Gerald Linke ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW).

Gerald Linke ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW).

Bild: © DVGW

Ein Ideenpapier des Bundeswirtschaftsministeriums hat gereicht und schon kocht die Gasnetz-Rückbaudebatte wieder hoch. Harsche Kritik kam dabei auch von Gerald Linke, dem Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW). Im ZfK-Interview erklärt er, warum Gasverteilnetze aus seiner Sicht auch in Zukunft in Deutschland eine große Rolle spielen. Zudem kontert er Vorwürfe, Wasserstoff könnte künftig gar nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen – und sei dann ohnehin zu teuer.

Herr Linke, Sie haben das Ideenpapier des Bundeswirtschaftsministeriums zum Rückbau der Gasnetze scharf kritisiert. Wer Deutschland deindustrialisieren wolle, könne das machen, was in dem Papier steht, sagten Sie. Ist das nicht überzogen?

Ich kann diese Aussage gern einordnen. Grundsätzlich sind wir froh, dass wir in Deutschland beim Aufbau der Wasserstoffinfrastruktur deutlich weiter sind als andere Länder. Das geplante Wasserstoff-Kernnetz kann aber nur die Basis sein. Danach muss die Versorgung über die Fläche kommen.

Womit wir bei den Verteilnetzen wären, die zwar von der Bundesregierung vorgesehen sind, über deren gesetzlichen Rahmen jedoch nichts Näheres bekannt ist.

In der Tat ist das leider so. Dabei wird derzeit die Hälfte der deutschen Haushalte über die Verteilnetze mit Erdgas versorgt. Dazu kommen 1,8 Millionen Industriekunden. Da reicht das Spektrum vom Bäcker bis zu Glashütten und Stahlwerken. Darunter sind auch Betriebe, die eine Prozesswärme von mehr als 200 Grad Celsius benötigen. Diese Temperaturen lassen sich nicht mit Strom erzeugen. Und vergessen wir nicht all die Kraftwerke bundesweit, die wir zur Absicherung der Stromversorgung benötigen. Diese hängen ebenfalls am Verteilnetz.

Daraus folgt?

Wir können natürlich ein zweites Verteilnetz aufbauen. Oder wir rüsten das bestehende Netz auf Wasserstoff um. Unsere Position ist jedenfalls klar: Wir brauchen die vorhandene Gasinfrastruktur für Wasserstoff, ansonsten gehen in Deutschland die Lichter aus.

Fairerweise muss man sagen, dass das Ministerium die Umwidmung von Gasnetzen mehrfach im Ideenpapier als Option erwähnt. Jedoch schreibt es auch, dass am Ende der Transformation Gasnetze aller Voraussicht nach in deutlich geringerem Umfang benötigt werden als derzeit. Die Länge der Gasverteilnetze werde stark zurückgehen. Das bestreiten Sie?

Mit dieser Einschätzung bin ich nicht allein. In einer Umfrage im letzten Jahr haben 75 Prozent der befragten Industriekunden angegeben, sie rechnen mit dem Einsatz von Wasserstoff. Bei den befragten Kommunen schlossen nur fünf Prozent eine Wasserstoffnutzung aus. Der Löwenanteil von 95 Prozent hingegen setzt fest auf den neuen Energieträger oder hält einen Einsatz für möglich.

Das mag ja sein. Gleichzeitig aber dürften doch gerade im Haushaltskundenbereich Wärmepumpen und Fernwärme den Energieträger Gas weitgehend ablösen, Gasnetze also zumindest hier überflüssig werden. Oder bezweifeln Sie auch das?

Es wird auch künftig Gebiete geben, in denen sich Wasserstoffheizungen lohnen werden. Aber selbst dort, wo Wasserstoffheizungen nicht die beste Option sind, dürfen wir eines nicht vergessen: Wir brauchen das Verteilnetz auch für die Fernwärme. Denn wenn ich in einer dicht besiedelten Stadt wie Köln die Wärmenetze umrüsten möchte: Was ist dann die Wärmequelle?

Sagen Sie es.

In vielen Fällen ein Blockheizkraftwerk, das mit Wasserstoff betrieben wird. Damit der Wasserstoff aber zum Kraftwerk gelangt, benötigen wir Verteilnetze. Der DGVW veröffentlicht in diesen Tagen eine Studie, in der wir die rund 70.500 Kraftwerksstandorte in Deutschland mit einer gesamten installierten Leistung von 82 Gigawatt analysiert haben, ob diese nach einer Umrüstung über das Fernleitungsnetz, das Wasserstoff-Kernnetz oder das Gasverteilnetz versorgt würden.

Und?

