deutlich zeigt sich das in Baden-Württemberg: Von 34 Projekten in der Februarausschreibung erhielten nur drei einen Zuschlag. Die Plattform Caeli Wind, die Windflächen vermittelt, hat zuletzt berechnet, dass Windparkprojekte anderswo im Bundesgebiet rechnerisch eine fünfmal höhere Zuschlagswahrscheinlichkeit hatten.

Mehr dazu auch hier: 30 Prozent für den Süden: BDEW will Windausbau neu verteilen

EEG-Novelle – der eigentliche Unsicherheitsfaktor

Über allem schwebt die Frage nach dem EEG 2027. Die EU-Vorgabe verlangt eine Reform des Fördersystems bis zum 1. Januar 2027. Marc Krezer, Geschäftsführer des deutschen Projektgeschäfts bei Baywa Re, macht im ZFK-Gespräch die Tragweite deutlich: "Die Unklarheit bei den Rahmenbedingungen trifft uns am härtesten." Zumal der offizielle Prozess für die EEG-Novelle noch nicht begonnen habe – das sei "extrem kritisch". "Der Branche geht die Zeit aus, sich darauf einzustellen."

Verbandspräsidentin Heidebroek warnte im "Focus" vor einem Szenario, das sie mit der sogenannten Altmaier-Delle von 2017 vergleicht: Sollte es bis Ende des Jahres kein neues EEG geben, entfallen die Ausschreibungen – und ohne Ausschreibungszuschlag gibt es keine Bankfinanzierung. "Wir können nicht weiter zubauen, wir können praktisch nur noch das abarbeiten, was wir aus den Vorjahren haben."

Die Bundesregierung hat angekündigt, zusätzliche 12 GW Ausschreibungsvolumen für Windenergie an Land freizugeben. Für Energierechtsanwalt Kindler ein notwendiger Schritt: "Projekte ohne Zuschlag lassen sich nicht ewig verschieben – auch, weil Genehmigungen auslaufen."

Kommunale Projektierer reagieren

Die Unsicherheit zwingt zur Neuausrichtung. Krezer berichtet, dass Baywa Re seine Projektpipeline bereits selektiver aufbaut: "In der Sturm- und Drangphase haben wir den Projekttrichter sehr breit gehalten – das tun wir jetzt nicht mehr. Wir verfolgen nun einen selektiveren Ansatz, um Entwicklungskosten zu optimieren."

Dass Windprojekte kommunaler Unternehmen gleichwohl gelingen, zeigen aktuelle Inbetriebnahmen: Sachsenenergie hat in Reinsdorf und Mülsen (Sachsen) kürzlich vier Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 25 MW ans Netz gebracht; 117 Bürgerinnen und Bürger aus der Region beteiligen sich als Investoren. Auch die angrenzenden Kommunen profitieren mit einem sechsstelligen Betrag pro Jahr.

Und auch in Hessen gehen neue Projekte ans Netz: Die Mainova aus Frankfurt am Main hat den Bau des Windparks Schäferköppel gestartet – vier Anlagen mit je knapp 7 MW Leistung, die künftig rund 54 Gigawattstunden (GWh) grünen Strom pro Jahr erzeugen sollen. Die umliegenden Gemeinden erhalten ebenfalls eine finanzielle Beteiligung.

Der entscheidende Unterschied: Beide Projekte haben ihre Genehmigungen und Zuschläge noch unter den bisherigen Bedingungen gesichert. Das Problem trifft vor allem jene Projekte, die noch in der Pipeline stecken – und nun in einer Ausschreibungslandschaft bestehen müssen, die immer enger wird.

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