Von Andreas Baumer
Die bislang größte Kältewelle in diesem Jahr hat auch in den deutschen Gasspeichern deutliche Spuren hinterlassen. Gleich an drei Tagen in Folge fiel der durchschnittliche Füllstand um mehr als einen Prozentpunkt. Am Donnerstagvormittag waren die Speicher noch zu 38 Prozent gefüllt, am Freitagvormittag zu 37 Prozent. Zum Vergleich: Die Gasspeicher waren mit einem durchschnittlichen Füllstand von 56 Prozent in den Februar gestartet. Zu Jahresbeginn waren es sogar noch 80 Prozent gewesen.
Aus Sicht des Gasspeicherbetreiberverbands Ines gibt es zwei relevante Faktoren für das zuletzt hohe Ausspeicherniveau. "Der Gasverbrauch lag im Januar und Februar durchschnittlich bei 3,9 Terawattstunden pro Tag", schreibt Geschäftsführer Sebastian Heinermann. "Verglichen mit den letzten zwei eher verbrauchsschwächeren Wintern ist die Versorgungsaufgabe in diesem Winter also wesentlich größer."
Allein mit den Temperaturen ließen sich die hohen Ausspeicherraten allerdings nicht erklären. "Dafür müssten die Temperaturen deutlich niedriger und die Verbrauchswerte noch höher sein. Vor diesem Hintergrund scheint mir sehr eindeutig die Preissituation eine Ursache für die hohen Speicherbewegungen zu sein. Die hohen Spotmarkt- und Sommerpreise bewegen anscheinend die Marktakteure zur Ausspeicherung."
Spotpreise von fast 60 Euro pro MWh
Der Gasmarkt hat bewegte Wochen hinter sich. Die Day-Ahead-Preise am Handelspunkt THE schossen am 10. Februar in der Spitze auf fast 60 Euro pro Megawattstunde (MWh). Seitdem ging es wieder rasant nach unten. Am Freitag schloss der Kurs bei 48 Euro pro MWh.
Die hohen Ausspeicherungen testen auch die Untergrenzen von Gasspeicherszenarien. "Was die Entwicklung der Speicherfüllstände anbelangt, bewegen wir uns derzeit am unteren Rand des Korridors, den Ines mit dem Januar-Update zu den verbandseigenen Gasszenarien beschrieben hat", erläutert Heinermann. "Die Füllstandsentwicklung beschreibt also gerade eine Extremsituation, wie sie normalerweise nur bei extrem kalten Temperaturen auftreten müsste. Das spricht sehr dafür, dass kommerzielle Erwägungen hinter den hohen Ausspeicherungen stecken."
Geht man nach dem Ines-Extremszenario, das physikalische Notwendigkeiten und keine kommerziellen Erwägungen in den Blick nimmt, beenden die Gasspeicher auf deutschem Boden diesen Winter mit einem Füllstand von 24 Prozent. Ein Negativrekord wäre dies übrigens nicht. 2018 starteten die Gasspeicher mit einem durchschnittlichen Füllstand von 14 Prozent in die Sommersaison, die traditionell am 1. April beginnt.
Sorgen um Kosten der Wiederbefüllung
So beruhigt auch Ines: "Selbst bei der aktuell sehr extremen Füllstandsentwicklung werden wir nach aktueller Einschätzung gut durch den restlichen Winter kommen." Ähnlich sieht es die Bundesnetzagentur. Sie schätzt die Gefahr einer angespannten Gasversorgung im Augenblick als gering ein, wie sie auf ihrer Website mitteilt.
Sorgen macht dem Gasmarkt zurzeit eher die Wiederbefüllung der Speicher bis zum Herbst. Laut Energiewirtschaftsgesetz müssen die Speicher zum 1. Oktober zu 80 Prozent gefüllt sein. Zum 1. November müssen es dann schon 90 Prozent sein.
Zum Vergleich: Das würde heißen, dass Speicherkunden ausgehend vom jetzigen Füllstand bis Anfang November mindestens rund 130 TWh einlagern müssten. Das entspräche rund 15 Prozent des gesamten Gasverbrauchs des vergangenen Jahres. Weil die Füllstände aber bis zum Ende der Wintersaison noch weiter sinken dürften, dürfte die Menge noch steigen. Eine solch hohe Nachfrage treibt auch die Gaspreise in den Sommermonaten.
Wirtschaftsministerium für weniger rigide Vorgaben
"Wir brauchen mehr Flexibilität", forderte jüngst der Energieverband BDEW. Die gesetzlichen Vorgaben seien nun "kontraproduktiv", führte er aus. "Eine staatliche Marktintervention durch die gesetzlichen Vorgaben hat großen Einfluss auf das Marktverhalten und zeigt sich als Fehlanreiz in Bezug auf die saisonale Eindeckung. Diese Marktverzerrungen müssen kurzfristig reduziert werden."
Mehr Flexibilität bei den Füllstandszielen könnte zu einer Beruhigung des Marktes beitragen, glaubt der Verband. "Dies gilt insbesondere mit Blick auf die europäischen Füllstandsziele und die Diskussion um eine mögliche Verlängerung der EU-Gasspeicherverordnung."
Auf ZfK-Nachfrage zeigte das Bundeswirtschaftsministerium Verständnis. "Wir unterstützen weniger rigide Speicherfüllstandsvorgaben", teilte eine Sprecherin mit. "Die Europäische Kommission hat in Aussicht gestellt, hier Abhilfe zu schaffen."
Neues Befüllungsprodukt von THE
Ines-Chef Heinermann wiederum plädiert dafür, sich auf die Frage zu konzentrieren, wie die Gasspeicher kosteneffizient vor dem kommenden Winter gefüllt werden könnten. Hier habe der Gas-Marktgebietsverantwortliche THE mit einem neuen Befüllungsprodukt namens SBI einen klugen Aufschlag gemacht, der im Detail noch verbessert werden könne.
Konkret soll das Produkt Händler dazu anreizen, auch dann Einspeicherungen vorzunehmen, wenn dies wirtschaftlich nicht sinnvoll erscheint. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn Händler für das Einspeichern von Gas mehr Geld zahlen müssen, als sie beim Ausspeichern verdienen.
Generell hat eine Flexibilisierung der Füllstandsvorgaben aus Heinermanns Sicht aber durchaus Sinn. "Eine Abschaffung der Zwischenziele erhöht die Freiheitsgrade bei der Befüllung und stärkt so die Kosteneffizienz."
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