Die Kraftwerksstandorte sind regional breit gestreut. Aber über 80 Prozent der Anlagen mit 62 Gigawatt und rund drei Viertel der Gesamtleistung befinden sich über einen Kilometer vom bestehenden Fernleitungsnetz entfernt – und damit im Bereich des aktuellen Gasverteilnetzes. Eindrucksvoller lässt sich nicht belegen, dass wir die bestehende Gasinfrastruktur künftig für Wasserstoff benötigen. Wer etwas anderes behauptet, streut den Menschen Sand in die Augen oder handelt blind und blauäugig.  Richtig ist sicherlich: Wir werden einen Rückbau von Hausanschlussleitungen sehen. Zugleich aber werden wir eine Zunahme des Gasabsatzes haben, weil damit Wärme erzeugt werden muss. Und noch etwas wird in der derzeitigen Debatte oft unter den Tisch gekehrt.

Nämlich?

Wir gehen auch deshalb von einer hohen Last auf den Verteilnetzen aus, weil beim Transport von Wärme nicht unerhebliche Wärmeverluste auftreten. Blockheizkraftwerke stabilisieren übrigens nicht nur die Wärme-, sondern auch die Stromversorgung vor Ort  – und das ganz ohne Transport von Offshore-Windstrom durch halb Deutschland samt damit einhergehenden, enormen Stromnetzausbaukosten.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass keiner verlässlich sagen kann, wann wir wie viel Wasserstoff zu welchem Preis in Deutschland haben werden – Wasserstoffstrategien hin oder her. Nicht umsonst wird Wasserstoff immer wieder als Champagner der Energiewende bezeichnet.

Diese Begrifflichkeit ist längst überholt und wird nur noch von unverbesserlichen Ideologen und Transformationsverweigern verwendet. Lassen Sie mich auf die Verfügbarkeit eingehen. Wenn das Wasserstoff-Kernnetz wie geplant bis 2032 steht, kann es nicht sein, dass es leer bleibt. Die Bundesregierung selbst rechnet bereits im Jahr 2030 mit einem Wasserstoffbedarf von bis zu 130 Terawattstunden.

Und Sie selbst?

Für das Jahr 20245 gehen wir von einem Wasserstoffbedarf in Deutschland von mehr als 500 Terawattstunden aus. Etwa 100 Terawattstunden davon können wir dann selbst produzieren. Dazu kommen weitere 100 Terawattstunden Biomethan.

Dann fehlen noch immer mehr als drei Fünftel, die wir durch Importe decken müssten. Wo sollen die denn alle herkommen?

Dafür gibt es eine Reihe möglicher Lieferanten. Denken wir nur an Norwegen, das uns schon jetzt blauen Wasserstoff liefern könnte. Oder an Länder wie die USA, den Oman, Saudi-Arabien oder Algerien, die Minister Habeck in den vergangenen Wochen besucht hat.

Und die teilweise befürchteten Mondpreise?

Unsere Studien zeigen, dass das auch nicht der Fall sein wird. Grob kann man Folgendes sagen: Sonnenreiche Länder im Mittleren Osten gehen davon aus, dass sich ihre Produktionskosten zwischen einem und eineinhalb Euro pro Kilogramm Wasserstoff bewegen werden. Dazu kommen die Transportkosten. Dann werden wir wohl bei etwa vier Euro pro Kilogramm auf dem deutschen Markt landen. Das wird in etwa den Erzeugungskosten in Deutschland selbst entsprechen.

Was heißt das für Verbraucher – umgerechnet auf Kilowattstunden?

Da werden wir bei rund 12 Cent liegen.

Also dort, wo die Bundesregierung 2023 die Gaspreisbremsenschwelle einzog.

Tatsächlich rechnen wir perspektivisch mit einem fallenden Erdgaspreis auf den Großhandelsmärkten. Der Abwärtstrend wird jedoch von der Inflation aufgezehrt. Wir gehen also auch bei Erdgas für 2035 und die Folgejahre von einem Kilowattstundenpreis in Höhe von rund 12 Cent aus.

Die Bundesregierung scheint hier weniger zuversichtlich zu sein. Sie rechnet im Rahmen der Kraftwerksstrategie damit, dass der Betrieb von Wasserstoffkraftwerken auch nach 2035 noch bezuschusst werden muss, um mit Erdgaskraftwerken mithalten zu können. Aber lassen Sie uns zum Ideenpapier des Wirtschaftsministeriums zurückkehren. Eigentlich ist es doch begrüßenswert, dass das Ministerium mit der Branche darüber debattieren will, wann man Gasnetze, die nicht mehr benötigt werden, wie stilllegen soll. Auch die EU macht hier ja Druck.

Wir kritisieren, dass der ganze Prozess mal wieder von den Füßen auf den Kopf gestellt wird. Eigentlich sind jetzt zuerst die Kommunen am Zug. Regionale Gegebenheiten sind entscheidend, nicht Planspiele aus Berliner Amtsstuben mit Bevormundungscharakter. Die Menschen vor Ort haben zu entscheiden, welche Technologien im Rahmen ihrer Wärmeplanung infrage kommen. Erst dann stellt sich die Frage, ob man Gasnetze zurückbauen muss. Stattdessen wird nun wieder nur über die Stilllegung von Gasnetzen geredet. Das schürt bei den Kommunen neue Verunsicherung. Das ist schon absurd.

Das Interview führte Andreas Baumer

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper