Blick auf den größten Gasspeicher bundesweit in Rehden (Niedersachsen).

Blick auf den größten Gasspeicher bundesweit in Rehden (Niedersachsen).

Bild: © Astora

Sollte Deutschland doch noch ein Wintereinbruch drohen, sollte russisches Gas nach einer möglichen Eskalation der Ukraine-Krise nicht mehr fließen, dann fällt Deutschlands größter Gasspeicher als Reserve ziemlich sicher aus. Am Freitagmorgen war die in Niedersachsen gelegene Anlage Rehden nur noch zu 3,7 Prozent gefüllt.

Rehden wird von Astora, einer Tochter des russischen Staatskonzerns Gazprom, betrieben. Der Speicher wird nach Brancheneinschätzungen vor allem von Gazprom selbst genutzt.

Experten rätseln

Bereits im Sommer rätselten Gasmarktexperten, warum Rehden unüblich leer blieb, während sich andere Gasspeicher in Deutschland trotz steigender Großhandelspreise durchaus füllten und nun bei der Ausspeisung von rekordhohen Preisen profitieren. Zumal auch die Anfang November angekündigte Einspeicheroffensive Gazproms in Rehden nicht ankam.

Diskutiert werden insbesondere zwei Motive. Marktteilnehmer bestätigen, dass Gazprom bislang all seine Lieferverträge einhält. Zugleich ist der Konzern kein Freund des Spotmarkts sowie kurzfristiger Verträge, da sie aufwändige, langfristige Investitionen erschweren. Gazprom könnte folglich die aktuelle Gasknappheit, verstärkt durch Rehdebn, als Druckmittel nutzen, um Abnehmer wieder zu längerfristigeren Vereinbarungen zu bewegen.

Druck auf Europa

Das zweite mögliche Motiv ist eher geopolitischer Natur. Demnach hält Gazprom-Gesellschafter Gazprom auf Europa und insbesondere auch auf Hauptabnehmer Deutschland den Druck hoch, um mögliche Sanktionen im Zuge der Ukraine-Krise zu verhindern und den Westen zu spalten.

Am Donnerstag sprach beispielsweise Österreichs Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) von einer offensichtlich sehr gut akkordierten Strategie zwischen Russland und Gazprom. Er sehe eine "sehr ungute Gemengelage".

Lesen Sie auch: Gas als Waffe: Wie Russland Europas Energiemärkte in Atem hält

Bedeutung von Rehden

Der niedrige Füllstand ist auch deshalb brisant, weil die Gasspeicher in Deutschland insgesamt zuletzt nur noch zu 36 Prozent gefüllt waren – ein historisch niedriger Stand. Zum Vergleich: Vor genau einem Jahr lag der Füllstand noch bei 44 Prozent – und dies trotz eines damals sehr kalten Januars. Rehden war damals noch zu 31 Prozent gefüllt.

Deutschlands größter Gasspeicher allein deckt mit einer Kapazität von 43,7 TWh nahezu ein Fünftel aller derzeit vorhandenen Gasspeicherkapazitäten in der Republik ab, zieht also zurzeit die Gesamtbilanz deutlich nach unten.

20-Prozent-Marke

Doch wie besorgniserregend ist die Lage wirklich? Gasmarktexperte Joachim Endress vom Beratungsunternehmen Ganexo rechnet damit, dass die deutschen Gaspeicher bei einem durchschnittlichen Verlauf des restlichen Winters die 20-Prozent-Füllmarke nicht unterschreiten werden. Zum Ende der vergangenen Wintersaison waren die Speicher übrigens zu 25 Prozent gefüllt. (aba)

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper