Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Der aggregierte Füllstand der EU-Gasspeicher fällt in dieser Woche unter 40 Prozent, das sind 11 Prozentpunkte weniger als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre zu diesem Zeitpunkt. Damit fehlen der EU gegenüber dem Vorjahr rund 260 TWh gespeichertes Erdgas. Der niedrige Speicherstand wird den Bedarf Europas an zusätzlichen Erdgasimporten in diesem Sommer deutlich nach oben treiben, um die Gasspeicher bis zum Winter wieder vollständig zu füllen.

Mit der Einstellung des russischen Gastransits durch die Ukraine fallen in diesem Jahr rund 8 Milliarden Kubikmeter weg. Nach der Rekordproduktion im Vorjahr, soll zudem die norwegische Gasproduktion in diesem Jahr um rund 2,5 Milliarden Kubikmeter fallen.

LNG Bedarf im Sommer wird steigen

Ausreichende Flexibilität für den zusätzlichen Bedarf ist weder über die Importe der Turkish-Stream-Pipeline noch über Algerien zu erwarten, auch die europäische Gasförderung könnte 2025 gegenüber dem Vorjahr leicht sinken. Das zusätzliche Speichergas wird daher nur über zusätzliche LNG-Lieferungen bereitgestellt werden können.

Die durchschnittliche Kapazität eines LNG-Tankers liegt zwischen 140 und 180 Tausend Kubikmeter LNG, nach Regasifizierung im LNG-Terminal entspricht dies einer Aussendungsmenge von rund 800 bis 1000 Gigawattstunden (GWh) Erdgas.

Bedarf an 260 zusätzlichen LNG-Lieferungen

Dies bedeutet, dass Europa in diesem Sommer mindestens 260 zusätzliche LNG-Lieferungen anziehen muss, um die Fehlmenge gegenüber 2024 auszugleichen. Im Zeitraum April bis September 2024 importierte Europa 630 LNG-Lieferungen, dies entspräche also einer Erhöhung von 40 Prozent bezogen auf diesen Lieferzeitraum. Der zusätzliche Gasbedarf in Europa wird den globalen Gasmarkt signifikant verknappen, da die erforderliche Menge über dem erwarteten Anstieg des weltweiten LNG-Angebots 2025 liegt. Der europäische Gasmarkt steht damit in diesem Jahr vor einer großen Herausforderung.

Erst ab 2026 wird mit einer Welle neuer LNG-Projekte in den USA und Katar das Angebot sprunghaft steigen. Bis zum Jahr 2030 soll sich das weltweite LNG-Angebot dadurch um sagenhafte 50 Prozent erhöhen.

Gasnachfrage auf Jahrestief, Negativer Spread löst sich auf

Die Gasnachfrage fällt in dieser Woche mit durchschnittlich 16 Terawattstunden (TWh) pro Tag auf den tiefsten Stand seit Jahresbeginn. In Deutschland fiel die Gasnachfrage an einigen Tagen deutlich unter 3 TWh pro Tag (5-Jahres-Norm: 3,3 TWh pro Tag). Abwärtspotenzial hat sich in dieser Woche auch durch die mögliche Flexibilisierung der Speicherziele ergeben. Die EU-Kommission erklärte am Mittwoch, den Ländern mehr Flexibilität bei der Speicherbefüllung einzuräumen, um Systemstress und Marktverzerrungen zu vermeiden.

Die Anomalie des negativen Sommer-Winter-Spreads hatte sich daraufhin in den letzten Tagen sukzessive aufgelöst. Am deutschen THE stieg der Spread zuletzt auf bis zu -0,50 Euro je MWh, am britischen NBP notierte Winter-25 bereits am Mittwoch teurer als Sommer-25.

Aussicht auf Friedensabkommen

Um sich die Unterstützung der USA bei der Beendigung des Krieges zu sichern, hat sich die Ukraine mit den USA auf einen Entwurf für ein Rohstoffabkommen geeinigt. Der ukrainische Präsident Selenskyj wird Ende der Woche in den USA erwartet, um das Abkommen zu unterzeichnen. Unklar ist jedoch, ob das Abkommen zustande kommt, da der bisherige Entwurf Sicherheitsgarantieren für die Ukraine ausschließt und darauf abzielt, einen Investitionsfonds für den Wideraufbau einzurichten. Die europäischen Länder sind besorgt über möglicherweise zu viele Zugeständnisse an die USA.
 

Unser Kolumnist Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo. Er analysiert wöchentlich die aktuellen Entwicklungen im Gasmarkt für das ZfK-Morning Briefing.

Der Titel seiner letzten Analyse lautet: Gasverstromung erreicht im Januar Fünfjahreshoch

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