Anmerkung: In einer ersten Fassung stand, die russische Gasversorgung sei seit 2016 rückläufig gewesen. Die entsprechende Passage wurde aktualisiert und konkretisiert.
Herr Endress, die Gaspreise sind im Sommer regelrecht nach oben geschossen und haben Anfang September sogar die 50-Euro-Marke geknackt. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in Asien. Warum?
Der europäische Gasmarkt steht mittlerweile in enger Konkurrenz zu den globalen LNG-Märkten. Das bedeutet für Europa eine höhere Preiskorrelation zum asiatischen LNG-Markt.
Diesen Sommer erlebte Asien nach einem kalten Winter eine extreme Hitzewelle. Deshalb war dort die Bereitschaft noch größer als in Europa, zu hohen Preisen Gas zu kaufen, auch weil in Asien Gas im Wesentlichen zur Stromproduktion dient.
Also steuerten LNG-Schiffe lieber asiatische als europäische Häfen an. Besonders bemerkenswert war die Entwicklung in China, das sich zum weltweit größten LNG-Importeur aufgeschwungen hat. Die Importe in die Volksrepublik haben um 28 Prozent zugenommen. Dadurch sind auch 90 Prozent des Bruttowachstums im asiatisch-pazifischen Raum auf China zurückzuführen.
Aber ist LNG für den europäischen Gasmarkt überhaupt so wichtig?
Die Bedeutung von LNG ist in den vergangenen fünf Jahren deutlich gestiegen. 2017 machte Flüssigerdgas in Europa noch zehn Prozent der Gasversorgung aus. Inzwischen sind es trotz verknappten Angebots 17 Prozent, wenn wir die täglichen Ausspeisungen als Maßstab nehmen.
Für den europäischen Gasmarkt ist LNG also eine wichtige Position. Und die Nachfrage dürfte weiter steigen. Zum einen wird im niederländischen Groningen bald kein Gas mehr produziert. Zum anderen herrscht Unsicherheit darüber, inwiefern Russland mit Inbetriebnahme von Nord Stream 2 tatsächlich mehr Erdgas liefern wird.
Das müssen Sie erklären.
Die russischen Tagesdurchschnittsliefermengen sind im europäischen Gesamtmix von 2017 auf 2021 um vier Prozent gesunken.
Die große Frage ist nun: Kehrt sich dieser Trend mit Betriebsstart von Nord Stream 2 um? Am Terminmarkt gibt es Hoffnung, dass sich die Situation entspannt, sobald die Pipeline in Betrieb gehen sollte. Ich bin mir aber nicht so sicher, dass dann tatsächlich mehr Gas nach Europa kommt.
Weshalb?
Russlands Gaskonzern Gazprom veröffentlicht keine Daten zu seinen Produktionskapazitäten. Wir wissen allerdings, was Gazprom in den vergangenen Jahren nach Europa, die Türkei eingeschlossen, importiert hat: nämlich ungefähr 200 Mrd. Kubikmeter Gas pro Jahr.
Wir wissen zudem, dass die beiden Nord-Stream-Pipelines insgesamt 110 Mrd. Kubikmeter Gas liefern sollen. Dazu kommen 40 Mrd. bereits bezahlte Kubikmeter, die in den nächsten Jahren durch die Ukraine kommen sollen. In die Türkei und nach Bulgarien sollen noch einmal insgesamt 60 bis 70 Mrd. Kubikmeter gehen. Fraglich ist, wie viel Gas dann noch über die durch Polen geleitete Jamal-Pipeline nach Europa fließen wird.
Sollte Gazprom statt der bislang 30 Kubikmeter pro Jahr wenig bis gar nichts mehr über Polen liefern, wäre im Endeffekt kaum mehr russisches Gas auf dem europäischen Markt vorhanden als bisher. Dann würde Nord Stream 2 nicht so sehr zu einer Vermehrung, sondern vielmehr zu einer Umverteilung russischen Gases führen.
Bliebe die Hoffnung, dass ein größeres LNG-Angebot rückläufige Gasmengen in Europa kompensiert.
LNG-Projekte benötigen in der Regel fünf Jahre Vorlaufzeit, ehe sie an den Markt gehen. Deshalb können wir jetzt schon sagen, dass der Zuwachs in den nächsten Jahren deutlich geringer ausfallen wird als in den vorherigen fünf Jahren.
Erst mit Fertigstellung des LNG-Expansionsprojekts in Katar voraussichtlich im Jahr 2025 dürfte sich die Situation wieder merklich entspannen. Dann sollen dem globalen Markt mehr als 30 Mio. Tonnen LNG zusätzlich zur Verfügung stehen. Das entspricht ungefähr zehn Prozent des jährlichen EU-Gasverbrauchs.
Bis dahin aber dürfte das Angebot knapp bleiben. Ist die globale Nachfrage dann wie in diesem Sommer hoch, dürften auch Preisspitzen von 50 Euro pro MWh keine Seltenheit sein.
Joachim Endress ist Geschäftsführer von Ganexo, einem professionellen Dienstleister für Marktanalysen und Beratung im Gasmarkt. Die Fragen stellte Andreas Baumer.



