Der seit Monaten andauernde Höhenflug der Gaspreise im Großhandel schlägt zunehmend auf Verbraucherseite durch. Nach Angaben der Vergleichsportale Verivox und Check24 haben zahlreiche Gasanbieter Preiserhöhungen für den Herbst angekündigt.
Verivox hat ein Plus von durchschnittlich 12,6 Prozent ermittelt, nach Check-24-Berechnungen sind es 11,5 Prozent. Für einen Durchschnittshaushalt führe das zu Mehrkosten von 188 Euro beziehungsweise 172 Euro im Jahr.
Gaspreise schießen nach oben
Der Preis für Erdgas legte um gut 44 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt in seiner Erhebung zu den Erzeugerpreisen berichtete. An den Kurzfristmärkten haben sich die Preise für Erdgas seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt.
Die Gründe für das Gashoch sind vielfältig. Beispielsweise treibt die unvermindert hohe Nachfrage nach Gas in Asien den Preis. Das führt dazu, dass Schiffe Flüssigerdgas (LNG) derzeit lieber dorthin verkaufen als nach Europa.
Extreme Lage in Großbritannien
Besonders extrem ist die Lage in Großbritannien. Dort sind die Gaspreise seit Jahresbeginn um 250 Prozent gestiegen. Die Energiekrise könne noch mehrere Monate dauern, sagte Premierminister Boris Johnson.
Dazu kommen die noch immer vergleichsweise niedrigen Füllstände in Europas Gasspeichern. In Deutschland sind sie nach Angaben des Branchendienstes AGSI+ derzeit zu 64 Prozent gefüllt.
Speicher als Reserve
Vor einem Jahr betrug der Füllstand gut 94 Prozent. Auch in den meisten Jahren zuvor waren die Speicher vor Beginn der Heizsaison deutlich besser gefüllt als aktuell.
Die über ganz Deutschland verteilten unterirdischen Speicher gleichen vor allem im Winter Verbrauchsspitzen aus. An kalten Tagen werden bis zu 60 Prozent des Gasverbrauchs in Deutschland aus inländischen Speichern abgedeckt, heißt es beim Branchenverband Initiative Erdgasspeicher (Ines).
Ines: Keine Gefahr für erste Winterhälfte
23 Milliarden Kubikmeter Gas können in den Speichern gelagert werden. Das ist etwa ein Viertel der jährlich in Deutschland verbrauchten Erdgasmenge.
Eine Gefahr für die Versorgungssicherheit sieht der Verband allerdings zumindest für die erste Winterhälfte nicht. Die technischen Potenziale zur Einspeicherung seien ausreichend vorhanden, teilt er mit. Der Verband hält es zudem für richtig, dass die Bundesregierung zum jetzigen Zeitpunkt nicht in den Gasspeichermarkt eingreifen wolle.
Ausfälle und Wartungsarbeiten
Warum in den Speichern derzeit weniger Gas ist als üblich, lässt sich nicht eindeutig sagen. Ausfälle und Wartungsarbeiten an der Gas-Infrastruktur in Europa hätten zur Folge gehabt, "dass die Gasspeicher nicht so stark wie sonst üblich über den Sommer gefüllt werden konnten", sagt Eren Çam vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln.
Der Essener Energiekonzern RWE verweist zudem auf das Auslaufen der Erdgasproduktion in den Niederlanden.
Russlands Rolle
Oliver Krischer, Fraktionsvize der Grünen im Bundestag, hat eine andere Erklärung. "Die Situation bei den leeren Gazprom-Speichern in Deutschland und Europa dürfte bewusst herbeigeführt worden sein", vermutet er. Deutschland rutsche damit "in eine Situation mit Erpressungspotenzial", warnt Krischer mit Blick auf das Genehmigungsverfahren für die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2.
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wies in der vergangenen Woche Vermutungen zurück, dass die Energiegroßmacht Russland irgendetwas mit der derzeitigen Preisrallye zu tun habe. Auch Gazprom bestreitet den auch von mehreren Dutzend EU-Abgeordneten geäußerten Verdacht der Marktmanipulation.
Gasmangel im Winter?
Die EU erhalte alles, was laut Verträgen vereinbart sei, teilte das Unternehmen der Agentur Interfax zufolge mit. Es werde auch versucht, den zusätzlichen Bedarf zu decken. Wie groß die Erzeugungskapazitäten des Unternehmens dabei wirklich sind, ist nicht bekannt, weil Gazprom dazu keine Daten veröffentlicht.
Trotzdem warnt Grünen-Politiker Krischer: "Wenn es richtig kalt wird im Februar, wichtige Speicher leer sind und Nord Stream 2 nicht in Betrieb genommen wurde, können regional Engpässe auftreten", befürchtet er. "Dann bleiben Wohnungen kalt und Gaskraftwerke müssen abgeschaltet werden."
"Erwarten größere Gaspreiswelle"
Auch der Speicher-Branchenverband warnt. "Wenn die Gasspeicher nicht ausreichend befüllt sind, kann es zu Zeiten hoher Nachfrage zu Gas-Versorgungsunterbrechungen kommen", sagt Geschäftsführer Sebastian Bleschke.
Bei den Preisen gibt es für die Verbraucher keine Entwarnung. Ganz im Gegenteil: "Wir erwarten in diesem Herbst eine größere Gaspreiswelle", sagt Verivox-Energieexperte Thorsten Storck.
CO2-Preis als Kostentreiber
Auch Check24-Geschäftsführer Steffen Suttner rechnet in diesem Winter mit weiteren Gaspreiserhöhungen. Daran sei "nicht zuletzt die steigende CO2-Abgabe schuld". Der CO2-Preis im Verkehr und fürs Heizen beträgt derzeit 25 Euro pro Tonne CO2 und steigt mit dem Jahreswechsel auf 30 Euro.
Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) forderte unterdessen, die Einnahmen aus dem CO2-Preis auf Öl und Gas vollständig an die Bürgerinnen und Bürger zurückzuerstatten. (dpa/aba)
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