Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Das wichtigste Erdgasfeld Aserbaidschans ist das Shah-Deniz-Feld, eines der größten Offshore-Gasfelder der Welt, das sich im Kaspischen Meer befindet. Entdeckt wurde es 1999, die Förderung begann im Jahr 2006. Das Feld wird von einem internationalen Konsortium betrieben, dem unter anderem BP,  Socar und Lukoil angehören.

Im Shah-Denis-Feld werden gewinnbare Gasreserven in Höhe von 1200 Mrd. Kubikmeter vermutet. Das Feld ist damit unter den 20 größten Erdgasfeldern weltweit. Daneben hat Aserbaidschan weitere Öl- und Gasreserven. Im Absheron-Feld werden Gasreserven in Höhe von 350 Milliarden Kubikmeter vermutet, die Erdgasförderung begann im Jahr 2023. Im Umid-Feld liegen geschätzte Reserven in Höhe von 200 Milliarden Kubikmeter Erdgas, bisher wird jedoch nur wenig gefördert. Im Babek-Feld werden insgesamt 400 Milliarden Kubikmeter Erdgasreserven vermutet, das Projekt befindet sich bisher in der Explorationsphase.

Erdgasförderung Aserbaidschans

Mit der zweiten Phase des Shah-Deniz-Projekts, bekannt als "Shah Deniz 2", hat Aserbaidschan seine Exportkapazitäten seit 2020 deutlich erweitert. Aserbaidschan exportiert das Erdgas aus dem Shah-Denis-Feld über den sogenannten südlichen Gaskorridor. Damit ist der Zusammenschluss der drei Pipelines Südkaukasus-Pipeline (Aserbaidschan, Georgien, Türkei), Transanatolische Pipeline (TANAP, Türkei) und Transadriatische Pipeline (TAP. Griechenland, Albanien, Italien) über insgesamt 3500 Kilometer gemeint.

Aserbaidschan förderte im Jahr 2023 rund 48 Milliarden Kubikmeter Erdgas und exportierte davon knapp 12 Milliarden Kubikmeter in die EU, 9,5 Milliarden Kubikmeter in die Türkei und 2,5 Milliarden Kubikmeter nach Georgien.

Planungen zu einem Südlichen Gaskorridor

Die EU hatte schon vor mehr als 20 Jahren begonnen, Projekte zu unterstützen, die sich für einen südlichen Gaskorridor aussprachen, um die damalige hohe Abhängigkeit von russischem Erdgas zu diversifizieren.

Die Nabucco-Pipeline sollte ursprünglich 31 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus der kaspischen und zentralasiatischen Region nach Europa liefern, auf der Route durch die Türkei, Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Österreich. Neben Aserbaidschan hätte dieses Projekt perspektivisch den Förderländern Turkmenistan, Irak, Iran, Usbekistan und Kasachstan Zugang zum europäischen Markt gegeben. Das Projekt wurde im Jahr 2013 eingestellt.

Vorschläge zu einem als "White Stream Pipeline" benannten Projekt gehen zurück in das Jahr 2010, die Pipeline sollte unter anderem turkmenisches und aserbaidschanisches Erdgas von Georgien durch das Schwarze Meer nach Rumänien in die EU liefern. Das Projekt gilt seit Januar 2023 als gestoppt.

Aserbaidschans Einfluss

Beide Projekte wurden schließlich aus unterschiedlichen ökonomischen, infrastrukturellen und politischen Gründen nicht realisiert. Bei der Nabucco-Pipeline kam damals der politische Druck von Gazprom hinzu, der das Projekt letztendlich scheitern ließ.

Beide Projekte haben jedoch gemein, dass sie nicht exklusiv aserbaidschanisches Erdgas in die EU geliefert hätten. Daher unterstützte Aserbaidschan von Beginn einen alternativen Weg, und zwar über die TAP-Pipeline.

Die TAP AG wurde 2007 mit Sitz in der Schweiz gegründet, die aserbaidschanische SOCAR hält daran 20 Prozent. Fünf Jahre später schlossen die Shah-Deniz-Gesellschafter und die TAP AG eine Kooperation. Damit erhielt Aserbaidschan unbegrenzten Zugang auf der TAP-Pipeline zur Ausbeutung des Shah-Deniz-Feldes.

"Kaviar-Diplomatie" Aserbaidschans

Was als Initiative der EU für einen südlichen Gaskorridor im Jahr 2008 begann, ist nun seit 2014 ein Konsortium, das zu 51 Prozent der Regierung Aserbaidschans und zu 49 Prozent Socar, dem staatlicher Energiekonzern Aserbaidschans gehört. Aserbaidschan sicherte sich damit einen exklusiven Zugang zum europäischen Markt. In vielen Medienberichten der letzten Jahre wurde dies auch als Erfolg der sogenannten "Kaviar-Diplomatie" Aserbaidschans beschrieben.

Dies Art von Diplomatie beschreibt die systematische Strategie der Einflussnahme bei europäischen Politikern mit Luxusgeschenken, Geld und Reisen, um Menschenrechtsverstöße in Aserbaidschan zu verharmlosen, wirtschaftliche Sanktionen zu verhindern und das Investitionsklima zu verbessern.  Zynisch könnte man also sagen, im Fall des Energieprojekts TAP-Pipeline war diese Strategie erfolgreich.

Unser Kolumnist Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo. Er analysiert wöchentlich die aktuellen Entwicklungen im Gasmarkt für das ZfK-Morning Briefing. Der Titel seiner letzten Analyse lautetErdgas aus Griechenland für die Ukraine.

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